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Die Maus kommt groß raus - endlich mehr Lesestoff für die Kleinen
KULTUR | BILDUNG IN LAOS (15.01.2007)
Von Anke Timman
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Großer Bruder Maus, so heißt das neue Buchlabel in Laos, unter dem Kinderbücher veröffentlicht werden. In Laos - einem Land mit großer oraler Tradition - gibt es nur wenige Bücher. Viele Kinder haben außer Schulbüchern noch nie ein Buch gelesen, manche nicht einmal das.

Anke Timman

Der Wegweiser zum Großen Bruder Maus (c) Anke Timman

Sascha ist groß und hager, beide Handgelenke sind bandagiert. Er schreibt zu viel am Computer. Obwohl er ein Workaholic ist, sieht man ihm seine 54 Jahre nicht an. Beim Stromausfall, der durch ein lautes Piepsen aller drei Computer im Raum angezeigt wird, bleibt er ganz cool. "Sichert alles, woran ihr arbeitet und fahrt dann den Computer runter", weist er die jungen Laoten an, die mit im Raum sitzen. Das ganze wiederholt sich in der nächsten Viertelstunde noch zweimal. Sascha ist es gewohnt, unter diesen Bedingungen zu arbeiten, Stromausfälle sind in Laos keine Seltenheit. Sascha ist Amerikaner. Bevor er nach Laos kam, hatte er in den USA einen Verlag und eine Reiseagentur. Außerdem wurde er als Kinderbuchautor ausgezeichnet. Dieses Know-How hat er nach Laos mitgebracht und dort das Buchprojekt Großer Bruder Maus initiiert.

"Wenige Laoten erwarten, dass Lesen Spaß machen könnte, zur Bildung beiträgt oder ihre Lebensqualität erhöht", so Sascha. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn in Laos werden kaum Bücher veröffentlicht, eine ausgeprägte Lesekultur gibt es nicht. Die wenigen Bücher, die veröffentlich werden - darunter Marx und Lenin auf laotisch und Pamphlete der Partei - erreichen die Dörfer kaum. Und dort lebt immerhin noch ein Großteil der Laoten.

30 Titel in eineinhalb Jahren

Großer Bruder Maus will das jetzt ändern. Und fängt bei den Kindern an. Sie sollen entdecken, dass Lesen Spaß macht. Seit März 2006 sind insgesamt 18 Kinderbuchtitel herausgekommen, fünf davon allein im Januar 2007. Darunter ein Buch über Dinosaurier, die auch in Laos sehr populär sind. Im Süden des Landes in Savannaketh wurden Eier von Dinosauriern gefunden. Ein weiterer Titel lautet: Gin keow leow, bo? - Hast Du schon Zähne gegessen? Der Gruß der Zahnbakterien, abgeleitet von der üblichen Begrüßungsformel in Laos: Hast du schon gegessen? Er soll Kinder dazu anleiten, regelmäßig Zähne zu putzen. Neben Titeln, um das laotische Alphabet zu lernen, gibt es unter anderem ein Buch über die Tiere Afrikas. Sascha erklärt dazu, dass nicht nur westliche Kultur vertreten sein soll. Die Bücher beinhalten eine große Bandbreite an unterschiedlichen Themen und Inhalten. Einige der Bücher greifen traditionelle laotische Geschichten auf, andere sind Übersetzungen von Geschichten aus anderen Ländern. Viele der Bücher sind zweisprachig Englisch und Laotisch, so bieten sie den Kindern die Chance, nicht nur Spaß am Lesen zu entdecken, sondern gleichzeitig Englisch zu lernen. Selbst Bücher in Minderheiten-Sprachen wie Hmong und Khamu sind vertreten. Bis Ende 2007 soll das Angebot 30 Bücher umfassen.

Sascha bezeichnet sich selbst nur als Berater. Eigentümer und Hauptverantwortlicher von Big Brother Mouse ist Khamla Panyasouk. Er lernte Sascha vor einigen Jahren im Rahmen eines Computerprojektes kennen. Seither arbeiten sie zusammen. Für seine 23 Jahre wirkt Khamla schon sehr erwachsen. Vielleicht liegt es daran, dass er in seinem jungen Leben schon einiges erlebt hat. Er war einige Jahre Novize in Luang Prabang und hat eine dreijährige Ausbildung als Lehrer hinter sich. Von ihm stammt das Alphabet-Buch. Auf die Frage, ob er lieber schreibt oder die ganze organisatorische Arbeit macht, antwortet er smart: "Ich mag beides, schreiben und herausgeben. Wichtig ist es mir, den Kindern zu vermitteln, wie viel Spaß Lesen machen kann". Einmal in der Woche gibt es einen offenen Treff, bei dem die Kinder basteln, mit Touristen Englisch lernen und von den jungen Autoren und Illustratoren des Projektes Geschichten erzählt bekommen. Geschichtenerzählen hat in Laos eine lange Tradition. Viele Laoten schreiben nicht gern etwas auf. Gelernt wird durch beobachten und selber ausprobieren.

Büchervertrieb über Touristen

Buchhandlung in Luang Prabang [Anke Timman]Zwei junge Engländerinnen kommen in den Laden und kaufen 40 Bücher auf einen Schlag. Am Wochenende gehen sie auf einen Trekkingtour im Norden des Landes und wollen die Bücher in den Dörfern verteilen. Bingo, die Idee, dass Touristen die Bücher für laotische Kinder kaufen funktioniert. Einer der Gründe, warum Big Brother Mouse im Norden anfing, ist, dass es in Luang Prabang deutlich mehr Touristen gibt. Die Hauptkäufergruppe der gnadenlos günstigen Bücher. Die Bücher sind für westliche Verhältnisse mit 15.000 Kip - umgerechnet etwa 1.50 US$ - sehr preiswert. In Laos jedoch, wo der durchschnittliche Monatsverdienst bei ungefähr 50 Dollar liegt, kann das schon ins Gewicht fallen.

Der Vertrieb von Druckerzeugnissen ist in Laos beschwerlich. Nicht einmal die laotischen Tageszeitungen schaffen es aus der Hauptstadt Vientiane bis in die alte Königsstadt Luang Prabang. Buchhandlungen, Bibliotheken und Druckerzeugnisse findet man fast nur in Vientiane, vereinzelt in anderen größeren Städten und bis auf wenige Ausnahmen kaum auf den Dörfern. Da passt die Idee, das Projekt in Luang Prabang zu starten und die Touristen den Vertrieb übernehmen zu lassen.

Book-Swapping: Tauschen statt kaufen

Faszination Buch [Anke Timman]Ein weiterer wichtiger Gedanke ist der Buchtausch. Aber auch diese neue Idee muss erst einmal verständlich rübergebracht werden. "Nach dem ersten Buchtauschtag fehlte ein Drittel der Bücher", so Sascha, "weil die Kinder nicht genau verstanden, wie es funktioniert. Sie sahen ihre Freunde mit Büchern unterm Arm herauskommen und machten es nach. Manche der Bücher sahen nach ein paar Tagen Ausleihe aus, als wären sie schon Jahre alt, weil die Kinder noch nie vorher Bücher besessen hatten und gar nicht wussten, wie man damit umgeht. Das größte Problem jedoch ist, dass die Kinder nach einiger Zeit alle Bücher gelesen haben und es keine neuen Bücher zum Ausleihen mehr gibt."

Fünf der Bücher sind in Zusammenarbeit mit dem Verlag Dokkek aus Vientiane zustande gekommen. Hinter Dokkek verbirgt sich Douangdeuane Bounyavong, die Tochter des berühmten laotischen Historikers und Autors Maha Sila Viravong mit ihren zwei Töchtern. Douangdeuanes Herz schlägt für Literatur und fürs Schreiben. Und das kann sie. Im Jahr 2006 hat sie den Southeast Asian Writers Award für eine ihrer Geschichten bekommen.

Sie betreibt neben ihrer Arbeit als Autorin und Herausgeberin eine kleine Buchhandlung und einen Buchclub gegenüber dem Novotel in Vientiane. Zweidrittel der Bücher im Laden sind für die Ausleihe bestimmt. Seit vier Jahren besteht ihr Buchclub, gegen eine geringe Gebühr kann jeder Mitglied werden. Ein Großteil der Bücher und Magazine sind aus ihrem Privatbesitz, darunter viel in thailändischer Sprache. Da Thailändisch und Laotisch zwei verwandte Sprachen sind, können Laoten mit ein bisschen Anstrengung auch Thailändisch lesen. So bekommen sie die Möglichkeit, sich mit viel mehr Themen auseinander zu setzen, da der Printmarkt in Thailand deutlich vielfältiger und breiter ist.

Der laotische Buchmarkt für Leseanfänger ist inzwischen dank ausländischer Projekte wie Association for sending Picture Books to Lao Children, Action with Lao Children oder Room to Read gut abgedeckt. "Für Teenager und Erwachsene fehlt in Laos immer noch Lesestoff", beklagt sich Douangdeuane. Selbst die vielen neuen Magazine findet sie zu dürftig. �Sie bieten nicht genug Platz, kulturelle Rituale vernünftig zu erklären, Diskussionen anzustoßen und zu vertiefen. Ausführliche Essays über Themen wie Wissenschaft, Kunst und Soziales fehlen komplett. Stattdessen sind die Magazine voller Werbung. Sie selbst hat Erfahrung mit dem Magazinjournalismus. Bis 1975 hat sie das Kulturmagazin Painam herausgegeben. Sie zeigt mir die letzte Ausgabe vom Oktober 1975. Und wirklich, keine Werbung, stattdessen viel Platz, wichtige Themen ausführlich zu behandeln.

Bier statt Bücher?

Warum die Laoten so wenig lesen? "Grund dafür ist nicht nur einen hohe Analphabetenrate" erklärt Douangdeuane, "sondern auch fehlende Motivation. Früher unter dem französischen Schulsystem gab es mehr Bibliotheken, der Unterricht wurde aktiv abgehalten, die Schüler wurden zum Nachdenken angeregt. Es gab mehr Lesestoff und damit auch mehr Anreiz zu lesen. Heute findet an den Schulen, ja selbst an der Universität eher Frontalunterricht statt und kritisches Denken wird nicht gefördert. Statt zu lesen, gehen viele junge Leute lieber Bier trinken. Dann ergänzt sie noch verschmitzt: "Die öffentliche Dekoration ist gelb". Damit meint sie die laotische Biermarke Beer Lao. Die Vermarktung innerhalb des Landes ist so gut, dass die Straßendekoration in einigen Gegenden vom Gelb der Bierwerbung geprägt ist. Was wäre, wenn man zu jeder verkauften Kiste Bier ein Gratis-Buch dazu zu gibt oder zu jedem verkauften Buch eine Flasche Bier? Ob das den Leseanreiz erhöhen würde?

Der Anfang ist gemacht

Betrachtet man die letzten zehn Jahre, hat sich zumindest ein bisschen etwas auf dem Printmarkt getan. Mitte der 1990er, als sich Laos dem Tourismus öffnete, waren selbst in der Hauptstadt englischsprachige Tageszeitungen aus dem Nachbarland Thailand ein rar gehandeltes Gut. Man bekam sie nur, nachdem man ein zeitlang täglich im einzigen Supermarkt der Stadt beharrlich nachgefragt hatte und so den Eindruck vermittelte, einer der im Land arbeitenden ausländischen Experten zu sein. Nach bestandenem Ritual bekam man die Zeitung, die unter der Ladentheke gehandelt wurde. Allerdings erst ab 2 Uhr nachmittags, so lange dauerte der Weg vom circa eine Flugstunde entfernt liegenden Bangkok nach Vientiane. Es gab kaum Gedrucktes, nur vereinzelt Magazine von der Fluggesellschaft und der Tourismusbehörde, selbst Stadtpläne anderer Städte außer Vientiane waren schwer zu bekommen.

Inzwischen gibt es zumindest in der Hauptstadt eine breite Auswahl an laotischen Magazinen und internationalen Zeitungen. Durch das stetige Wirtschaftswachstum konnten sich in den letzten zwei bis drei Jahren einige private Business- und Lifestyle-Magazine sowie Musik- und Teenagermagazine am Markt etablieren. Die Hauptzielgruppe bleibt jedoch auch hier die mittelständische urbane laotische und teilweise ausländische Bevölkerung. Neue Buchhandlungen haben eröffnet, die auch ausländische Bücher importieren. Diese sind vor allem für die in Laos lebenden Ausländer, da die Bücher zum größten Teil auf Englisch und Französisch verfasst und durch den Import sehr teuer sind. Obwohl die neuen Magazine und Buchtitel überschaubar sind und darunter kaum kritische Literatur zu finden ist, ist ein Anfang getan. Bleibt zu hoffen, dass Projekte wie Großer Bruder Maus es schaffen, die Lesegewohnheiten in Laos zu ändern, eine neue Lesekultur zu etablieren und den Lesehungrigen dann auch genügend anspruchsvollen Lesestoff zu bieten. Gemäß dem Motto Maha Sila Viravongs: khon thi bo an wannakhadi, cha mi chid chai khaeng kadang, was in etwa bedeutet: Wer keine Literatur liest, wird ein Kleingeist bleiben.

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Jörg Rostek30.01.2007
"Analphabetismus scheint kein Thema für ein Industrieland wie Deutschland zu sein. Dennoch gibt es im Land der Dichter und Denker nach Schätzungen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung zufolge ca. 4 Millionen erwachsene funktionale Analphabeten. Trotz absolvierter Schulpflicht sind sie nicht in der Lage, eine Zeitung zu lesen, ein Formular auszufüllen oder einen Brief zu schreiben. Auf Leipzig heruntergerechnet würde dies ca. 20.000 Betroffene bedeuten."

Mehr zum Thema beispielsweise unter: http://bildungsklick.de/pm/25685/leipzig-...nicht

Sehr interessantes und wichtiges Thema gut durchdacht gegliedert. Nur eine gute Bildung, freies literarisches Schaffen und der uneingeschränkte Zugang zu Literatur für a l l e Bevölkerungsschichten wird es ermöglichen, jetzt und zukünftig eine gerechtere und friedlichere Welt zu schaffen. Hoffentlich machen solche Literaturinitiativen Schule. Schön wäre es, bald aus anderen Ländern ähnliches zu lesen! Berichten Sie weiter über Mut machende und positive Initiativen, Projekte und Entwicklungen auf unserem
Erball!

johannes 15.01.2007
Interessanter Artikel. Da weiß man die Lesestoffflut hier zu Lande wieder mehr zuschätzen ;-)

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