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Wurde die Deutsche Einheit am Hindukusch erkämpft ?
POLITIK | DAS INTERVIEW (07.10.2010)
Von Michael Billig
Bundespräsident Christian Wulff muss für seine Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit Schelte einstecken. Die eigene Partei etwa distanziert sich von seinen Äußerungen zur Integration. Damit nicht genug: Wulff habe vergessen, den Afghanen zu danken, kritisiert der Soziologe Christian Sigrist im Interview mit iley.

Herr Sigrist, was haben die Afghanen mit der Vereinigung beider deutscher Staaten zu tun?

Christian Sigrist: Die sowjetische Armee hat nach zehn Jahren Besatzung am 15. Februar 1989, im Jahr der Wende, ihr letztes Kontingent aus Afghanistan abgezogen. Es ist ihr nicht gelungen, den Widerstand der afghanischen Bevölkerung zu brechen. Das war eine große militärische als auch außenpolitische Niederlage und der Anfang vom Ende des Ostblocks.

iley.de

Soziologe Christian Sigrist (c) iley.de

Das erklärt aber nicht, warum ein knappes Dreivierteljahr später in Leipzig Zehntausende auf die Straße gingen und den Fall der Mauer forderten.

Sigrist: Der Rückzug der Sowjetarmee hat die Schreckensaura, die sie umgeben hat, verjagt. Der Mythos der Unbesiegbarkeit war zentraler Bestandteil der sowjetischen Propaganda. Dieser Krieg aber hat mehr als 13.000 sowjetischen Soldaten das Leben gekostet. Die Schwachstellen des Systems wurden dramatisch sichtbar und das bestärkte oppositionelle Bewegungen in anderen Ländern, etwa die Gewerkschaft Solidarnosz in Polen, sich zu erheben. Die Sowjetunion konnte es sich nicht leisten, noch in einem anderen Satelittenstaat Panzer rollen zu lassen. Das hätten auch die Amerikaner nicht durchgehen lassen.

Die Sowjetunion hatte in der DDR Hunderttausende Soldaten stationiert. Geht die "friedliche Revolution" nicht auf das politische Taktieren von Mikhail Gorbatschow zurück, vor allem gegenüber seinen Kadern?

Sigrist: Sicher. Gorbatschow hatte aber auch einsehen müssen, dass der Krieg in Afghanistan nicht zu gewinnen war. 1985 wurde er Generalsekretär der KPDSU. Von da an hatte er der Armee ein Jahr lang Zeit gegeben, zu beweisen, dass sie in Afghanistan wieder Ordnung herstellen kann. Das war gründlich misslungen und Gorbatschow erhielt die Legitimation, die er brauchte, um seine Armeeführer in Schach zu halten und den in den Genfer Protokollen von 1988 festgeschriebenen Abzug aus Afghanistan durchzusetzen.

In Deutschland gelten Perestroika, Glasnost, Solidarnosz, die ungarische Staatsführung als Wegbereiter der Einheit. Hat Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede zum 20. Jahrestag den Falschen gedankt?

Sigrist: Nein, die Bewegung in Polen hat sicher dazu beigetragen, dass sich die Opposition in der DDR immer stärker artikuliert hat. In Ungarn war es die politische Führung, die mit der Öffnung der Grenze zu Österreich dafür gesorgt hat, dass die Mauer nicht zu halten war. Doch vergessen wurde, den Afghanen zu danken. Sie haben den größten Beitrag zum Mauerfall geleistet. Sie haben die sowjetische Armee entzaubert und einen hohen Blutzoll gezahlt, mindestens eine Millionen Tote. Das wird einfach vergessen. Es wäre aber verfehlt, nur den Bundespräsidenten dafür zu kritisieren. Das ist eine kollektive Amnesie. Es ist überhaupt nicht im deutschen Bewusstsein, dass die Afghanen den Sturz eines ganzen Systems und somit auch den Fall der Mauer eingeläutet haben.

War die "Heldenstadt Leipzig" also gar nicht so heldenhaft und die "friedliche Revolution" gar nicht so revolutionär?

Sigrist: Ich halte den Begriff Revolution für überzogen. Die Wiedervereinigung ist Bestandteil eines Systemzusammenbruchs. Die Menschen haben sich gesagt: Warum sollen wir jetzt noch warten, nehmen wir unser Schicksal in die eigene Hand, die Gelegenheit ist günstig. Im Jahr 1989 herrschte Einsicht und Besonnenheit auf vielen Seiten, so dass es glücklicherweise nicht zu Barrikadenkämpfen und Blutvergießen kam.

Denn Deutschlands Einheit wurde schon am Hindukusch erkämpft...

Sigrist: Das kann man sagen, ja.

Kann man dann auch sagen, Deutschlands Freiheit wird heute am Hindukusch verteidigt?

Sigrist: Nein, eben nicht. Das hat selbst Struck nicht behauptet, er sprach von Sicherheit. Doch erst aus dem deutschen ISAF-Engagement hat sich ein Sicherheitspropblem für Deustchland ergeben. Hätte der Bundespräsident den Afghanen in seiner Rede gedankt, wäre es peinlich geworden. Denn der Dank an die Afghanen besteht bislang darin, dass ein deutscher Oberst aufgrund einer Fehleinschätzung ein Massaker an afghanischen Zivilisten befiehlt. Das Thema afghanischer Widerstand ist tabu, denn diesmal richtet er sich auch gegen das deutsche Kontingent innerhalb der NATO-Truppen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Prof. Christian Sigrist (75) ist Soziologe und Ethnologe. Er war 1966/67 und zuletzt 1991 zu Forschungzwecken in Afghanistan. Unter seiner Leitung promovieren heute Doktoranden an der Universität Münster über Afghanistan und Pakistan. 1986 war Sigrist außerdem Sachverständiger beim Afghanistan-Hearing des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages. Sein Hauptwerk heißt "Regulierte Anarchie".
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