Aus dem Innern des Promotionsbetriebs
GESELLSCHAFT | INTERVIEW mit Prof. Christian Sigrist (03.03.2011)
Von Michael Billig | |
Professoren mit Hang zum Adel, überforderte Doktoranden und Kopiermentalität - der Soziologe Christian Sigrist spricht im Interview mit iley.de über schwerwiegende Probleme in der deutschen Promotionspraxis. Er selbst ist zwar emeritiert, betreut aber nach wie vor Doktorarbeiten an der Uni Münster, manchmal auch in seinem Garten. Herr Sigrist, wie können Sie verhindern, dass Ihre Doktoranden die Promotionsarbeit einfach irgendwo abschreiben? Sigrist: Wichtig ist der direkte Kontakt zwischen dem Betreuer der Arbeit und dem Doktoranden. Da reicht es nicht aus, E-Mails zu schreiben. Es gibt auch nicht nur das Vier-Augen-Gespräch. Ich veranstalte Kolloquien mit Doktoranden. Das sind Diskussionskreise, die ich manchmal auch öffentlich durchführe. Da zeigt sich dann, ob der Doktorand den Gegenstand wirklich kennt oder blind aus zweiter Hand übernommen hat. In der warmen Jahreszeit machen wir auch mal ein Kolloquium bei mir im Garten. ![]() Der Sturz des Dr. Googleberg (c) Ansgar Lorenz Hätte dem Doktorvater von Herrn zu Guttenberg das Plagiat auffallen müssen? Sigrist: Ganz eindeutig: Ja. An irgendeiner Stelle hätte es ihm auffallen müssen. An den Stilbrüchen merkt man es. Daran erkennt man, dass die Arbeit nicht aus einer Feder stammt. Was denken Sie: Warum ist zu Guttenberg damit durchgekommen? Sigrist: Mir ist schon während des Studiums aufgefallen, dass Professoren einen Hang zum Adel haben. Sie sind immer erfreut, wenn jemand mit Adelstitel bei ihnen studiert. Das ist offenbar gut für ihr Selbstwertgefühl und dann gucken sie nicht so genau hin. Da ist eine, vielleicht auch nicht ganz bewusste Akzeptanz der Leistung von vornherein. Und die Promotion ist ein relativ freies Verfahren. Sollte dieses Verfahren stärker reguliert werden? Sigrist: Nein, überhaupt nicht. Aber die Professoren müssten stärker in die Verantwortung genommen werden. Es darf nicht sein, dass ein Professor die Arbeit einem Assistenten übergibt und der gibt sie weiter an eine Hilfskraft. Die machen zusammen ein Gutachten und der Professor unterschreibt nur noch. Man darf sich als Professor durchaus helfen lassen, aber man muss die Arbeit selbst lesen. Es gibt zwar noch einen Zweitgutachter. Wenn der sich aber am Erstgutachter orientiert, segnet er die Arbeit auch ohne Weiteres ab. Ist das gängige Praxis? Sigrist: Da ließen sich reichlich Beispiele finden. Es ist manchmal ein Problem der Überlastung der Professoren. Ich habe erlebt, wie Doktoranden, denen ich sagte, dass sie mit dieser Arbeit bei mir nicht durchkommen, zu Kollegen gegangen sind. Dort wurden sie durchgewunken. Hat jemand auch mal von Ihnen abgekupfert? Sigrist: Ja, ein Professor hat in seiner Geschichte über Israel mehrfach Begriffe übernommen, die ich geprägt habe - ohne die Quelle, immerhin mein Hauptwerk, anzugeben. Ich habe es erst acht Jahre später entdeckt. Haben Sie es damals angezeigt? Sigrist: Nein, weil so viel Zeit vergangenen war. Ein Anwalt und Kollegen haben mir abgeraten. Da ist eine gewisse Scheu. Ich habe den Eindruck, unter Professoren gilt das Prinzip 'Eine Krähe hackt der anderen keine Auge aus'. Auch Professoren kopieren also von Professoren? Sigrist: Das ist so. Ein prominenter Fall ist Niklas Luhmann. Er hat seine Systemtheorie von Arnold Gehlen übernommen. Das war sein Lehrer an der Verwaltungshochschule Speyer. Luhmann ist dafür auch angegriffen wurden. Er hat den Inhalt übernommen und einfach nur ein paar Begriffe ausgetauscht. Nach dieser Plagiats-Affäre - sorgen Sie sich um den Ruf des Doktor-Titels und der Wissenschaft? Sigrist: Ja, und zwar vor allem durch die Kommentare, die sagen: Was soll denn diese ganze Titelei? Ich bin zwar niemand, der darauf besteht, mit Professor angesprochen zu werden. Die Promotion ist aber ein hervorragender Abschluss. In der Wissenschaft ist sie unentbehrlich. Und auch fürs Berufsleben. In der Biologie oder in der Chemie bekommt man ohne Promotion kaum eine Stelle. Wie groß ist Belastung durch eine Doktorarbeit? Sigrist: Das hängt von den Umständen ab. Hat man ein Stipendium oder ist in einem Drittelmittelprojekt beschäftigt, kann man relativ ungestört an seiner Dissertation arbeiten. Andernfalls ist es extrem schwer und riskant. Viele Dissertationen werden nicht fertig, weil der Unterhalt nicht gewährleistet ist. Es gibt zu wenig Stipendien. Meine Doktoranden sind überwiegend berufstätig. Oder wenn ein Professor überlastet ist, wird die Arbeit nicht gut betreut. Wie groß ist die Angst der Doktoranden vor dem Scheitern? Sigrist: Die ist groß, die hatte ich auch. Mein Professor hatte mich unter Zeitdruck gesetzt. Er wollte mir damit was Gutes tun, aber ich bin daran fast verzweifelt. Mir sind auch zwei Fälle bekannt, wo Doktoranden versucht haben, sich umzubringen, nur einer konnte gerettet werden. Ich halte es für dringlich, dass die Hochschulrektorenkonferenz eine Studie über die Zahl der Selbstmorde unter Doktoranden in Auftrag gibt. Vielen Dank für das Gespräch! ---------------------------------------------------------- Christian Sigrist ist auch Autor bei iley.de. Zuletzt schrieb er über die Enthüllungsplattform WikiLeaks: Das Ende der herrschaftlichen Vernetzungseuphorie |