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Welcher Lebensstandard ist wünschenswert?
GESELLSCHAFT | NACH DEM KLIMAGIPFEL (22.12.2009)
Von Boje Maaßen
Die Lehre aus Kopenhagen: Die Klimaprobleme können nur dann gelöst werden, wenn Klarheit über einen wünschenswerten Lebensstandard besteht, der sich vom bestehenden wesentlich unterscheidet.

Ein Bild zwei Tage nach der gescheiterten Tagung über die drohende Klima-Katastrophe in Kopenhagen am Sonntagmorgen vor unserem Bäckerladen: business as usual. Trotz Sonnenscheins und knackiger Kälte kommen die meisten Brötchenholer wie immer mit dem Auto vorgefahren. Diejenigen, die ich kenne, wohnen nicht weiter als dreihundert Meter vom Bäcker entfernt. Davon nicht wenige, die ebenfalls wie ich von den Ergebnissen der Konferenz enttäuscht sind. Aber es gelingt ihnen auf eine für mich geheimnisvolle Weise, ihr „Energie-Verhalten“ nicht mit der globalen Entwicklung des Klimas in Verbindung zu bringen. Immer sind es die anderen, seien es Länder wie die USA, China oder Indien oder die Industrie oder die versagende Politik. Aber nach den Golfstaaten, der USA und Russland kommen bereits die Länder der Europäischen Union in der Produktion von CO2-Tonnen pro Kopf auf den vierten Platz der globalen Hitliste.

Es kommt auf den Einzelnen an

Mit „pro Kopf“ ist mein und Dein Kopf, unser aller Köpfe gemeint – aber nicht der reale Kopf, sondern der „durchschnittliche“. So wird jeder Mensch entindividualisiert und auf eine nationale Identität reduziert, egal ob er viel oder wenig Kohlendioxid erzeugt. Er gehört zum Durchschnitt seines jeweiligen Landes. Aber es kommt immer auf den Einzelnen an, jeder hat dem Klima gegenüber gleiche Pflichten, aber auch gleiche Rechte, unabhängig davon, ob er Inder, Chinese oder Deutscher ist – denn die globale Gesamtsteigerung des CO2-Ausstoßes ist die Summe der einzelnen Handlungen.
Es darf nur einen Bezugswert geben, und der besteht aus der Größe der vertretbaren Belastung des Erdklimas geteilt durch die Anzahl der lebenden Menschen auf diesem Erdball. Das wäre das je nach Situation und Erkenntnisstand abhängige Jahresbudget eines jeden Erdenbürgers. Dieses Budget enthält natürlich nicht nur die Folgen individuellen Handelns, sondern auch die Inanspruchnahme von überindividuellen Strukturen wie öffentliche Verkehrsmittel bis hin zum Gesundheitswesen.
Die Bestimmung dieses Wertes ist natürlich nie eindeutig, wird immer umstritten sein, ist aber der einzige vernünftige Weg, der vor uns liegt. Das wäre nicht nur nachhaltige Klimapolitik, sondern auch eine global-demokratische Lösung. Aber selbst unter den jetzigen Bedingungen einzelner Staaten ist das individuelle Jahresbudget die einzige sinnvolle, weil gerechte und nachhaltige Bezugsgröße.

Innerhalb der Grenzen des Budgets ist einerseits Raum für die Bestimmung individueller Bedürfnisse, andererseits für gemeinsame Strategien und politisches Engagement, um die Möglichkeiten der jeweiligen Bedürfnisbefriedigung zu verbessern. Dazu gehört mit Sicherheit auch die technische Variante, nämlich die Effizienzsteigerung der eingesetzten Mittel. Jedoch allein mit technischen Mitteln ist die Klimaerwärmung meines Erachtens nach nicht in den Griff zu bekommen. Das zu denken, wäre höchst riskant, insbesondere wenn es zusätzlich noch um den Einsatz von Atomkraftwerken geht.

Ohne Fernseher und Auto ist man noch lange nicht arm

Für eine Lösung bedarf es eines Kultur- bzw. Zivilisationswandels. Und genau hier sperren sich auf allen Ebenen und in allen Segmenten alle: Die hoch industrialisierten Länder und ihre Bevölkerung wollen mit kleinkindhafter Beharrlichkeit zumindest ihren jetzigen materiellen Lebensstandard, der allein zählt, erhalten. Die so genannten Entwicklungsländer und ihre Bevölkerung wollen ungehindert genau diesen Standard und vielleicht sogar noch einen höheren (siehe Dubai) erreichen. Beide stellen diesen Lebensstandard – die einseitige Ausrichtung auf mehr Verbrauch von energetischen und materiellen Ressourcen – nicht in Frage. Aber genau dieser Lebensstandard ist nicht nur aus klimapolitischen Gründen abzulehnen, denn er richtet sich, wenn verabsolutiert, gegen den Menschen selbst.
Individueller und kollektiver Lebensinhalt dürfen nicht allein im Warenkonsum und in immer mehr Technik liegen. Ziele wie Bildung, Selbstentwicklung, Kommunikation, Befriedigung sozialer Bedürfnisse, Stärkung der Demokratie, Gleichheit der materiellen Lebensverhältnisse und die Erhaltung der Natur sind zumindest gleichwertig. In materieller Hinsicht gilt notwendig (im Sinne von "die Not wendend") die Berücksichtigung folgender Wertehierarchie: Die Erhaltung des Klimas und der ökologischen Lebensgrundlagen ist höchster und absoluter Wert. Materielles Wirtschaftswachstum hat sich diesem Ziel unterzuordnen, ebenfalls die brisanten Armutskriterien, die sich allein an dem gegenwärtigen Lebensstandard orientieren. Für diese "Armut" muss ein anderer Begriff einspringen. Ein echter Wertekonflikt ist erst dann vorhanden, wenn es um das existenzielle Überleben geht. Ein Auto oder einen Fernsehapparat nicht zu besitzen, betrifft nicht das Überleben, es ist vielleicht relative, aber keine eigentliche Armut.

In einem Eigenexperiment bin ich übrigens zu der Einsicht gekommen, dass das Nicht-Haben dieser Konsumgüter eine Bereicherung des Lebens ist. Die Aufgabe, die schädlichen Emissionen in Grenzen zu halten, muss, wenn sie erfolgreich und zukunftseröffnend verwirklicht werden soll, mit der elementaren Frage „Was braucht der Mensch zu einem erfüllten Leben“? verknüpft werden. Wenn nicht, entstehen, wie jetzt geschehen, massive, meiner Ansicht nach nicht-auflösbare Blockaden.

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