HINTERFRAGT | 15.09.2006 |
| VON Jens Ole Schneider | |
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Eine penetrant scheppernde Durchsage im Intercity von Leipzig nach Dortmund. Es ist die Rede von einem "herrenlosen Koffer", der im Bahnhof Göttingen gefunden worden ist. Nachdem ich mit Bahn Card aber ohne Ticket erwischt worden bin, mein Personalausweis wegen überschrittenen Verfallsdatum aber nicht ausreicht, um sicher zu stellen, dass ich auch wirklich Jens Ole Schneider bin, ich also von der Schaffnerin im besorgten bis einigermaßen aufdringlichen Ton immer wieder ermahnt werde, doch endlich meinen Ausweis zu erneuern - diesmal mit biometrischen Daten - in dem Moment also, wo ich mich endlich in meinen von Angstschweiß durchtränkten Rücken zurücklehnen will, beginnt es plötzlich im Lautsprecher über mir auf unangenehme Weise zu rauschen und zu dröhnen. "Im Bahnhof Göttingen ist ein herrenloser Koffer gefunden worden. Unser Zug wird den Bahnhof Göttingen nicht anfahren. Der Bahnhof Göttingen wird geräumt." Aufgeregtes Gemurmel um mich herum, hastiger Austausch von Blicken, kommentierende Blicke, irgendwo zwischen Besorgtheit und Hilflosigkeit. Scheiße, denke ich. Du hättest die Mitfahrgelegenheit gestern Nacht wahrnehmen sollen. Dieser Zug ist doch wirklich dämlich. Leute springen um dich herum und fordern Dinge, die du nur mit viel Mühseligkeit erfüllen kannst, im Lautsprecher wird schon wieder von dem herrenlosen Koffer berichtet "Bitte erreichen sie ihr Ziel, ohne den Bahnhof Göttingen in Anspruch zu nehmen". Virtuose Umleitungen werden durchgegeben, Mahnungen und nötige Sicherheitsmaßnahmen werden verkündet, dass man auch in diesem Zug jeden Koffer, bei dem der Verdacht bestehen könnte, dass er herrenlos ist, dem Zugpersonal unverzüglich melden sollte. Ich dachte immer, im Zug kann man schlafen! Und ich brauche den verdammten Schlaf, endlich. Das rechte Auge ist schon zugefallen, das linke flackert noch etwas unruhig und will sich gerade dem rechten zugesellen, als es mitsamt allen den schönen Schlummer herbeisehnenden Sinnesorganen erneut aufgeschreckt wird. Eine zwar immer noch laute, aber seltsamerweise nicht mehr ganz so schroff klingende Stimme im Lautsprecher. "Dieser Zug wird den Bahnhof Göttingen doch anfahren. Der Besitzer des Koffers ist soeben im Bahnhof Göttingen aufgetaucht." Er hat den Koffer einfach vergessen! Die Blicke der Menschen um mich herum sprechen Bände. "Warum vergisst der Typ seinen Koffer? Der kann den doch nicht einfach vergessen! Was müssen wir hier durchmachen, so ein trotteliges Arschloch!" Schwere Zeiten für verpeilte Menschen! Im Gegensatz zu den anderen Passagieren ist mein Rücken Gott sei Dank schon getrocknet. Das mag daran liegen, dass der Körper alles zur Verfügung stehende Wasser schon bei der Sache mit dem biometrischen Personalausweis ausgespuckt hat. Es kann aber auch damit zusammenhängen, dass ich eigentlich die ganze Zeit wusste, dass dieser Koffer keine Bedeutung hat, dass ich mich selbst oft weit genug von meinem Gepäck entfernt hatte, um bei diversen Mitbürgern den Glauben zu erwecken, dass mein Hab und Gut herrenlos sei, dass ich vielleicht Gründe haben könnte, meinen Koffer so allein in der Bahnhofshalle stehen zu lassen, dass darin vielleicht irgendetwas ist, möglicherweise etwas terroristisches - oder so... ![]() Für unsere Sicherheit? (c) Michael Billig Also worin besteht die Gefahr, wovor haben wir solche Angst? Oder anders gefragt: Was genau verleitet uns dazu, Personalausweise mit biometrischen Daten zu erstellen, an unzähligen Ecken und Winkeln Überwachungskameras anzubringen und darüber zu diskutieren, ob wir unser Sicherheitspersonal nicht doch besser mit diversen Waffen ausstatten? Heißt die Antwort auf alle diese Frage einfach "11. September und alles, was danach kam"? Ist es also allein der Terrorismus bzw. die Möglichkeit eines terroristischen Anschlages, die uns tagtäglich die Angst in den Nacken treibt? Um ehrlich zu sein: Ich habe manchmal mehr Angst vor den Reaktionen auf den Terrorismus als vor dem Terrorismus selbst. Nicht nur der Irakkrieg hat uns gezeigt, auf welch vielfältige Weise gesellschaftliche Angst und Weltpolitik zusammenhängen. In der Berücksichtigung dieser Überlegungen stehen die Ereignisse im Zug von Leipzig nach Dortmund in einem rätselhaften Licht. Ist die Aufregung um die Identität meiner Person, gerade weil auf der mit Lichtbild versehenen Bahn Card ausdrücklich draufsteht, wer ich bin, nicht etwas seltsam? Ist die Panik um den herrenlosen Koffer, der am Ende doch nicht herrenlos war, vielleicht auch eine Panik-Mache? Und die Videokameras in den Bahnhöfen, auf die mit dem Slogan "Zu Ihrer Sicherheit" überall stolz verwiesen wird, geht es bei denen eigentlich nur mir so, dass da plötzlich ein etwas mulmiges Gefühl im Bauch ist, dass man daran denkt, wie es wäre, wenn diese Kameras nicht nur eine Reaktion, sondern auch eine Quelle von Angst sind? Angst, irgendwie ständig beobachtet zu sein, sich irgendwie konform, irgendwie unauffällig verhalten zu müssen. Und Auffälligkeit? Was ist das wiederum eigentlich? Etwa jede Form von Andersartigkeit? Anders in Bezug auf wen oder was? Es muss ja etwas geben, von dem sich der Andersartige irgendwie unterscheidet, etwas Kollektives, Verbreitetes vielleicht. Das Normale eben. Aber woher kommt die Norm? Und Sicherheit, wessen Sicherheit überhaupt? Unsere Sicherheit? Nur: Wer sind Wir? Oder spannender gefragt: Wer ist nicht Wir? Und: Ist es nicht faszinierend, wie viele Fragezeichen am Ende eines Textes über eine einfache Bahnfahrt von Leipzig nach Dortmund stehen? | |
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