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Der Parteisoldat
POLITIK | WILHELM LIEBKNECHT (17.09.2013)
Von Frank Fehlberg
Er nannte sich den Soldaten der Revolution, dessen Pflicht die Abschaffung der Klassenherrschaft und die Befreiung der Menschheit sei. Wilhelm Liebknecht prägte die Leipziger Sozialdemokratie und verhalf dem Parteimarxismus zum Durchbruch.

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Büchsenmacher und Politiker: W. Liebknecht. (c) wikimedia/iley

Nach dem Tod seiner Eltern wuchs der Beamtensohn Liebknecht mit seinen Geschwistern bei Verwandten auf. Eine prägende Kindheitserfahrung war der Umgang der hessischen Obrigkeit mit Liebknechts Großonkel Friedrich Ludwig Weidig. Dieser hatte zusammen mit dem Schriftsteller Georg Büchner 1834 eine Flugschrift mit der Losung "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" verbreitet und war 1837 im Gefängnis gestorben. 1842 schloss Liebknecht das Gymnasium in Gießen ab und begann ein Studium der Philosophie und Theologie. Er wurde in verschiedenen studentischen Burschenschaften und Corps aktiv.

Revolution in Paris

Für die Schaffung einer freiheitlichen Ordnung sah Liebknecht im monarchischen Deutschland keine Erfolgsaussichten. Er erwog, in die USA auszuwandern. Hierfür eignete er sich neben dem Studium Kenntnisse des Zimmer- und des Büchsenmacherhandwerks an. Nachdem 1848 in Paris die Februarrevolution ausgebrochen war, schloss er sich ihr an. Im Herbst nahm er in Baden an einem radikaldemokratischen Aufstand teil. Eine Haft brachte ihn nicht von seinen Bestrebungen ab, so dass er 1849 für die Anerkennung der Paulskirchenverfassung kämpfte. Das Scheitern der Reichsverfassungskampagne zwang ihn zur Flucht in die Schweiz, wo er zuvor bereits ein Jahr als Lehrer tätig geworden war.

Ausgewiesen - aus der Schweiz

Aus der Schweiz aufgrund sozialistischer Organisationsarbeit ausgewiesen, gelangte er 1850 nach London, wo er sich dem Bund der Kommunisten um Karl Marx und Friedrich Engels anschloss. Beide beeinflussten Liebknechts politisches und soziales Denken während seines Exils in England, welches bis 1862 andauerte. Er kehrte nach einer Amnestie für Revolutionsteilnehmer in sein Heimatland zurück.
1863 wurde er zu einem führenden Kopf von Ferdinand Lassalles ADAV. Liebknecht wandte sich jedoch bald vom Nachfolger Lassalles, Johann Baptist von Schweitzer, ab. 1865 wurde er aus dem ADAV ausgeschlossen. Liebknecht hatte insoweit von Marx gelernt, als dass er auf eine gesellschaftliche Fortentwicklung in Form einer Revolution hinarbeiten wollte. Der reformerische und preußenfreundliche Ansatz des ADAV stand seinem Ansinnen entgegen.

Liebknecht musste sich nur wenige Jahre nach der Rückkehr aus dem Exil erneut nach einem neuen Zuhause umsehen. Wegen "sozialdemokratischer Umtriebe" war er nun auch aus Berlin ausgewiesen worden. Sein Weg führte ihn 1865 nach Leipzig, wo er sich für die nächsten 25 Jahre niederließ. Hier lernte er den liberal eingestellten Arbeiter August Bebel kennen, dessen Hinwendung zum Sozialismus er im marxistischen Sinne beeinflusste. Mit ihm gründete er 1866 die Sächsische Volkspartei und zog 1867 in den Norddeutschen Reichstag ein. Liebknecht und Bebel wurden zu den prägenden Figuren nicht nur der Leipziger Sozialdemokratie, sondern der gesamtdeutschen sozialistischen Parteienbildung.

Von Marx verhöhnt

Nach dem Vereinigungsparteitag von ADAV und SDAP 1875 war Liebknecht maßgeblich an der Durchsetzung des theoretischen Marxismus in der Gesamtpartei SAP beteiligt. Allerdings ist der demokratisch-revolutionäre Alt-48er nicht in allen Belangen dem Marx'schen Denken gefolgt. Bei diesem war eine Lehre vom Staat, in dem er vorrangig eine zu beseitigende Interessenorganisation des Bürgertums sah, nur schwach ausgeprägt. Liebknecht hingegen formulierte 1869 einen demokratischen Sozialismus: "Der demokratische Staat ist die einzig mögliche Form der sozialistisch organisierten Gesellschaft."
Für seine zuweilen eher reformerischen statt revolutionären Ansichten wurde er von Marx und Engels zeitweise verhöhnt, als Parteisoldat und Organisator aber war er ihnen unersetzlich geworden. Noch 1894 äußerte Liebknecht: "Hoch steht mir Marx, aber höher die Partei".

1876 erschien unter Liebknechts Leitung mit dem Vorwärts erstmals das "Central-Organ der Sozialdemokratie Deutschlands" in Leipzig. Der Vorwärts besteht bis heute. Friedrich Engels veröffentlichte hier 1877/78 auf Drängen Liebknechts seinen "Anti-Dühring", der zum zentralen Zeitdokument des Marxismus wurde und andere Sozialismus-Konzepte verdrängen sollte. Durch das Sozialistengesetz (1878-1890) verfolgt und mehrmals in Haft, wurde Liebknecht 1891 erneut Chefredakteur des Vorwärts und verhalf Marx‘ Lehre im Erfurter Programm der SPD zum endgültigen Durchbruch. Dem von ihm geprägten Motto "Wissen ist Macht" verlieh Liebknecht durch seine macht- und bildungsorientierte Parteiarbeit nachhaltig Geltung. Sein bewegtes Leben endete am 7. August 1900.


Daten zu Wilhelm Liebknecht (* 29. März 1826, † 7. August 1900): Publizist und Büchsenmacher, Mitglied des (Norddeutschen) Reichstages (1867-1871 u. 1874-1887 bzw. 1888-1900), Mitglied des Sächsischen Landtages (1879-1885 u. 1889-1892), Mitgründer der Sächsischen Volkspartei (1866), der SDAP (1869) und der SAP (1875)

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