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Das Gift von Kölliken
UMWELT | DEPONIERÜCKBAU (10.11.2013)
Von Michael Billig
Auch wenn es zugeht, wie auf einem fremden, lebensfeindlichen Planeten, den die Menscheit bewohnbar machen will - dieser entstellte Flecken Erde ist nicht Lichtjahre entfernt, sondern er befindet sich mitten in Westeuropa, im Sauberland Schweiz.

M.Billig

Wie auf einem anderen Planeten: Der Rückbau der Sondermülldeponie Kölliken in der Schweiz. (c) M.Billig


Zu beiden Seiten der Autobahn A1 steigt das Schweizer Mittelland an. Der Blick reicht bis zu der Stelle, wo Wiesen und Wälder in den Himmel übergehen. Bei Kölliken-Oberdorf kreuzen in südlicher Richtung plötzlich weiße Streben das Sichtfeld. Sie schlagen hohe Bögen. Mit ihrer Spannweite von bis zu 175 Metern könnten sich die gut zwei Dutzend Stahlträger über mehrere Fußballfelder strecken. Tatsächlich biegt sich das Gerüst über ein flaches Gebäude, das sich großflächig an einen grünen Hang schmiegt. Das ebene Dach deckt mehrere Zehntausend Quadratmeter ab. Es ist an schlanken Stahlseilen aufgehängt, die von den Streben straff nach unten führen.
M.B.

Von außen hui: Die Halle schmiegt sich an den Hang. Das Tragwerk des Daches spannt sich darüber. (c) M.B.

Bei dem gesamten Bauwerk handelt es sich um eine außergewöhnliche Halle, die durch das gebogene Tragwerk elegant in den Himmel schwingt, sich im Inneren aber rabiat durch abertausend Kubikmeter Sondermüll gräbt. Laugen, Lösemittel, Farbreste, Batterien, Schlacken aus Müllverbrennungsanlagen, Abfälle aus Aluminiumwerken und Sprengstofffabriken - insgesamt fast eine halbe Million Tonnen hochgiftigen Müll ließ die Chemieindustrie an dieser Stelle einst verschwinden. Die kleine Gemeinde Kölliken beheimatet die größte Sondermülldeponie der Schweiz. Doch damit soll bald Schluss sein.
Fass für Fass, Sack für Sack und Haufen für Haufen wird die gefährliche Altlast seit dem Jahr 2007 zurückgebaut. Es ist ein seiner riesigen Dimension weltweit einzigartiges Projekt. Um Mensch und Natur zu schützen, haben Ingenieure den Rückbau unter der Halle versteckt.

Umweltsünde mitten im Wohngebiet

Was drinnen vor sich geht, davon bekommen die Anwohner draußen kaum etwas mit. Ihre Häuser stehen in direkter Nachbarschaft. Doch kein Laut dringt durch den Stahlbeton der Deponie. Im Jahr 1978 war das noch ganz anders. Da wurden die ersten Giftfässer unter freiem Himmel eingelagert, was damals als fortschrittlich galt. Die Schweiz eröffnete die Deponie, um der unkontrollierten und illegalen Müllentsorgung im Land Herr zu werden. Ein ehrbares Ziel, mit beinah fatalen Folgen. Die ehemalige Tongrube sei sicher, hieß es lange Zeit. Doch es zeigte sich recht schnell, dass die Abdichtungen nicht halten würden. Regen- und Hangwasser sickerten komplett durch den Giftberg.
M.B.

Inmitten einer Siedlung (c) M.B.

Dann, eines Tages breitete sich ein unerträglicher Geruch über die Kanalisation in das umliegende Wohngebiet aus. Im Dorfbach starben die Fische. Es kam schlimmer als Behörden und Deponiebetreiber zunächst einräumen wollten. Experten stellten fest, dass sich giftige Stoffe auf die Kölliker Rinne zubewegten. Dieser Grundwasserstrom versorgt rund 200.000 Menschen in der Nordschweiz mit Trinkwasser. Es musste etwas passieren. Die Deponie wurde 1985 geschlossen. Die Gefährdung des Grundwassers konnte den Betreibern zufolge zwar gestoppt und die größten Ängste vertrieben werden. Doch der Müll ist geblieben.

Wie auf einem toten Planeten

Von der Außenwelt abgeschirmt ist in den vergangenen sechs Jahren unter dem Hallendach eine eigene Welt entstanden. Sie besteht aus zwei Sphären. Die eine ist der so genannte Weißbereich, die ungefährliche Zone, die mittlerweile den Großteil des gesamten Hallenareals ausmacht. Die andere nennt sich Schwarzbereich. Sie umfasst rund 30.000 Quadratmeter und ist vom Rest der Deponie hermetisch abgeriegelt.
Abdrücke von großen Ketten und Reifen pflastern ausgefahrene Wege. Maschinen können sich hier bewegen. Doch menschliches Leben ist nicht denkbar. Es gibt keine saubere Luft zum Atmen. Der Boden ist aufgewühlt. Überall können giftige Gase entweichen.
Wenn Menschen den Schwarzbereich betreten, dann nur in Schutzanzügen und mit Atemgeräten. Auch wenn sie an Astronauten erinnern - Raumfahrtromantik verfliegt schnell. Auch wenn es zugeht, wie auf einem fremden, lebensfeindlichen Planeten, den die Menscheit bewohnbar machen will - dieser entstellte Flecken Erde ist nicht Lichtjahre entfernt, sondern er befindet sich mitten in Westeuropa. Hier ist die apokalyptische Vorstellung von der toten Erde traurige Realität.

Im Papamobil durch den schwarzen Bereich


Ein kastenförmiges Kettenfahrzeug schleppt seine 27 Tonnen Eigengewicht über die Deponie. Das ist eine langsame und holprige Angelegenheit. Das Papamobil, wie die Arbeiter das gepanzerte Vehikel nennen, erreicht maximal Schrittgeschwindigkeit. Es klettert mehr einen Anstieg hinauf, als dass es fährt. Am Steuer sitzt Hubert Vogel. Vogel ist Geologe und das Papamobil sein Arbeitsplatz. Für drei bis vier Stunden reicht die Luftversorgung in der geräumigen Kabine. Dann muss Vogel zurück zur Dockingstation, um Diesel aufzutanken und Frischluft aufzufüllen.
Vogel beobachtet durch Panzerglass das Geschehen um ihn herum. Deckenleuchten werfen ein diffuses Licht auf Kipper, die haufenweise Schutt befördern und in Containern abladen. Ein Bagger wuchtet seine Schaufel in den offenen Deponiekörper.
Geologe Vogel und andere Experten, darunter vor allem Chemiker, haben einen Blick für die Zusammensetzung des Mülls. In ihren Beobachtungsfahrzeugen überwachen sie den Rückbau. Über das Funkgerät, das an seiner orange leuchtenden Jacke klemmt, kann Vogel seine Kollegen warnen, wenn Gefahr droht. Doch ganz genau kann auch er nicht wissen, was als nächstes freigeschaufelt und welche Reaktion dadurch ausgelöst wird. "Die Deponie ist sehr heterogen", sagt Vogel. Um zu bestimmen, um welche Stoffe es sich konkret handelt, werden regelmäßig Proben genommen und in einem externen Labor analysiert.

Gefährliche Stoffe

Die Liste der Gefahrstoffe, die in Kölliken lagern, ist lang. Ihre Vorkommen wurden anhand von alten Deponieunterlagen ermittelt und auf einem 3D-Lageplan markiert. "Wir wissen ungefähr, was uns wo erwartet", sagt Benjamin Müller, Geschäftsführer der Sondermülldeponie Kölliken. Der leicht brennbare Stoff Ammoniumdichromat etwa, der unter anderem in der Herstellung von Pyrotechnik Verwendung findet, lauert den Akten- und Kartenmaterial zufolge an verschiedenen Stellen. Die Bagger müssen sich dem orangefarbenen Pulver, das vermutlich in maroden Fässern schlummert, mit großer Vorsicht nähern. Ein Schlag mit der Schaufel auf die Behälter reicht - und es kommt zum Knall.
Zu den anderen Stoffen, die wie Deponiechef Müller sagt, auf der "Fahndungsliste" stehen, gehören unter anderen Magnesiumspäne und Phosphorabfälle. Sie können mit dem in Kölliken ebenfalls abgelagerten Kaliumpermanganat eine explosive Mischung bilden. Bereits in Berührung mit Sauerstoff drohen sie in Flammen aufzugehen.

Brand und Explosion

Gewarnt sind die Arbeiter der Deponie allemal. Im Juni 2008 kam es im Schwarzbereich zu einem Brand. Magnesium war freigelegt worden und hatte sich in Kontakt mit anderen Stoffen selbst entzündet. Der Rückbau stand daraufhin sechs Monate still. Zwei Jahre später ereignete sich ein zweiter, folgenschwerer Zwischenfall. Diesmal jedoch auf der Sondermülldeponie in Bonfol, Westschweiz. Auch dort bauen die Betreiber zurück. Die Arbeit wurde schlagartig von einer Explosion unterbrochen und musste acht Monate ruhen. Ein Arbeiter wurde verletzt, was auch für Kölliken nicht ohne Konsequenzen blieb. "Es gab massive sicherheitstechnische Nachrüstungen", sagt Müller.
Dabei haben Sicherheitsexperten schon im Vorfeld des Rückbaus verschiedene Szenarien durchgespielt und versucht, sich darauf vorzubereiten. So überwachen Dutzende Video- und Wärmebildkameras den Schwarzbereich in Kölliken. Seit dem Brand sind es noch mehr geworden. Zu den Nachrüstungen zählt auch das Papamobil, das eigens für den Deponie-Rückbau konstruiert wurde. "Es hält einer Explosion mit zehn Kilogramm TNT-Sprengstoff aus vier Metern Entfernung stand", sagt Müller. Die Arbeiter wurden zusätzlich mit einem satelliten-gestützten Sender ausgestattet, um ihre Position stets verfolgen zu können. "Wenn etwas passiert, wissen wir, wer sich wo befindet", sagt Müller.

Totale Überwachung

Kamerabilder und GPS-Daten laufen auf Computerbildschirmen in der Leitstelle zusammen. Dieser Raum befindet sich auf der Grenze zwischen Weiß- und Schwarzbereich. Durch ein kleines Fenster aus Panzerglass eröffnet sich die von Sondermüll und Räumfahrzeugen belagerte Welt. Hinter der Tür gegenüber führt ein Gang durch die weiße Zone und weiter in die Außenwelt. Für beides haben die zwei
M.B.

Die Leitstelle (c) M.B.

Mitarbeiter der Leitstelle gerade keinen Blick. Sie konzentrieren sich auf die Monitore, die sich wie eine Wand auf den Schreibtischen vor ihnen aufbauen. Über Funk stehen die beiden Männer in Verbindung mit der Abbauflotte im Schwarzbereich, aber auch mit allen anderen Abteilungen. Über ihre Computer können sie so ziemlich alles kontrollieren und steuern. Auch das komplexe Abluftsystem, das die Luft aus allen Bereichen ableitet. Sie strömt streckenweise durch mannshohe Rohre, an deren Ende Aktivkohle- und Staubfilter stehen. Diese befreien die Luft von Schadstoffen. Danach kann sie in die Umwelt entlassen werden. Zur Sicherheit überwachen zusätzlich in der näheren Umgebung der Deponie Messstationen die Luftqualität.

Mit der modernen Sicherheitstechnik schnellten die Kosten dieses Pionierprojektes in die Höhe. Betreiber und Behörden müssen inzwischen insgesamt fast 1 Milliarde Schweizer Franken in die Hand nehmen, um den Müll loszuwerden. Das sind 600 Millionen mehr als anfangs kalkuliert. Auch der Zeitplan ist mächtig durcheinander geraten. Mittlerweile hinkt er den ursprünglichen Vorgaben dreieinhalb Jahre hinterher. Nun soll der Rückbau bis 2016 abgeschlossen, ein Jahr später die Halle demontiert sein. Danach soll die gesamte Fläche renaturiert werden und die Müllkippe endgültig der Vergangenheit angehören. Das Papamobil ist dann entweder auf einer anderen Deponie unterwegs oder es wird mit dem letzten Sondermüll von Kölliken entsorgt.


Die Sondermülldeponie Kölliken gilt als die größte Umweltsünde der Schweiz. Heute leisten die Eidgenossen Abbitte. Eine Frau hat ihnen dafür 30 Jahre lang ins Gewissen reden müssen: Hertha Schütz-Vogel kämpfte nicht nur gegen den stetig wachsenden Müllberg in ihrem Dorf, sondern musste sich auch gegen Obrigkeitsdenken, alte Rollenbilder und Drohungen zur Wehr setzen. Unser Autor hat Schütz-Vogel getroffen und über ihren Kampf in der Zeitschrift Natur geschrieben.

Weiterführende Links
http://www.smdk.ch/Sondermülldeponie Kölliken

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