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Fußballtempel Maracanã
SPORT | WM IN BRASILIEN (12.07.2014)
Von Christian Russau
Ein Schuss, der alles änderte. »Nur drei Menschen haben mit einer einzigen Bewegung das Maracanã zum Schweigen gebracht: Der Papst, Frank Sinatra und ich.«

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1950 fasste das Maracanã 200.000 Menschen. Heute bietet es noch 74.000 Zuschauern einen Platz. Stehplätze gibt es nicht mehr. (c) Wikipedia

Es ist die Schlussphase der entscheidenden Partie der Finalrunde der Fußballweltmeisterschaft 1950 in Brasilien. Im neuen Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro ringen vor 199.854 Zuschauer_innen Brasilien und Uruguay um den Titel. Es steht 1:1. »Dann kam die 79. Minute«, berichtet 50 Jahre später Uruguays wohl bekanntester Rechtsaußen aller Zeiten, Alcides Ghiggia. »Ich war damals sehr schnell, entkam Bigode, und auch Juvenal konnte mir nicht folgen, sodass ich diagonal auf das Tor zuging. Der brasilianische Keeper Barbosa dachte wohl, ich würde den Ball in die Mitte spielen. Er kam ein paar Meter aus dem Tor heraus, um den erwarteten Querpass abzufangen, und ließ mir eine kleine Lücke. Also habe ich den Ball rechts neben den Pfosten platziert, und als Barbosa abtauchte, zappelte er schon im Netz.« Totenstille im weiten Rund. Blankes Entsetzen.
Brasilien in Schockstarre - und Uruguay triumphierte. Als »Maracanazo« ging der WM-Titel Uruguays in die Geschichtsbücher ein.

Maracanã, der Fußballtempel, gehört mit Wembley und Camp Nou wohl zum dreifaltigen Olymp des Fußballs. Hier brillierte Pelé mit Santos in Rio, hier verzauberte der Haken schlagende Mané Garrincha die Fans von Botafogo, hier wurden die clásicos Fla-Flu zwischen Flamengo und Fluminense ausgetragen, hier wirbelten Zagallo und Zico, Rivelino, Romário und Ronaldo. Und die Fans liebten ihr »Maraca«, wie sie das im Stadtteil Maracanã gelegene elliptische Rund aus Beton zärtlich nannten. Dabei ist es schnell in die Jahre gekommen.
1950 unter hohem Zeitdruck zur WM gerade rechtzeitig fertiggestellt, wurde es schon in den 1960er und 1970er Jahren mehrmals erneuert; dann wurden die Instandhaltungsmaßnahmen seltener, der Beton bröckelte - bis 1992 eine Tribüne einstürzte und drei Menschen starben. So wurde es 1993 renoviert und für die Aus-
richtung der Panamerikanischen Spiele 2007 umgebaut. Nur sechs Jahre später wurde es für die WM komplett entkernt, somit fast neugebaut. Beliefen sich die Kosten 2007 auf umgerechnet 100 Millionen Euro, so fielen 2013 noch einmal 370 Millionen Euro an. Die Kosten trug stets die öffentliche Hand.

Sitzplatzzwang und Polizeigewalt

Ein schönes, modernisiertes Maracanã - ein Geschenk des Staates an die torcida, die Fans, die zu Tausenden auf der geral, der Stehtribüne, ihre Mannschaft anfeuern, die singen und musizieren, die mitfiebern und schimpfen, die leidenschaftlich dem Fußball frönen und sich und ihr Team feiern, ebenso wie sie die Gegner schmähen? Nein. Denn die Stehtribüne wurde abgeschafft - Sitzplatzzwang im weiten Rund. Und ausreichend Platz für die VIP-Lounges, in denen kulinarische Köstlichkeiten zu Champagner kredenzt werden.
Die Renovierung des Maracanã war gekoppelt an eine klammheimliche Privatisierung des ehrwürdigen Stadions: Dank der Konzessionsvergabe an private Investoren sprudelten für diese die Gewinne - die Kosten für die Modernisierung waren ja zuvor bereits sozialisiert worden. Das Gelände sollte komplett in den Dienst des Kommerzes gestellt werden.
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Sollte abgerissen werden, wurde aber von Indigenen besetzt: Aldeia Maracanã (c) Wikipedia

Im Zuge der WM- und Olympiavorbereitungen befanden die Stadtregierung und die Investoren, eine Reihe von Gebäuden und Einrichtungen stünden schlicht im Weg, so auch die Aldeia Maracanã, ein in unmittelbarer Nähe zum Maracanã-Stadion gelegenes historisches Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, das dessen Erbauer, der Herzog August von Sachsen-Coburg und Gotha, urkundlich den Indigenen Brasiliens vermacht hatte.
Indigene Gruppen hatten das Gebäude vor Jahren besetzt und wieder in Besitz genommen, doch im April 2013 ließen die Behörden das Gebäude mit massiver Polizeigewalt räumen. Denn das Gelände der Aldeia und eine angrenzende Schule standen dem Bau von Parkhäusern und verbreiterten Zubringerstraßen im Weg. Auch wichtige Sportstätten, in denen brasilianische Athlet_innen für die Olympischen Spiele trainieren, sollten abgerissen werden. Doch die Proteste der sozialen Bewegungen verhinderten dies.
Im Jahr 2013 wurde die Aldeia Maracanã mehrmals wieder von Indigenen und Unterstützer_innen besetzt, dabei kam es zu brutalen Zusammenstößen mit der Polizei, die unter Einsatz von Tränengas und Pfefferspray das Gebäude jedes Mal räumten. Aber unter dem Eindruck der massiven Juni-Proteste in Brasilien knickte die Politik ein. Im August 2013 unterzeichnete Bürgermeister Eduardo Paes ein Dekret, das die Aldeia Maracanã unter Denkmalschutz stellte. Anfang 2014 kam es dann zu einer Einigung zwischen der Regierung von Rio de Janeiro und den privaten Konzessionsinhabern des Maracanã-Geländes: Die bestehenden Gebäude und Sporteinrichtungen werden nicht abgerissen.
Widerstand lohnt sich also doch. Ab er der Sitzplatzzwang im Stadion bleibt. Die Stehtribünen des Maracanã sind nur noch Geschichte.


VSA-Verlag

Empfehlenswerte Lektüre für die Zeit während und nach der WM (c) VSA-Verlag

Dieser Artikel stammt aus dem frisch gedruckten Buch von Gerhard Dilger / Thomas Fatheuer / Christian Russau / Stefan Thimmel (Hrsg.): Fußball in Brasilien: Widerstand und Utopie. Von Mythen und Helden, von Massenkultur und Protest. Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die im VSA-Verlag erschienen ist. Sie umfasst 240 Seiten und kostet als gedrucktes Exemplar 16,80 Euro (ISBN 978-3-89965-595-7).
Texte aus dem Buch dürfen nach der Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Germany License für nicht-kommerzielle Zwecke verbreitet werden.

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