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Nach mehr als 60 Jahren rollt durch Laos wieder eine Eisenbahn
REISE | ENTWICKLUNG IN SÜDOSTASIEN (21.03.2009)
Von Oliver Tappe
Laos und Schienenverkehr – diese beiden Wörter in einem Atemzug sorgten bislang gerne für Heiterkeit am Mekong, galt Laos doch als eines der weltweit höchst raren Beispiele für ein Land ohne Eisenbahn. Dieser Zustand ist nun Vergangenheit.

Am 5. März 2009 wurde im Beisein der thailändischen Prinzessin Sirindhorn die Bahnstrecke von Nongkai (Thailand) nach Ban Dongphosy (Laos) eingeweiht. Sie führt über die so genannte Freundschaftsbrücke, welche seit 1994 den Mekong quert und sinnbildlich für die normalisierte Beziehung der vormaligen Klassenfeinde steht. Zweifellos ist dieses kurze Stück Gleis ein großer Fortschritt für die laotische Infrastruktur, deren unzureichender Ausbau seit jeher als Entwicklungshemmnis galt.

O. Tappe

Noch aus der Kolonialzeit: Dieses Dampfross in Laos steht nicht mal mehr auf dem Abstellgleis. (c) O. Tappe

Unerfüllte Kolonialträume

Schon die Franzosen waren an der infrastrukturellen Erschließung von Laos gescheitert. Vor allem die Hoffnung, mit dem Mekong einen Zugang nach China und eine wichtige Handelsroute zu kontrollieren, erwies sich als illusorisch. Stromschnellen in Nord- und Südlaos verhinderten die durchgehende Schiffbarkeit des Flusses und machten langwieriges Verladen der Fracht auf dem Landweg erforderlich.
Abhilfe sollte eine Schmalspurbahn in der heutigen Provinz Siphandon („4000 Inseln“) schaffen, die über die Inseln Don Det und Don Khon führte, unweit der tosenden Liphi-Wasserfälle. Ab 1897 nach und nach erbaut, wurde dem übersichtlichen laotischen Schienennetz im Zweiten Weltkrieg durch japanische Luftangriffe ein Ende bereitet. Die Eisenbahn wurde seitdem nie wieder genutzt. Noch heute zeugen alte Gleise, eine nur noch von Fußgängern genutzte Brücke sowie eine pittoresk im Gestrüpp vor sich hin rostende Lokomotive von diesem Projekt.

Straße Nr. 3 verbindet Laos mit China und Thailand

Nachdem auch eine geplante Bahntrasse zwischen Vietnam und dem laotischen Mekong-Hafen Thakhaek ein Luftschloss geblieben war, hinterließen die Franzosen ihrem kolonialen Hinterland nach der Unabhängigkeit 1954 lediglich einige Straßen als Verkehrsadern. Ihr Engagement in ihrer Kolonie Französisch-Indochina war in erster Linie auf das profitablere Vietnam ausgerichtet, während Laos und Kambodscha vernachlässig wurden. Durch die Kriegswirren in den 60er und 70er Jahren gelang es Laos nicht, seine infrastrukturellen Defizite aufzuholen. Vielmehr wurden gerade im von den revolutionären Truppen kontrollierten Hochland die wenigen Verkehrswege durch amerikanisches Bombardement in Mitleidenschaft gezogen.
Nach der Revolution 1975 wurde die Lage kaum besser, und die sozialistische Wirtschaftspolitik ließ das Land endgültig in die Niederungen der „Least Developed Countries“ absinken. Erst mit dem ASEAN-Beitritt 1997 und den verbesserten Beziehungen zu den Nachbarländern erhielt Laos einen starken Aufschwung. Sinnbildlich dafür steht neben den thailändisch-laotischen Brückenprojekten die Straße Nr. 3 in Nordwest-Laos, welche die Länder China und Thailand verbindet und von diesen entsprechend finanziell getragen wurde.

Thailändische Prinzessin bestieg den Zug

Mit dem Gleisstück über die Freundschaftsbrücke nähert sich die Realisierung einer Verkehrsvision aus den 60er Jahren, die eine durchgehende Bahnlinie von Singapur bis nach Shanghai vorsah, aber von regionalen Konflikten immer wieder durchkreuzt wurde. Als Prinzessin Sirindhorn und der thailändische Premier Abhisit Vejjajiva am 5. März 2009 den ersten Zug nach Laos bestiegen und auf dem jenseitigen Mekong-Ufer vom laotischen Vize-Präsidenten und Alt-Revolutionär Bunnyang Vorachit herzlich empfangen wurden, war dies auch ein weiterer Abgesang auf die alte Rivalität aus Zeiten des Kalten Krieges. Die Kosten für das 5,5 Millionen US-Dollar teure, 3,5 Kilometer lange Gleisstück kommen fast vollständig aus dem Thai-Staatssäckel.
Fürs erste sind zwei Züge pro Tag für die Flussüberquerung vorgesehen. Beide Mekong-Anrainer betonten die wirtschaftlichen Chancen, die sich durch die Bahnverbindung eröffnen. Gerade Laos erhofft sich einen Aufschwung im Export, da nun laotische Güter schneller und kostengünstiger in die thailändischen Seehäfen gebracht und dort weiter verschifft werden können.
Doch auch für Touristen vereinfacht sich das Reisen in Südostasien, da der beliebte Nachtzug aus Bangkok nun bis nach Laos hinein fährt, anstatt auf thailändischer Seite zu enden. Die restlichen neun Kilometer vom Bahnhof Thanalaeng in Dongphosy bis in die Hauptstadt Vientiane sollen möglichst bald für den Schienenverkehr erschlossen werden.

Brücken über den Mekong

Wo die thailändische Prinzessin gerade so schön auf Landpartie war, ist sie gleich weiter nach Khammouan gefahren um dort mit Vize-Präsident Bunnyang den Grundstein für die dritte Freundschaftsbrücke über den Mekong (zwischen Thakhaek und Nakhon Phanom) zu legen. Baubeginn ist im Juli, die Brücke soll in drei Jahren fertig gestellt werden. Der laotische Außenminister Thongloun Sisoulith betonte, dass Laos damit einen weiteren Schritt von einem „land-locked“ zu einem „land-linked“ Staat machen und davon wirtschaftlich profitieren würde. Aber auch die Thai erhoffen sich von dem Projekt eine effiziente Anbindung an den vietnamesischen Markt und damit ebenfalls Wirtschaftsperspektiven.

Das nächste große Projekt wird die Mekong-Brücke bei Houayxay sein, die vor allem den thailändisch-chinesischen Handel stimulieren soll. Es wäre damit eine durchgehende Strecke von der chinesischen Boom-Town Kunming bis nach Chiang Mai geschaffen – quer durch den laotischen Nordwesten. Inwiefern die dörfliche Bevölkerung in dieser dünn besiedelten Region von der Entwicklung regelrecht „überrollt“ wird, bleibt ein vieldiskutiertes Thema.
Thailand und Laos teilen sich die Kosten des Brückenbaus. Wie laotische Zeitungen berichteten, verzögert sich der Bau wegen Finanzierungsproblemen von thailändischer Seite aus, während Laos die nötigen Mittel bereits zusammen habe. Der Grund für die ungewohnte finanzielle Potenz von Laos: Ein großzügiger Zuschuss von 20 Millionen US-Dollar aus den Taschen der ungeduldigen Chinesen.


Weiterführende Links
http://www.stefan-loose.de/updates/asien/laos/Aktuelle Laos-Reiseinfos bei Loose Travel Handbücher

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