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Neue Gefahr vom Himmel
POLITIK | WETTRÜSTEN MIT DROHNEN (25.02.2012)
Von Michael Billig
Die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und andere Länder treiben die Entwicklung von Drohnen voran. "Das Wettrüsten hat begonnen", sagt der Physiker und Friedensforscher Jürgen Altmann im Gespräch und fordert ein Verbot von Drohnen, die autonom töten können.

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Jürgen Altmann empfiehlt, den Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa neu zu beleben. (c) iley.de

Herr Altmann, warum setzen die USA und auch Deutschland immer mehr Drohnen ein?

Altmann: Aus militärischer Sicht gibt es eine Reihe von Gründen: Einmal möchte man die eigenen Soldaten nicht mehr in Gefahr bringen. Ein anderer Grund ist, dass man mit einer Drohne länger und besser beobachten kann. Und für die Bewaffnung einer Drohne spricht, dass man den Feind sofort angreifen kann und nicht erst ein Kampfflugzeug zum Ziel beordern muss. Ein anderer Aspekt: Sollten die Drohnen abgeschossen werden, gibt es keine Piloten, die gefangenommen werden können.

In einer Drohnen-Studie des Büros für Technikfolgenabschätzung im Deutschen Bundestag heißt es, dass es einen Trend zur Autonomisierung und zur Bewaffnung gibt. Was heißt das konkret?

Im Moment lösen Drohnen Waffen nur unter Fernsteuerung aus, etwa via Satelliten- oder Funkverbindung. Die Steuerstationen befinden sich weit weg vom Ziel, zum Beispiel in den USA im Bundesstaat Nevada. Diese Praxis geht solange gut, solange eine Kriegspartei die technologische Oberhand hat. Verfügen Kriegsgegner über die Möglichkeit, die Fernsteuerung zu stören, stellt sich die Frage, ob man den Drohnen die Fähigkeit geben soll, selbst zu entscheiden, ein Ziel zu attackieren. Es gibt militärische Motive, in diese Richtung zu gehen.

Computer sollen Menschen die Entscheidung abnehmen, auf andere Menschen und Maschinen zu schießen? Das hört sich bedrohlich an.

Da drohen eine Menge Gefahren. Automatische Systeme können sich durchaus irren. Ein Sonnenreflex oder ein abgeworfener Infrarottäuschkörper könnte irrtümlicherweise als Abgas einer startenden Rakete erkannt werden, was dann die Drohne veranlasst, zum Angriff überzugehen. Da sind Instabilitäten zu befürchten. Länder könnten in einen Krieg hinein geraten, den sie gar nicht wollten.

Besteht die Gefahr eines neuen Wettrüstens?

Das Wettrüsten hat schon begonnen. Die USA und Israel sind bei der Bewaffnung von unbemannten Flugsystemen die Vorreiter. In anderen Ländern, darunter England, Frankreich, Deutschland, aber auch Russland, China und Iran sind Prototypen in Arbeit. Jedes Land, das Drohnen zur Überwachung einsetzt, darunter auch Deutschland, kann diese zu bewaffneten Flugsystemen umrüsten. Kleinere Systeme wird man künftig auch auf Waffenmessen und dem Schwarzmarkt angeboten bekommen.

Was bedeutet diese Entwicklung für den Frieden?

Es wäre sehr wichtig, den Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa neu zu beleben. Der beschränkt alle Kampfsysteme in Europa auf festgelegte Obergrenzen – und zwar unabhängig davon, ob sie eine Besatzung an Bord haben oder nicht. Leider ist dieser Vertrag derzeit ausgesetzt. Wichtig wäre auch, ähnliche Regeln mit anderen Ländern auf der Welt zu treffen. Am liebsten wäre mir, wenn man bestimmte Kategorien unbemannter bewaffneter Systeme von vornherein verbietet. Autonomes Schießen sollte generell verboten werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Jürgen Altmann ist Physiker an der TU Dortmund. Als Gutachter hat er an der im vergangenen Jahr publizierten Studie „Stand und Perspektiven der militärischen Nutzung unbemannter Systeme“ des Büros für Technikfolgenabschätzung im Deutschen Bundestag mitgearbeitet.

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