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Nicht die Bohne langweilig
WIRTSCHAFT | MOBILES CAFE (23.02.2011)
Von Sarah Khalil
Münster an einem eisigen Sonntag: Es ist ein bisschen zu kalt für einen Cafébesuch im Freien. Dennoch reicht Dominik Schweer nun schon zum fünften Mal in dieser Stunde einen Pappbecher mit Kaffee in behandschuhte Hände. „Einmal für dich, Maria“, sagt er und lächelt.

Maria greift über die winzige Abstellfläche des Kaffeefahrrads und nimmt das dampfende Gebräu entgegen. Sie ist eine treue Kundin, wie die meisten hier. „Die Stammkunden sind extrem wichtig“, sagt Schweer. Zumal das wuchtige, schwarze Lastenrad nicht in einer gut-besuchten Fußgängerzone, sondern auf einem Kirchplatz an einer vielbefahrenen Ausfallstraße steht. Große Passantenströme sind hier Fehlanzeige.

privat

Kaffeefreund Schweer on Tour. (c) privat

Arbeit auf der Straße

Der Standort ist ungewöhnlich - ebenso wie Schweers Start in die Selbständigkeit. „Los ging's mit dem, was ich nicht mehr wollte: nämlich als Streetworker arbeiten“, berichtet der ausgebildete Erzieher. Die vergangenen 15 Jahre hatte er sich um Menschen gekümmert, die er zu ihrem Glück zwingen musste. „Und so hab ich dann in meinen Businessplan geschrieben, dass die Menschen auf jeden Fall freiwillig zu mir kommen sollen.“ Da ihm die Arbeit auf der Straße schon immer gefallen hatte, lag die Entscheidung für einen Verkaufsstand im Freien nahe.

Die Suche nach dem Gefährt war schon schwieriger. Sie führte den heute 44-Jährigen nach Kassel, wo er ein Auto fand, von dem er auch Suppe und Kuchen hätte verkaufen können. Doch der Preis von 45.000 Euro machte den Plan zunichte. Wie alle, denen Autos zu teuer sind, sah er sich nach einem Fahrrad um. In den Niederlanden fand er einen Vertrieb für „work cycle“. Hier werden Räder aller Art verkauft, die der Engländer Paul Sabin anfertigt.

Bei ihm entstand auch das schwarz lackierte Kaffeerad, auf dem Dominik Schweer nun durch Münster strampelt. Es ist ca. 1,85 Meter hoch, 2,80 m lang und 1 m breit, wiegt rund 220 Kilo und sieht aus wie ein umgedrehtes Dreirad. Die beiden Vorderräder und das Hinterrad sind mit einer massiven Metallachse verbunden. Sie trägt den Aufbau aus rötlich-braunem Holz, das durch Schiffslack vor Nässe geschützt ist.

Herzstück des Rades: die Espressomaschine

Im Hohlraum der einen Kubikmeter großen Kiste haben zehn Milchtüten, mehrere Dosen Chai-Tee-Pulver, Zucker, Kekse, Pappbecher und ein kleiner Mülleimer Platz, die der Kaffeefreund zu jedem seiner Termine transportieren muss. Auf der Abdeckung der Box sind Metallschienen befestigt, die das Herzstück des Stands am Platz halten: eine halbautomatische rote Astoria-Espressomaschine mit verchromten Armaturen. Hier wird Kaffee ganz ohne Strom gebraut, denn eine gasbetriebene Pumpe erzeugt den notwendigen Druck. Wenn Schweer ein paar Mal an einem Hebel zieht, tröpfelt das schwarze Gebräu langsam in ein verchromtes Metallkännchen. Gas sorgt auch für den Luftdruck im verchromten Milchaufschäumer. Ein dunkelroter Schirm, der am Holzaufbau befestigt ist und je nach Wetterlage Regen oder Sonne fernhält, macht das Ensemble perfekt.

Dieses Spezialrad hat seinen Preis und so brauchte Schweer im Jahr 2009 zunächst einmal Geld. „Ich hatte zuvor schon einmal vergeblich versucht, ein Projekt über meine Hausbank zu finanzieren und war mir daher beim Kaffeerad sicher, dass ich dort keinen Kredit bekommen würde“, erinnert er sich. Also wandte er sich an die Wirtschaftsförderung Münster. Dort hörte man sich seinen Plan an und befand ihn für gut genug, um weiterentwickelt zu werden. Schweer bekam eine Liste von Experten, aus der er einen auswählte. Die Zusammenarbeit scheiterte. Nur durch Zufall wurde er auf einen Gründungsberater aufmerksam und bat ihn um Hilfe. Zusammen entwickelte das Duo einen Businessplan und unterfütterten das Vorhaben mit wirtschaftlichen Zahlen. Mit dieser neuen Grundlage folgten weitere Termine bei der Wirtschaftsförderung, die den Plan auf den Prüfstand stellte und ihn schließlich positiv bewertete. Ihr Zuspruch bei der NRW-Bank gab den Ausschlag für den Förderkredit. Im Oktober 2009 bekam Dominik Schweer einen Anruf, der sein Berufsleben für immer veränderte: „Ein Mitarbeiter der NRW-Bank sagte nur ,Sie können sich freuen und das tat ich dann auch“, berichtet der Kaffeefreund. Er hatte einen Kredit in Höhe von 25.000 Euro erhalten. Sogleich gab er sein „work cycle“ in Auftrag.

Neben Idee und Gründungscoaching begünstigte ein großes Medieninteresse das Gelingen des Projektes: Schon das Abholen des Lastenfahrrads wurde vom englischen Fernsehen begleitet. Es folgten Artikel in Lokalpresse und -fernsehen sowie im ZDF. Da Schweers Freundin Werbeflyer und Internetseite umsonst beisteuert und der Kaffeeverkäufer selbst im Web 2.0 aktiv ist, läuft das Geschäft, das so ungewöhnlich startete, jetzt durchaus lehrbuchmäßig.
Dabei hätte Ende 2009 die Standortfrage beinahe das ganze Projekt im Keim erstickt. „Die Platzwahl war extrem schwierig.“ Die Stellfläche musste unbedingt kostenfrei sein, weil eine Standgebühr dauerhaft nicht zu finanzieren wäre. Erst der Berater der Wirtschaftsförderung kam auf die Idee, eine Gemeinde zu fragen, ob Schweer sein Rad auf dem Kirchplatz parken darf. Als die zustimmte, konnte das Geschäft starten.

Treue Kaffeetrinker

Die ersten Wochen für den frischgebackenen Cafébesitzer noch recht einsam. „Das war schon schwierig. Dazu ist dieses Jahr kein Vergleich“, berichtet er und rührt einen Kakao für einen kleinen Jungen an, der gerade mit seinen Eltern vorbeikommt. Heiße Schokolade steht seit Sommer 2010 und Chai-Tee Latte seit Herbst auf der Karte. Wie auch beim Kaffee, den er inzwischen paketweise unter seinem Namen weiterverkauft, benutzt Schweer nur Ware, die ihn selbst überzeugt „Die Schokolade hat 42 Prozent Kakao. Für Kinder, die von Zuhause nur Kaba kennen, ist das ungewohnt“, erklärt er mit Blick auf den Jungen, der die Nase rümpft, weil ihm das Gebräu ganz offensichtlich zu bitter ist.
Der Junge ist zum ersten Mal hier, aber sonst sind viele Gäste alte Freunde. Wie ein Kunde aus Österreich, der dem hungrigen Barrista an diesem Sonntag selbst gemachten Topfenauflauf mitbringt. Er bekommt neben Getränken auch noch paar nette Worte mit auf den Weg. Es ist diese Kombination aus Atmosphäre, Spaß bei der Arbeit und guten Getränken, die den Erfolg des Konzepts ausmacht. „Hier trifft man die skurrilsten Leute. Kaffee kann ich ja überall trinken, aber das hier ist ein echter Ort des Austauschs“, erklärt der Gast, warum er fast täglich zum Kaffeefahrrad läuft. Ob jemand anders den Laden genauso führen könnte? – eher unwahrscheinlich. Es gibt nur wenige, die auch nach fünf Stunden des Stehens in der Kälte noch überzeugend sagen „Ich bin jetzt absolut glücklich und habe meine Entscheidung bisher nicht bereut.“

Trotzdem ist Dominik Schweer natürlich nicht der einzige Kaffeeverkäufer auf Rädern. Als er sein Rad in Auftrag gab, wurden zeitgleich drei weitere an Orte in England und eines nach Kopenhagen geliefert. Deutschlandweit weiß er noch von zwei ähnlichen rollenden Cafés in Leipzig und Köln. Die Zahl derer, die sich allein bei dem Münsteraner nach dem Geschäftskonzept des Fahrradcafés erkundigen, ist weit größer, aber nur die wenigsten machen aus der Idee ernst. Schließlich gibt es viele Risiken. Drei Tage Regenwetter bedeuten auch drei Tage (fast) keine Kundschaft – und das bei Münsters Klima! Deshalb twittert Schweer, ob seine Kunden ihn an der Kirche vorfinden. Wenn es in Strömen gießt, bleibt er im Warmen. Der Verlust muss zu verschmerzen sein, zumal man das Fahrradcafé inzwischen auch immer öfter bei überdachten Veranstaltungen findet. Dazu reist Dominik Schweer dann – mit dem Rad auf einem Anhänger – auch schon einmal bis nach Stuttgart. „Das macht Spaß und ist zudem lukrativ.“ Seinen Stand behält er dennoch – auch bei Eiseskälte.

Weiterführende Links
http://www.derkaffeefreund.de/ Kaffeefreund Schweer im Netz

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