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Streit der Denkschulen
WIRTSCHAFT | HINTERGRUND I (11.08.2012)
Von Frank Fehlberg
"Vergesst die Krise!" ist ein Crashkurs in Volkswirtschaftslehre. Einordnung und Verständnis der Thesen Krugmans fallen leichter, wenn man sich die historische Entwicklung der beiden bestimmenden Denkschulen vor Augen hält.

An diesen Worten des einflussreichen Ökonomen John Maynard Keynes von 1936 entzünden sich noch heute heiße Kontroversen:

"Spekulanten mögen unschädlich sein als Seifenblasen auf einem steten Strom unternehmerischen Tuns. Aber die Lage wird ernst, wenn das unternehmerische Tun die Seifenblase auf einem Strudel der Spekulation wird. Wenn die Kapitalentwicklung eines Landes zum Nebenerzeugnis der Tätigkeit eines Spielkasinos wird, wird die Aufgabe voraussichtlich schlecht erledigt werden."

Keynes‘ anschauliches Bild einer verfehlten Wirtschaftsentwicklung beschreibt immer noch die Fallhöhe der gegenwärtigen volkswirtschaftlichen Debatte. Paul Krugman rechnet sich zu den "Neokeynesianern". Um einschätzen zu können, was das heißt, muss man in das 20. Jahrhundert zurückblicken.

Keynesianismus


Wikipedia

Für Konjunkturhilfen: John Maynard Keynes (1883-1946) würde die Nachfrage-Seite stärken, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen. (c) Wikipedia

Hinter dem Maßnahmekatalog des Buches "Vergesst die Krise!" von Krugman verbergen sich Jahrzehnte der wirtschaftstheoretischen Auseinandersetzung um das richtige Modell des wirtschaftlichen Gefüges. Makroökonomische, das große Ganze der national- und weltwirtschaftlichen Regeln betreffende Überlegungen statt mikroökonomisches Klein-Klein einzelner Akteure kennzeichnen die Argumente Krugmans. "Hinter der Krise stehen Jahrzehnte falscher Politik und falscher Theorien." Vielleicht liegt es an dieser Haltung, dass er sich mit der Suche nach den Ursachen der Krise nur am Rande beschäftigt und auf eine grundlegende Kurskorrektur der Wirtschaftspolitik abhebt. Dass er eine solche überhaupt für nötig und auch potentiell wirkungsvoll erachtet, lässt ihn als Anhänger von John Maynard Keynes erscheinen.
Nachdem seine Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (1936) den Weg aus der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre gewiesen hatte, war Keynes sehr schnell in Misskredit geraten. Der nach ihm benannte Keynesianismus, der vor allem die Bedeutung der Nachfrage-Seite für das reibungslose Funktionieren des Wirtschaftskreislaufes hervorhob und staatliche Interventionen als Konjunkturhilfen befürwortete, sei in den 1980ern an den Universitäten regelrecht verpönt gewesen, schreibt Krugman.

Monetarismus


Eine neue Schule hatte sich längst angeschickt, die Deutungshoheit über die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu übernehmen: die so genannte Zweite Chicagoer Schule unter der Führung von Milton Friedman (Kapitalismus und Freiheit, 1962), welche ein Eingreifen in das Wirtschaftsleben hauptsächlich über die Steuerung der Geldmenge über Zentralbanken bewerkstelligt sehen wollte ("Monetarismus"). Im Gegensatz zu Keynes betonte diese Schule nun die Angebotsseite des Marktes. Die Eingriffe des Staates sollten auf die Verbesserung der Rahmenbedingungen unternehmerischen und finanzwirtschaftlichen Tuns, zum Beispiel durch Steuersenkungen und Deregulierungen, beschränkt bleiben. Ein heute von den Gegnern eher als Schimpfwort gebrauchter Name dieser Richtung ist "Neoliberalismus".
Während Friedman Keynes nach der Darstellung Krugmans in seinen frühen Überlegungen noch relativ nahe gestanden habe, hätten seine Schüler es mit der Anwendung mikroökonomischer Modelle auf die Makroökonomie und dabei vor allem mit der Deregulierung des Bankenwesens übertrieben. Das meint in erster Linie das blinde Vertrauen in die Selbstregelung eines im Grunde stets stabilen Marktes und die damit einhergehende Übertragung des betriebswirtschaftlichen Prinzips auf alle Wirtschaftsakteure - bis hin zum Staat. In zweiter Linie die Verselbstständigung des Finanzwesens, das vom untergeordneten Instrument der Geldmengensteuerung zu den alles bestimmenden "Märkten" mutiert ist. Krugman stellt fest: "Und selbst wenn Finanzmanager ihren Anlegern in der Vergangenheit Gewinne beschert haben, dann taten sie dies nur selten, indem sie reale Werte schufen, sondern meist, indem sie sich auf Kosten anderer Akteure bereicherten."

Neokeynesianismus


Krugman seinerseits entwirft angesichts des von der Finanzkrise ausgelösten Nachfrageeinbruchs eine Synthese von Monetarismus und Keynesianismus. Als Befürworter einer wirkungsvolleren Geldpolitik der Zentralbanken und des Einsatzes von keynesianischen Konjunkturprogrammen verwirrt er nicht nur viele Fachkollegen. Während die US-Konservativen in den solchermaßen "neokeynesianischen" Argumenten Krugmans den Sozialismus wiedererstehen sehen, kassiert er aus dem kapitalismuskritischen bis linken politischen Spektrum für sein zugeneigtes Urteil über Milton Friedman Kritik. Die Ablehnung, die Friedmans Wirken in diesen Kreisen erfährt, resultiert ursprünglich aus dessen positiver Haltung zu den Wirtschaftsreformen des chilenischen Diktators Augusto Pinochet ab 1974.

In Chile führten die "Chicago Boys" - eine Gruppe chilenischer Wirtschaftspolitiker, die an der Chicagoer Universität studiert hatten - bis zur großen Bankenkrise des Landes Anfang der 80er Jahre eine von Deregulierung und Privatisierung geprägte Wirtschaftsreform durch. Bis heute wird dieses "Experiment" einer marktliberalen Wirtschaftsregelung unter den Bedingungen einer politischen Diktatur von Kritikern der Chicagoer Schule als gründliche Diskreditierung von Friedman und seinen Schülern angesehen. Weitere Krisen wie der "Schwarze Montag" 1987 an der New Yorker Wall Street - der Leitindex der Börse verlor an einem Tag knapp 23 Prozent - trugen ebenfalls zur Kritik bei. "Das hätte einige Zweifel an der Rationalität der Märkte wecken sollen", kommentiert Krugman im Rückblick.

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