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Der Monsun - vom Quell des Lebens zum katastrophalen Naturphänomen
UMWELT | VOR ORT in Pakistan (16.09.2010)
Von Sylvia Nübel
Seit zehn Jahren reise ich regelmäßig nach Pakistan, immer zur Monsunzeit. 90 Prozent des jährlichen Niederschlages regnen dann herab. Das ist überlenswichtig für die Landwirtschaft des Landes. Doch nie zuvor hat es so geschüttet wie in diesem Jahr. Viele Menschen sind den Fluten hilflos ausgeliefert.

Schon seit Wochen war die Situation dramatisch, aber ganz anders als man aus der Ferne vielleicht denken könnte. Bei teilweise 52 Grad hatte es seit Monaten nicht geregnet. Eine Dürre bedrohte die Ernten. Das in den Hauptdämmen gesammelte Wasser reichte nur noch für die Versorgung der Haushalte in und um die Hauptstadt Islamabad für die nächsten zwei Wochen. Das hatte eine Rationierung zur Folge. So hieß es am Tag vor meinem Abflug nach Pakistan am 15. Juli.

Anfangs noch im Wasser gespielt

Mit uns hielt der langersehnte Monsun endlich Einzug und die Temperaturen fielen auf 35 Grad. Während man in Deutschland bei einem Schauer schnell unterstellt, zeigt sich in Pakistan ein ganz anderes Bild: Nach der langen Hitze genießen es Kinder und Erwachsene, sich vom strömenden Regen abkühlen zu lassen. Wo sich das Wasser in Tümpeln sammelt, sieht man Halbwüchsige oft bis zur Nasenspitze im schlammigen Wasser spielen. Ein idyllisches Bild, das jedoch nur eine Seite des so dringend benötigten Wassersegens zeigt.

Pakistan ist - auch was die Regenzeit betrifft - einiges gewöhnt. Bei meinem ersten Besuch im Sommer 2000 konnte ich dies schon feststellen. Kaum hatte der Regen eingesetzt, staute sich das Wasser auf den Straßen. Es gibt kein vernünftiges Kanalisationssystem und nur wenige Abläufe am Straßenrand. Während die Fahrweise pakistanischer Autofahrer in der Regel rasant ist, sorgen kniehohe Wasserstände für ein gemäßigtes Fahrtempo. Nicht, weil Aquaplaning auch in Pakistan ein Begriff ist. Vielmehr droht Wasser in den Motor zu gelangen. Nicht selten säumen zur
Jerzy / pixelio.de

Eine Straße in Rawalpindi. Die Stadt liegt 500 Meter über dem Meeresspiegel und blieb von den Fluten verschont. (c) Jerzy / pixelio.de

Monsunzeit liegengebliebene Fahrzeuge den Straßenrand.

Heute, zehn Jahre später hat sich an dieser Situation nichts geändert: Trotz des Ausbaus moderner Autobahnen und Straßen riskiert man noch immer nasse Füße, wenn man sich nach einem heftigen Regenfall auf die Straße wagt.
Glücklich können sich diejenigen schätzen, die stabil gebaute Häuser haben. Es gibt jedoch auch viele Menschen, die - häufig flussnah - in Zelten und unter Planen hausen und die von den Regenmassen schwer getroffen werden. Dazu gehörten im Jahr 2000 viele der afghanischen Flüchtlinge. Da sich ihre notdürftigen Unterkünfte oft in kleinen Senken befanden, waren sie die ersten, die vom Wasser weggespült wurden. Von den Flüchtlingen leben heute nur noch wenige in Zelten. Ganze Wohnviertel mit traditionellen afghanischen Lehmhäusern sind in und um Islamabad und Rawalpindi entstanden. Heute sind es vor allem die "Khana Badosh" - Roma - die in Zelten in der Nähe von Flüssen leben, sich ihr Geld mit Müllsammeln und als Straßenkünstler verdienen und durch ihre Lebensweise den Fluten ausgeliefert sind.

Zu Beginn des diesjährigen Monsuns schien somit alles "normal" zu verlaufen. Auch wenn das ganze Ausmaß der Katastrophe noch nicht vorherzusehen war, zeigte sich jedoch nach wenigen Tagen, dass die Regenzeit in diesem Jahr extremer ausfallen sollte. Nicht nur der Mangla-Damm in der Nähe von Islamabad war bis zum Maximum gefüllt - auch bei den anderen Hauptdämmen des Landes mussten die Schleusen geöffnet werden, da sie nicht mehr Wasser fassen konnten.
Bei einem Ausflug zum Mangla-Damm konnte ich die ersten Folgen sehen. Menschen standen am Rande des Wassers und mussten zusehen, wie Hab und Gut vom Jhelum weggeschwemmt wurden. Hunderte Meter war dieser Fluss über die Ufer getreten. Todesopfer waren glücklicherweise noch nicht zu beklagen.

Die Springflut an der Grenze zu Afghanistan

Mit einer Springflut begann am 28. Juli in den Grenzgebieten zu Afghanistan die Katastrophe, die bisher fast 2.000 Menschenleben gekostet hat. Zu trocken war der Boden nach der langen Dürrezeit, um auch nur einen Bruchteil des Wassers aufnehmen zu können. Zu schnell füllten sich die Flüsse, die die kleinen Dämme mit sich rissen und mehrere Kilometer über ihre Ufer traten. Im August war die Flutkatastrophe noch das Hauptthema in den deutschen Nachrichten, doch die Hilfe floss nur spärlich. Während nach dem Erdbeben im Jahr 2005 sofort internationale Hilfe anlief, sah die Situation jetzt anders aus. Eine durch und durch korrupte pakistanische Regierung ist mitschuldig, dass die Deutschen Angst haben, die Hilfe komme nicht dort an, wo sie hin soll. Ein durchaus legitimer Grund, mit den Spenden vorsichtig zu sein. Nicht nachvollziehbar allerdings sind Rechtfertigungen der Art: "Es sind ja eh Taliban und Nachwuchsterroristen, die da absaufen - somit einige Bedrohungen weniger und die haben es ja verdient."

In Deutschland ist die Katastrophe schon wieder in den Hintergrund getreten, während noch heute stetiger Regen in Pakistan dafür sorgt, dass weitere Dörfer überflutet, weitere Existenzen zerstört werden. In den Camps mangelt es an Nahrungsmitteln, Medikamenten und Hilfsgütern. Fast 30 Prozent der diesjährigen Ernte sind zerstört. Durch die Verschlammung und Erosion sowie fehlendem Saatgut wird es im nächsten Jahr ebenfalls zu enormen Ernteausfällen kommen. In Katastrophengebieten wie dem Swat-Tal - einem einstigen Touristenhochburg - ist die komplette Infrastruktur zerstört: Straßen wurden unterspült und weggeschwemmt, nicht eine Brücke hat den Fluten standgehalten.

25 Jahre dauert der Wiederaufbau

Zurzeit geht es darum, den betroffenen Menschen schnelle Hilfe zu leisten, ihnen Nahrungsmittel, Wasser und Medikamente zukommen zu lassen. Wenn der Regen aufgehört hat und das Wasser abgeflossen ist, wird aber erst das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar werden und dann wird weitere Unterstützung nötig sein.
Nach dem Erdbeben im Jahr 2005 hat es fünf Jahre gedauert, bis die meisten der Opfer wieder in eigenen Häusern leben konnten. Noch immer leben viele in Notunterkünften und Camps. Wie sieht es dann erst mit dem Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe aus, bei der ein weit größeres Gebiet betroffen ist? Schon jetzt rechnet man damit, dass es mindestens 25 Jahre dauern wird, um die Infrastruktur wieder herstellen zu können. Ohne Hilfe werden auch in den nächsten Jahren noch viele Menschen an den Folgen der Überschwemmungen sterben und ohne internationale Hilfe wird ein Wiederaufbau gar nicht möglich sein.


Die Autorin organisiert gemeinsam mit dem Institut für Afghanistanstudien e.V. eine Spendenaktion zu Gunsten der Flutopfer in Pakistan. Nähere Informationen gibt es unter http://www.afghanistan-studien.de

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