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Die Wende - ganz oder gar nicht
GESELLSCHAFT | ÖKOLOGIE (15.06.2011)
Von Boje Maaßen
Kein Mensch kann mit Sicherheit prognostizieren, ob im globalen Zeitalter eine Wirtschaft ohne Atomstrom in der Zukunft gestärkt oder geschwächt wird. Die Wahrscheinlichkeit ist aber sehr groß, dass gegenwärtiges Wirtschaften ohne quantitative und qualitative Änderungen in die ökologische Katastrophe führen wird.

Die Forderung, dass der Atomausstieg die Wirtschaft nicht gefährden dürfe, schließt substanzielle Veränderungen systematisch aus. Worte wie "Wir werden keinem Gesetz zustimmen, das die Industrieproduktion in Deutschland und damit sichere Arbeitsplätze gefährdet"(SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel) zementieren die vorherrschende Entwicklungsrichtung. Nur der ökologische Weg  bietet Zukunftschancen – wohlgemerkt Chancen, keine Sicherheiten. Redlichkeit fordert, sich der entscheidenden Alternative zu stellen: Weitermachen oder Ändern! Ein Drittes gibt es nicht, auch keine Rhetorik.

Ein ökologisches Leben ist möglich

Rhetorik wäre auch, wenn man es bei diesen allgemeinen Aussagen beließe. Was ist zu bedenken, was ist zu tun? Dazu einige Beispiele, wie wir in unserem Alltag versuchen, uns einer ökologischen Lebenspraxis zumindest in bestimmten Feldern anzunähern - was nicht heißt, dass wir immer am selben „ökologischen“ Strang ziehen.
Wir haben unser Auto abgeschafft, besitzen keinen Fernsehapparat, fliegen nicht. Größere Strecken werden ausschließlich mit der Bahn zurückgelegt. Einkaufszentren müssen ohne uns zurechtkommen. Internetkäufe beschränken sich auf Bücher aus dem Antiquariat. Wir achten darauf, unnötigen Energieverbrauch bei Beleuchtung und Heizen auszuschließen. Regionale und jahreszeitabhängige Produkte werden bevorzugt. Die Angebote unserer Innenstadt genügen uns vollkommen, gleiches gilt für Naherholungsgebiete.
Vor kurzem waren wir zu einer Geburtstagsfeier „ohne Pomp“ in einem Schrebergarten eingeladen – eine Bereicherung und ein Modell.

Das Kapital instrumentalisiert die Beliebigkeit

Trotzdem könnten und müssten wir mehr tun. Dieses selbstkritische Urteil ergibt sich zwingend aus folgenden Überlegungen: Wirtschaft, Politik, Kunst, Religion, Ethik und Pädagogik sind relativ autonome Praxisfelder, die sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. Keines dieser Felder darf zu einer Funktion von einem dieser Felder werden, wie gegenwärtig die Wirtschaft tendenziell alle anderen Felder bestimmt.
Die weitgehend abgeschlossene Umbildung des Menschen zum homo oeconomicus hat dazu geführt, dass die Wirtschaft der existenzielle Grund und das Zentrum seines Lebens ist. Da Wirtschaften im Wesen nur aus abstrakten Relationen und Zahlen besteht, findet eine konkret-sinnliche Verwurzelung des Menschen in einer gewachsenen Lebenswelt, sei es in Traditionen, in Heimat, in Ideen oder in Transzendenz, nicht mehr statt. Ohne jegliche inhaltliche Determination flottieren nun die Werte, das Wollen und die Wünsche der Menschen im Beliebigen umher und können so leicht und umstandslos vom Kapital gewinnträchtig instrumentalisiert, das heißt vermarktet werden. Die Wirtschaft in ihren gegenwärtigen Zielsetzungen und Ausprägung ist das Problem, sie ist eben nicht das Allheilmittel.

Gemeinsames Sparen als Chance

Das provokante Moment meiner Forderungen besteht deshalb darin, die Dynamik des gegenwärtigen Wirtschaftens auf globaler Ebene zurückzunehmen und zu begrenzen, da sie langfristig unumkehrbar unsere Umwelt gefährdet. Wesentliche Gegenmittel auf materiell-energetischer Ebene wären Nachhaltigkeit, technische Effizienzsteigerung und vor allem eine Reduktion des Energie- und Materialverbrauchs. Sparen wäre unter den gegebenen Bedingungen nicht nur Einschränkung, sondern auch Chance auf ein qualitatives und intensives Leben.

Wenn es stimmt, dass Konsumieren immer auch politisches Handeln ist, dass jeder Kaufakt die Welt zum Guten oder Schlechten verändert, dann bestehen hier reale Möglichkeiten der Veränderung. Dem Einwand „Was kann ich als Einzelner denn ausrichten?“ liegt ein Missverständnis der demokratischen Idee zugrunde, weil dieses „Wenige“ ob seiner Wenigkeit nicht geachtet wird, zumal dieses individuelle Wenige durch gemeinsames Handeln ungemein gestärkt werden kann.

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