KURZGESCHICHTE | 15.10.2007 |
| VON Tim Köhler | |
„Guten Morgen. Wo haben wir gestern aufgehört?“ sagt der Dozent. Doch er ist alleine in seinem Büro. Er hat soeben ca. 20 Studenten gefragt, die zwar nicht anwesend sind und doch anwesend sind. Durch Internet sind der Dozent und die Studenten in einem virtuellen Netzwerk miteinander verbunden.![]() Die Vorlesung in den eigenen vier Wänden - Internet und Headset macht es möglich. (c) photocase.com (martinsombrero) Er führt den Mauszeiger zur letzten Rechenaufgabe auf dem Whiteboard und fragt seine Studenten nach der Lösung. Zögerlich fängt jemand an „... ja, also. Na ja, wenn der letzte Term [dabei selektiert er den entsprechenden Teil der Rechenaufgabe] gegen Null geht, dann ergibt sich im Gesamten eine Differenz.“ „Das kann nicht sein“, wirft jemand anderes ein. Der Dozent übergibt die Kontrolle des Whiteboards an denjenigen, der den Einwurf brachte. Alle folgen gespannt seinen Ausführungen. So ein Mist, denkt Schmidt und prüft die aktuelle Zeit. Es ist bereits acht Uhr durch und die Vorlesung hat bereits begonnen. Er sitzt im Auto und lässt sich die aktuellen Nachrichten vorlesen. Als die freundliche Damenstimme zum Sport übergeht, klickt er auf in seinem Autocomputer auf Weiter. Uninteressant. Die Stimme verebbt und startet die Wettervorhersage. Mit dem Satz „Ansonsten wird es heute ein freundlicher Tag mit viel Sonnenschein“, verstummt der Autocomputer. Ein Lächeln huscht über die Lippen von Schmidt. Er geht vom Gas und genießt die jetzt zu hörende Musik von seinem Lieblingsinterpreten. Dieser Tag muss am Baggersee verbracht werden, denkt er sich und nimmt die nächste Autobahnabfahrt. Nebenbei tippt er auf das Memo-Symbol und sagt laut: „Vorlesung von heute downloaden“. Der Autocomputer quittiert mit einem Piep und erhöht die Lautstärke der Musik wieder. Schmidt entspannt sich. Als die Sonne untergeht und es kühl wird, betritt Schmidt seine Wohnung. Der Wohnungscomputer erkennt ihn und begrüßt ihn mit sanfter Musik. Neben der Haustür blinkt ein Lämpchen, daneben ein Knopf. Er drückt darauf und seine eigene Stimme ertönt: „Vorlesung von heute downloaden“. Ach ja, da war ja noch was, denkt er und geht zu seinem PC, um das Internetportal seiner Uni zu starten. Er sucht seinen Studiengang heraus, gibt seine Matrikelnummer ein und erhält eine Übersicht aller bisherigen Vorlesungen. Er wählt den Eintrag des heutigen Tages und lädt sich das Vorlesungsskript auf seinen PC. Nebenbei setzt er eine Portion Nudeln an. Als Nudeln und Skript fertig sind, macht er es sich auf dem Sofa bequem und klickt auf Play. Als er den Kommentar und das Gelächter der anderen Studenten vom Dozenten hört, muss er grinsen. Müller hatte versprochen, die Vorlesung zu besuchen und ihm seine persönlichen Notizen zu schicken. Guter Mann, war schließlich spät gestern. | |
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