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Artgerechte Haltung - Warum der menschliche Säugling ein Tragling ist
UMWELT | VERHALTENSBIOLOGIE (15.06.2005)
Von Astrid Weih
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Die Nachkommen der Säugetiere wurden lange Zeit ausschließlich in die beiden Kategorien Nesthocker und Nestflüchter eingeordnet. Diese Einteilung passte jedoch nicht für alle Arten, insbesondere nicht auf den Menschen.

Vor 35 Jahren wurde daher zusätzlich der Begriff des Traglings eingeführt.

Nesthocker nennt man die Tierkinder, die nackt, gehörlos und blind geboren werden. Die Eltern dieser Arten bauen an geschützter Stelle ein Nest, in dem sie die Jungtiere zurücklassen, während sie auf Nahrungssuche gehen. Die Jungen wärmen sich gegenseitig und sind zufrieden, solange sie in ihrem Nest sind. Nimmt man sie heraus, beginnen sie geräuschvoll zu protestieren. Das Verbleiben im Nest bis zum Erlangen eigener Fortbewegungsfähigkeit ist ihre natürliche Erwartung und Überlebensstrategie. Werden sie getragen verfallen sie in eine Tragestarre, die es den Eltern möglich macht, sie bei Gefahr schnell und geräuschlos an einen anderen Ort zu bringen. Typische Nesthocker sind die Nachkommen kleinerer Säugetiere, wie beispielsweise die der Katzen, Hunde oder Mäuse.

Nestflüchter sind überwiegend Einzeljunge. Sie werden behaart, mit offenen Augen und Ohren und so weit entwickelt geboren, dass sie sich schon kurz nach ihrer Geburt selbständig fortbewegen und ihrer Mutter folgen können. Das Nestflüchterjunge reagiert bei Verlust des Sichtkontaktes zu seiner Mutter mit lautstarkem Protest. Seine natürliche Erwartung ist es, die Mutter nach der Geburt in erreichbarer Nähe zu haben. Anschauliche Beispiele für den Typus des Nestflüchters sind die Jungen der Herdentiere, wie Fohlen, Lämmer oder Elefantenjunge.

Wollten die Biologen vor der Einführung des Begriffes Tragling, den menschlichen Säugling in eine der herkömmlichen Kategorien einordnen, ergaben sich einige Unstimmigkeiten. Zwar wird er wie der Nestflüchter mit offenen Augen und Ohren, vorwiegend als Einzelnachkomme geboren, doch ist er anatomisch nicht so weit entwickelt, dass er seiner Mutter folgen könnte. Mit dem Nesthocker zeigt er noch weniger Ähnlichkeit. Er bleibt weder zufrieden in einem Nest zurück, noch verfällt er beim Tragen in eine Tragestarre. Außerdem weist er Besonderheiten auf, die Nesthocker und Nestflüchter nicht auszeichnen. Zum einen protestiert er schon bei Aufhebung des Körperkontaktes und nicht erst bei Verlust des Sichtkontaktes zur Mutter. Zum anderen verfügt er über Reflexe, wie den Klammer-, den Festhalte- oder den Anhockreflex, die den anderen Arten fremd sind.

Ähnliche Widersprüche und Besonderheiten ergaben sich auch bei anderen Tierarten, wie beispielsweise den Koalabären, den Faultieren und verschiedenen Affenarten. Die Jungen dieser Tiere verbleiben nicht im Nest und folgen auch nicht selbständig ihrer Mutter, stattdessen werden sie auf verschiedene Weisen getragen. So trägt das Krokodil seine Jungen im Maul, das Känguru die Seinen im Beutel und die Kinder der kleineren Primatenarten klammern sich bäuchlings oder rücklings an ihrer Mutter fest.

Der Biologe B. Hassenstein führte daher im Jahre 1970 den Begriff des Traglings ein. Traglinge zeichnen sich dadurch aus, dass sie von den Eltern getragen werden, bis sie sich selbständig fortbewegen können. Sie sind anatomisch an das Getragenwerden angepasst. Dies äußert sich unter anderem in Reflexen, die dieser Art der Fortbewegung entgegenkommen. Die natürliche Erwartung des Traglings ist es, während seines Tragealters in Körperkontakt zu seinen Eltern zu sein. Er zeigt die Aufhebung des Körperkontaktes klagend an. Heute ist wissenschaftlich unumstritten, dass Menschenkinder zu den Traglingen gehören. Nimmt man einen Säugling auf, hockt er prompt die Beine an und nimmt die sog. Spreiz-Hock-Stellung ein, mit der er sich perfekt auf der tragenden Hüfte "anklammern" kann. Er weist Greif- und Festhaltereflexe als Relikte aus stammesgeschichtlichen Zeiten auf, die darauf hindeuten, dass er sich zu Zeiten in denen der aufrechte Gang noch nicht entwickelt und die Ganzkörperbehaarung noch nicht verschwunden war, aktiv am Tragen beteiligt hat. Die Haltung, die der Säugling beim Tragen einnimmt, vermittelt ihm wichtige Wachstums- und Entwicklungsreize.

Die biologische Vorsehung des menschlichen Säuglings ist es, getragen zu werden, bis er sich selbständig fortbewegen und die Nähe zu seinen Bezugspersonen selbst aufrecht erhalten kann.

Weiterführende Links
http://tragefix.de/Informationen zum Tragen von Babys

Kommentare:Alle Kommentare zu diesem Artikel als RSS
henrik20.10.2008
diese seite is voll der mist.xD

Nicole05.08.2007
Vielen Dank, dieser Artikel und auch die anderen Artikel sind brilliant. Danke für diesen ausdrucksstarken Text.

lananh18.03.2007
danke hat mir viel für meine Hausaufgaben gebracht!!!

Jörg Zielonka15.06.2005
Jeder Verhaltens- und Evolutionsbiologe würde der Aussage des Textes voll zustimmen. Die Säuglinge der Primaten inkl. die der Menschen können nur auf sehr kurzen Distanzen scharf sehen; ca. 15 - 30 Zentimeter. Liegen sie im Kinderwagen ist das Gesicht der Bezugsperson viel zu unscharf, um es zu erkennen oder die Mimik wahrzunehmen. Die "artgerechte Haltung" der Kinder wird wohl weiter ein Problem unserer westlichen Industriegesellschaft bleiben. Auf das Alleinsein im Säuglingsalter hat uns die Evolution nicht vorbereitet.

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