Zur aktuellen Ausgabe    
   
 
   
Zügig durch Russland
REISE | REISETAGEBUCH (15.11.2005)
Von Vera Bellenhaus
Nach drei Wochen ohne Telefon, Internet, Computer, Strom und fließendem Wasser. Nach drei Wochen Ruhe, Konfrontation mit absoluter Wildnis, Abgeschiedenheit vom Rest der Welt.

Wladiwostok
Wir, 15 Studierende der Landschaftsökologie aus Münster, waren für drei Wochen auf Exkursion im nördlich von Wladiwostok gelegenen Nationalpark Lasowski Sapowednik auf den Spuren der sibirischen Tiger unterwegs, die Tierwelt zu erforschen. Nun kehren wir aus dem Nirgendwo zurück in die etwa 700 000 Einwohner fassende Großstadt.

Wir werden hineingesogen ins pulsierende Leben dieser Großstadt, überschwemmt von Eindrücken der Zivilisation. In den von Musik beschallten Straßen tummeln sich junge Leute, trinken Kaffee, flanieren und genießen die Wärme des Sommers. Alt und Neu vermischen sich zu einem harmonischen Ganzen. Große Werbeplakate zieren die gigantischen und plumpen stalinistischen Gebäude, vor denen alte Leute vom Land frisches Obst und Gemüse aus den eigenen Gärten verkaufen. Russische Holzhäuser verfallen neben modernen Wolkenkratzern.

Im Hafen wird man dem Stolz Russlands gewahr, Militärschiffe beherrschen hier das Bild. Russian Military Glory, wie unsere Stadtführerin Mascha mit verdrehten Augen sagt. Mit dieser wird man in Wladiwostok fast überall konfrontiert; wir werden von der Exkursionsgruppe in ein Militärmuseum gedrängt, wo wir russische Kanonen und Waffen bewundern dürfen, Abzeichen, Orden, und einem donnernden Kanonenschlag ertragen müssen. Hier wie auch in den anderen Städten unserer Reise findet man überall steinerne Zeitzeugen der Sowjetunion, Lenin ist allgegenwärtig, sei es Statuenform oder der Uliza Lenina, der nach ihm benannten Straße.

Wir genießen ein paar Tage die Ruhe und den Luxus, den Wladiwostok uns bietet. Zurecht findet man sich hier schnell und es gibt eine sehr gemütliche Hafenmeile. Ein traditionelles Ruderbootrennen rundet das Bild ab, die Sonne geht unter und wir machen uns auf den Weg zum Bahnhof. Von hier beginnt für acht von uns die lange Reise durch den eurasischen Kontinent.

Bahnstation Wladiwostok
9288 km liegen vor uns. Zwei Wochen werden wir unterwegs sein, ein dreitägiger Zwischenstopp in Ulan Ude, ein Tag Irkutsk und zwei Tage Listwijanka am Baikal See sind geplant. Den Abschluss der Reise bilden zwei Tage in der Hauptstadt Moskau. In den Kabinen läuft zur Einstimmung auf das Ziel der Reise "Go West" von den Pet Shop Boys. Dann setzt sich der Zug in Bewegung und wir bewundern ein letztes Mal den Sonnenuntergang über dem Golf von Amur und nehmen Abschied vom Pazifik.

Die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn gen Westen ist nicht nur eine Reise mit der Zeit - man lebt in einem 25 Stunden Tag - sondern auch eine Fahrt durch die Jahreszeiten. Während in Wladiwostok noch sommerliche 25°C herrschen, wird es einen Tag und 1000 km weiter westlich schon merklich kühler. Nachts durchqueren wir ein Schneefeld, und am zweiten Morgen sitzen wir beeindruckt vor den Fenstern und können uns nicht losreißen vom Anblick der herbstlich gefärbten Landschaft. Große grasbewachsene Ebenen wechseln sich ab mit von Bäumen bewachsenen Bergen. Eichen und Lärchen leuchten in flammenden Rot umgeben vom Gelb der Birken. Kein Strommast, keine Straße verschandelt die Landschaft. Ein bis zweimal am Tag halten wir für kurze Zeit an einem größeren Bahnhof, wo wir uns bei den meist alten Leuten für die weitere Fahrt versorgen. Sie haben selbstgemachte Piroschkis, Gewürzgurken, Blinis und gesalzenen Fisch in Tüten herbeigeschafft.

In drei Tagen Bahn fahren trifft man in Russland viele Leute. Ausländische Touristen sind hier noch immer etwas besonderes. Eine flüchtige Begegnung ist für mich die bedeutendste. Abends, kurz vor Schlafengehen machen wir die Bekanntschaft zweier Jugendlicher, ein stockbesoffener Russe und ein Burjate namens Valentin, der ein wenig Englisch versteht. Während ersterer schnell anfängt, uns auf die Nerven zu gehen, verschwindet Valentin und bringt kurze Zeit später seinen großen Bruder wieder mit. Nur einen kurzen Augenblick ist er da, begrüßt mich indem er meine Hand mit seinen beiden Händen umfasst, mir in die Augen schaut und sich verbeugt. Ich fühle mich umarmt und bin fasziniert von der Ausstrahlung und Herzlichkeit dieses Mannes. Leider fängt der betrunkene Russe an zu randalieren und wir müssen schnell die Kabine zumachen. Ich hoffe auf eine zweite Begegnung, vergebens. Doch die Vorfreude auf Ulan Ude, die Hauptstadt Burjatiens, ist geweckt.

Vera Bellenhaus

Das buddhistische Kloster Iwolginsk. (c) Vera Bellenhaus

Ulan Ude, Irkutsk und Baikal
Die Freude, in Ulan Ude den Zug verlassen zu können, ist groß - zumal drei Tage atemberaubender Landschaft den Wunsch geweckt haben, diese mit allen Sinnen zu erkunden und damit den flüchtigen, visuellen Eindruck zu vervollständigen. Zuerst jedoch erwartet uns Ulan Ude. Etwa 353 000 Menschen leben in der Hauptstadt der Republik Burjatien; da, wo der Fluss Rote Ude in die Selenga fließt. Nach weiteren 2000 km Mäander speist diese den Baikalsee, den wir im Verlauf der Reise auch noch besuchen werden. Am zweiten Tag verlassen wir früh morgens die Stadt, um das buddhistische Kloster Iwolginsk zu besichtigen. Wir kommen an, noch bevor selbst die Mönche aufstehen. Das Klostergelände erstreckt sich wie ein kleines Dorf mit vielen, bunt bemalten und verzierten Häusern. Dazwischen stehen große, prachtvolle Tempel im tibetischen Baustil. Ein Rundweg auf dem Gelände führt an vielen Gebetsmühlen vorbei; es gibt welche, so groß wie meine Hand, und solche, die größer sind als ich selbst.

Nach und nach regt sich auch das Leben im Dorf, und wir können endlich den Tempel betreten, wo sogleich die Morgenandacht beginnt. Denke ich an diese zwei Stunden zurück, so erscheinen sie mir im Nachhinein sehr surreal, fremd. Der monotone Gesang der Mönche, bunte Wandbemalungen von Göttern, Buddha-Statuen und merkwürdige Andachtshandlungen. Ich wohne den Ritualen einer unbekannten Religion bei - was hier geschieht, ich weiß es nicht - ich verstehe nichts. Nach zwei Stunden Andacht und bepackt mit sämtlichen Andenken kehren wir zu Fuß quer über die Felder zurück in die Stadt.

Ulan Ude ist die Stadt Russlands, in der wir den meisten Menschen begegnet sind. Im Autobus zum Jurtenrestaurant gibt mir eine Frau eine Telefonnummer. Sie kann ein wenig Englisch und erzählt mir von ihrer Tochter, die mit einer burjatischen Tanztruppe durch Deutschland getourt ist. Leider hatten wir am nächsten Tag keine Zeit sie anzurufen.

Mit dem Busfahrer Wladimir verbringen wir einen halben Tag. Er zeigt uns im oberhalb von Ulan Ude gelegenen Buddhistischen Kloster den größten goldenen Buddha Russlands. Als ich mit ihm vor der Statue stehe, falten wir zusammen die Hände und legen ein paar Münzen vor der Statue ab. Nach dem Verlassen des Tempels führt er uns zu den Stupas, wir umrunden sie im Uhrzeigersinn und müssen jede einzelne, es sind vielleicht sieben an der Zahl, berühren. "Das bringt Glück", bedeutet er uns. Dieser Tempel ist längst nicht so prachtvoll wie Iwolginsk, doch durch die Selbstverständlichkeit, mit der Wladimir uns in die Gebräuche seiner Religion mit einbezieht, wird der Buddhismus für mich hier greifbarer und verliert an Fremdheit. Wir fahren noch hinab zum Fischmarkt und anstatt etwas Trinkgeld für den Ausflug anzunehmen, kauft Wladimir uns noch drei Omule (Fische) aus dem Baikal. Wir verabschieden uns mit einer Tüte Obst.

Abends spaziere ich noch kurze Zeit alleine durch die Straßen in der Nähe unseres Wohnheimes. An einem Denkmal bleibe ich stehen und treffe dort Dimitri, Marina und Alexander. Dimitri ist Burjate, Marina und Alexander sind russisch. Nachdem wir uns vorgestellt haben, nimmt Dimitri meine Hand und blinzelt mich an. Er liest aus meiner Hand, dass ich zwei Ehemänner haben werde, sowie einen Sohn und eine Tochter. Zumindest glaube ich dies nach langen komplizierten Erklärungen aus einer Mischung von Russisch und Pantomime zu verstehen. Im Grunde konnte ich mich mit den dreien kaum verständigen, und doch kehre ich erst nach Sonnenuntergang lächelnd zum Wohnheim zurück. Mit diesen Eindrücken verlassen wir abends Ulan Ude. Die Nacht verbringen wir im Zug, um sieben Stunden und ca. 600 km weiter westlich morgens in Irkutsk wieder auszusteigen.

Die Zeit in Irkutsk und Listvianka verläuft sehr entspannt, der Herbst zeigt sich am Baikal in seinen schönsten Farben und wir verbringen die Tage wandernd in der Natur oder schmausend am Hafen Listviankas, wo Einheimische Baikal-Omul und andere Fische in kleinen Holzkisten räuchern und günstig zum Verkauf anbieten. Die Zeit vergeht schnell, und schon ist der letzte Abschnitt der Reise - diesmal im Großraumabteil des Zuges - angebrochen.

Moskau
Nach drei Nächten erreichen wir die millionenschwere russische Metropole Moskau. Überteuerte Taxis zwingen uns, bepackt mit schweren Rucksäcken, zu unserer ersten Begegnung mit der berühmten Moskauer Metro. Hunderte von Menschen drängen eiligen Schrittes neben uns die langen Rolltreppen hinab, die zu einer großen, mit Kronleuchtern bestückten und mit Stuck verzierten Haltestelle führen. Nach kurzer Fahrt und langem Fußmarsch erreichen wir endlich das Hostel.

Moskau entpuppt sich als völlig andersartig, als es die Städte Sibiriens und Ost-Russlands waren. Zurück in Europa offenbart sich uns hier die Schwere der Geschichte, alte zarische Prachtbauten prägen die Architektur des Zentrums von Moskau. Steht man auf dem Roten Platz, so ist man in jeder Richtung umgeben von kunstvoll gestalteten Gebäuden. Ein Besuch im Kaufhaus GUM versetzt mich ins 19. Jahrhundert; der Anblick der berühmten Basilius Kathedrale mit ihren bunt gestreiften Zwirbeltürmchen reißt mich zurück in die Gegenwart und erinnert mehr an Disney Land als dass sie ihre Entstehungszeit, das 16. Jahrhundert, wiederspiegelt.

Ich streife einen Tag allein durch die Stadt und tauche in der Menge unter, froh, einmal nicht als Tourist erkannt zu werden. Meine Füße tragen mich auf eine Insel im Fluss Moskva. Dort lasse ich mich zu Füßen einer riesigen Statue nieder und blicke den Fluss hinab. Eine lange Reise ist nun zuende. 40 Tage und über 9300 km liegen hinter mir und haben mein Bild dieses Landes geprägt und mir gezeigt, wie groß Russland ist. Überall, wo man aussteigt, wird man Neues entdecken. Jede Region hat ihre Besonderheiten in Lebensstil, Architektur und Kultur. Und dennoch, es ist überall russisch. Ein Land, gezeichnet von unendlicher Weite, harten kalten Wintern, kurzen Sommern und einem entbehrungsreichen Leben für seine Bewohner.

   





Unsere Texte nach Ressorts
GESELLSCHAFTPOLITIKKULTURREISEUMWELTWIRTSCHAFTSPORT
Ein sächsisches Dorf kann auch andersNewtons zweiter SiegWo Nachbarn zur Familie gehörenNur kein zweites KreuzviertelLiebe über den Tod hinausJede Fahrt eine DrogenfahrtEine Million Euro für die Cannabis-LobbyArmutszuwanderung? Eine Untergrunddebatte!Mails verschlüsseln leicht gemachtVerschlüsseln - eine Notlösung Soziale Demokratie geht auch ohne SPDBedingt verhandlungsbereitDas vergessene Massaker von AndischanDas Ende von Lüge und SelbstbetrugGeteiltes Volk einig im Kampf gegen IS-TerrorDie Urkatastrophe und wirDas Ende rückt immer näherNeue Regierung, neue Krisen, neue FehlerMerkels neues WirHausfotograf der deutschen Sozialdemokratie Liebeserklärung eines Linksträgers. Oder...Mit der Lizenz zum AusrastenDer beste Mann für Afghanistan"Weil sie auch nur Opfer sind"Gestatten, Gronausaurus!Missratenes PashtunenporträtDie Band LilabungalowWo Leibniz und Wagner die Schulbank drücktenHitler in der Pizza-SchachtelDie Freiheit des Radfahrens In der Wildnis vergessenStau in der FahrradhochburgMitfahrer lenken selbstÜber Wroclaw nach Lwiw - eine verrückte TourIm Frühjahr durch den Norden Polens - Teil 2Im Frühjahr durch den Norden Polens - Teil 1Sounds of KenyaDie 41-Euro-SündeRive Gauche vs. Rive DroiteOranje im Freudentaumel Drei Naturerlebnisse in einemDas Gegenteil von KollapsDas Gift von KöllikenDas große Pottwal-PuzzleBio bis in die letzte FaserDer WonnemonatKlimakiller sattDer Monsun - vom Quell des Lebens zum katastrophalen NaturphänomenR136a1 - Schwerer und heller als die SonneDie Rückkehr zur Wildnis Wie die Hausverwaltung GMRE ihre Mieter abzocktWachstum und BeschäftigungSo schmeckt der SommerMakler der LuxusklasseGeburtshelferinnen vom Aussterben bedrohtVersenkte Milliarden und eine verseuchte BuchtWohnungen als WareAufstieg, Krise und Fall der AtomwirtschaftDie längste Brücke Deutschlands entstehtDie Geschichte der 'Alternativlosigkeit' - Teil 2 Fußballtempel MaracanãGlanz und Niedergang der Fanclubsiley.de drückt Maschine Münster die DaumenUnsere Veranstaltungsreihe im Web TVFrankreich ist ein heißer Kandidat fürs FinaleSpanien wird den Titel verteidigenFür Deutschland ist im Halbfinale SchlussPolen hat das Zeug für eine ÜberraschungForscher, Fans und PolizeiFußball im Würgegriff der Mafia
 
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz