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KORRESPONDENZ
15.12.2006
Ich glaube, ich seh' Gespenster
VON Martina Hempel
Wer in diesem Augenblick aus dem Fenster schaut, könnte meinen, er sieht Gespenster. Durch die morgendliche Dunkelheit bewegen sich Gestalten in weißen, wehenden Gewändern. Halloween ist doch aber längst vorbei...

Die mysteriösen Gestalten betreten ein Bürogebäude. Jemand schaltet die Raumbeleuchtung aus, Kerzen werden angezündet und auf einmal wird es ganz still. Ein Blick auf den Kalender (13.12.) sagt dem Schweden, dass er sich nicht zu fürchten braucht. Ganz im Gegenteil, heute ist einer der schönsten Feiertage des Jahres: das Luciafest. Angeführt von einer jungen Frau, die einen Kranz mit Kerzen auf dem Kopf trägt, bewegt sich der in Nachthemden gehüllte Chor in einen Raum, wo die Belegschaft andächtig wartet. "Sul mare luccica, l'astro d'argento..." erklingt es auf Italienisch. Die Melodie des Liedes kennt in Schweden jedes Kind. Es wird wiederholt, diesmal in der Landessprache.

Bräuche in Schweden

Wie der Brauch in den hohen Norden kam, ist heute nicht mehr ganz nachvollziehbar. Die Heilige Santa Lucia ist uns aus Italien bekannt, genauer gesagt aus Syrakus. Der Legende zufolge lebte Lucia zu Zeiten der Christenverfolgung (etwa 200-300 n.Ch.). Sie versorgte andere Frühchristen in den Katakomben heimlich mit Lebensmitteln und trug, um die Hände dafür frei zu haben, eine Krone aus Kerzen auf dem Kopf. Von ihrem Bräutigam verraten starb sie als Märtyrerin. Besonders in Italien finden sich viele Heiligenbilder und Denkmäler der Santa Lucia. In Bergamo und in einigen anderen italienischen Städten und Gemeinden wird ebenfalls das Luciafest gefeiert. Lucia kommt zu Besuch und die Kinder werden mit Süßigkeiten und Gebäck beschenkt.
Es gibt die Theorie, dass sich das Luciafest in Schweden aus der Tradition der vorchristlichen Sonnenwendfeiern herleitet. Die Nacht zum 13. Dezember war nach dem Julianischen Kalender die längste Nacht des Jahres. Im Westen des Landes war es bereits im Mittelalter gebräuchlich, dass zu

Eine Krone aus Kerzen. Wow! (c) Martina Hempel

dieser Zeit die Hungernden von der strahlenden Lucia mit Essen versorgt wurden. Zu einem landesweiten Brauch wurde das Luciafest erst nach und nach. Ob der Name Lucia von der italienischen Namensvetterin abstammt, ist unklar, allerdings finden sich Parallelen zum lateinischen lux bzw. dem schwedischen ljus für Licht.

Die Zuhörer im Bürogebaude sind alle noch ein wenig müde. So mancher nippt verstohlen an seiner Kaffeetasse und steckt sich ein Stück Pfefferkuchen in den Mund. Schließlich sind alle Sängerinnen und Sänger im Saal und das nächste Weihnachtslied wird angestimmt. Erst nach dem vierten Auftritt an diesem Tag gönnt sich auch der Brygghus-Chor eine Stärkung. Es gibt Tee, Kaffee und typisch schwedisches Gebäck: Lussekatter - mit Safran gewürzte, süße Brötchen, die durch ihre spezielle Form an zusammengerollte Katzen erinnern.
Doch bald schon geht es weiter. Der abschließende Auftritt findet nachmittags in der Bibliothek der Universität Växjö statt. Wo in anderen Ländern jetzt viele etwas von Brandschutzbestimmungen murmeln oder gar die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden, wie etwa 30 Leute mit brennenden Kerzen in den Händen an Bücherregalen vorbei schreiten können, herrscht in Schweden Gelassenheit, auch wenn die vielen Rauchmelder und Sprinkleranlagen nicht gerade Lucia-freundlich ausschauen.

Wer ist die schönste Lucia im Land?

Das Brauchtum des Luciafestes erfreut sich überall großer Beliebtheit. Häufig werden Familien früh von einer als Lucia verkleideten Tochter geweckt, und auch in Kindergärten, Schulen und am Arbeitsplatz lebt der Brauch fort. Im sonst sehr egalitär ausgerichteten Schweden, in dem man von Schönheitswettbewerben nicht viel hält, wird vielerorts die lokale Lucia per Wahl ermittelt. Zeitungen präsentieren Bilder der Bewerberinnen und sogar in Einkaufzentren hängen sie in Bannergröße aus. Die Bevölkerung ist dazu aufgefordert, für eine der Lucien abzustimmen. Und damit Santa Lucia nicht so alleine ist, bekommt sie Gesellschaft von anderen weißgekleideten Mädchen (tärna) und Sternenknaben (stjärngosse), und manchmal auch Lebkuchenmännern (pepparkaksgubbe) und Wichten (tomte).

Draußen wird es schon langsam dunkel. Die kerzentragenden Gestalten legen ihre weißen Gewänder ab. Sie verwandeln sich wieder Studenten und fahren ziemlich erschöpft nach Hause. Damit hat der schöne Spuk ein Ende.

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