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Paris
REISE | ORTSWECHSEL (15.08.2008)
Von Olaf Götze
Sie haben Anzüge an, viele sind in Hemd oder Kostüm, ihre Kleidung sitzt mindestens, ebenso wie ihre Frisuren. Das Gesicht hat schon Wasser abbekommen und dem Körper wurde ein eigens erwählter Frischeduft hinzugefügt. Es ist der Weg zur Arbeit und jede und jeder hat sich irgendwie zurecht gemacht. Der Zug ist unterwegs nach Paris.

Aus den Vororten der Pariser Gegend, den Banlieues, fahren sie in das Zentrum. Hier, wo die Häuser die Hügel der Íle de Paris säumen, wohnen sie. Es sind Einfamilienhäuser, Mehrfamilienbauten und Hochhausblöcke. Ohne Unterbrechung geht eine Ortschaft in die nächste über und hinter diesem Ort liegt ein weiterer. Auf dem Hügel sind bereits die Appartements eines 7-8-stöckigen Hauses zu erkennen. So schlängelt sich der Zug durch die Landschaft und sammelt in den Bahnhöfen die Menschen ein auf dem Weg nach Paris.
O. Götze

Paris unter Tage: eine Bahn-Station. (c) O. Götze

Bretigny, Juvisy und Ivry sur Seine und rechts taucht schon der Fluß auf, für den Paris ebenso berühmt ist, wie für den Eifelturm. Ihm folgt die Linie der großen staatlichen Eisenbahn. Entlang der Strecke gibt es keine Industrie, wie im Ruhrgebiet und keine Einkaufszentren wie an den Einfallsstraßen amerikanischer Großstädte. Hier wohnen die Millionen Pariser, die in den Büros, den Cafes und den Kaufhäusern der Großstadt arbeiten. Die Arbeitnehmer und abhängig Beschäftigten, die in den Büros der Banken und Versicherungen sitzen, die die Touristenbusse fahren und den Müll einsammeln, die für den reibungslosen Ablauf sorgen. Die vielen Züge fahren sie in einen der Kopfbahnhöfe von Paris, den Gare du Nord, Gare de l’Est oder den Gare d’Austerlitz. Wenn die Hochhäuser nicht mehr 10 oder 15 Stockwerke tragen, sondern höher hinaus gehen und mit Büros besetzt sind, dann sind wir langsam in Paris. Hier schließen sich die riesigen Gleisanlagen an, welche den Puls der Stadt hinein und hinaus in sich aufnehmen.
Dann strömen die Menschen in die Bahnhöfe über- und unterirdisch verteilen sie sich auf die Metros, die Untergrundbahnen der Stadt. Viele von ihnen sind schwarzer Hautfarbe, nichts ungewöhnliches in Paris. Das Bild vermischt sich in ein buntgemixtes, nur scheinbares Chaos. Durch die automatischen Tore zwängen sich die Menschen, die ein Ticket besitzen, in alle Richtungen in die Tunnel zur Linie 2, 5 oder 14. Sie drängen in die überfüllten U-Bahnen, die Türen schließen nach kurzem Signal automatisch und die alten Gleisanlagen schütteln die Insassen hin und her. Kaum 500 Meter weiter gibt es die nächste Metrostation. Als Attraktion im Alltag lässt seit neuestem die Metro ohne Führerhäuschen staunen. Die vollautomatische Linie von Bibliothéque Francois Mitterand zum Gare du Nord. Futuristisch wirken die Bahnhofshallen. Die Fahrgäste sind durch Glastüren von den Gleisen getrennt und erst wenn diese sich öffnen, steigen sie in den Zug, vielleicht in den vordersten Waggon, von welchem sich in den Tunnel hineinblicken lässt.

In der Station Chatelet patroullieren in den Gängen Soldaten mit Maschinengewehren. Auch das gehört zum Alltagsbild in Paris, seit man auf Terroristenjagd ist, wo man bisher vor allem den Touristen hinterher jagte. Wie in Montmartre etwa, in einer Station führt zunächst eine Wendeltreppe 92 Stufen den Berg hinauf, bevor das Tageslicht erblickt werden kann. Es ist eines dieser bekannten Touristenziele, zu denen die Reisenden von überall her pilgern und nach den Postkarten- und Filmmotiven Ausschau halten, um dann festzustellen, dass sich dies Tausende anderer zur selben Zeit gedacht haben. Nur die Clowns auf den Treppenstufen bieten hier etwas fröhliche Entspannung. Während die Fotos nicht ganz gelingen wollen, weil sich immer wieder ein noch dreisteres Ehepaar vor die eigene Kamera positioniert. Daraus ergibt sich diese leichte Enttäuschung des Touristen, zwar etwas erlebt zu haben, aber nicht so genau zu wissen, was eigentlich die Lebendigkeit ausmacht. Sie gehen an Orte die ursprünglich der Entspannung und Reflektion dienen, eine Kirche etwa, einen Turm mit einer schönen Aussicht oder einen der berühmten Pariser Friedhöfe und fahren anschließend ohne eine Erkenntnis, aus der neue Energie erwächst, wieder nach Hause. Was diese Stadt in Bewegung hält, den Puls der Stadt bekommt der Tourist trotz seiner Zeit kaum mit. Aber jede und jeder wurde auf seine oder ihre Art und Weise bedient.
Die Züge schieben weiter die Massen im Untergrund hin und her. Durch die bunt gekachelten Bahnhöfe, die sich mal in einer langen Kurve strecken, ein anderes mal über mehrere Gleise in großen Bahnhofshallen ausbreiten und in denen die eingerahmten Plakate der neuesten Kinofilme und avantgardistischen Ausstellungen die Blicke auf sich fangen, bevor das Signal ertönt, die Türen schließen und das Dunkel wieder vorbeirauscht. Eingeengt zwischen Müttern mit Kindern, alten Herren mit Hut und jungen Frauen in hochhackigen Schuhen sitzen sie, alle stumm, in verschiedene Richtungen blickend bis der nächste Halt sie wieder ausspuckt in die Gänge. Die Rolltreppen rauf und runter und in die Linie 4 Richtung Süden.
Am Abend ist der Elan ermattet. Die arbeitenden Menschen krümmen ihre Rücken auf den freien Plätzen in den Vorortzügen. Niemand redet, nur einige Jugendliche hören laute Musik über Kopfhörer. Die Frische in den Gesichtern ist verblichen. Der Duft von Parfums ist dem Schweißgeruch in der Hitze des Zugabteils gewichen. Sie sind es, die das Leben in diese Stadt pumpen, jeden Tag auf das Neue. Abends werden sie erschöpft nach Hause gefahren, vorbei an den ersten Haltestellen, direkt in die großen Vororte. Am Bahnhof werden sie vielleicht erwartet von einem Bruder oder ihrer Frau. Sie sinken sich mit Freude in die Arme. Die Mühen des Tages gehen zu Ende. Morgen um 7:45 Uhr, Gleis 3 steigen sie erneut in den Zug nach Paris.

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