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Das vergessene Massaker von Andischan
POLITIK | USBEKISTAN (15.05.2015)
Von Marcus Bensmann
Im Mai 2005 schossen Regierungstruppen in der usbekischen Stadt Andischan hunderte Menschen nieder. Eine Aufklärung fand nie statt. Der deutsche Journalist Marcus Bensmann, der dem Kugelhagel damals nur durch den Sprung in einen Wassergraben entkam, erinnert sich an das Massaker.

Vincent Burmeister/CORRECT!V

Panzer rollen auf den Barbur-Platz in Andischan. Die Sicherheitskräfte eröffnen ohne Warnung das Feuer. Hunderte Menschen werden erschossen. (c) Vincent Burmeister/CORRECT!V


Die Panzerwagen kommen am Nachmittag. Sie rollen aus ihren Stellungen entlang der Hauptstraße heran, Soldaten hocken darauf, die Maschinenpistolen im Anschlag, so rollen sie auf den Platz, der voller Menschen ist, Tausende stehen dort, Männer, Frauen, Kinder. Einer der Panzerwagen schiebt ein Auto von der Straße, und dann, ohne Warnung, beginnen die Soldaten, in die Menge zu schießen.

Ich kann nicht glauben, was ich sehe. Ich will es nicht wahrhaben. Ich wusste, dass Andischan von Soldaten umstellt ist, ich rechnete damit, dass sie in die Stadt einrücken, aber ich hatte mir fortwährend gesagt: Sie werden nicht auf Unbewaffnete schießen. Sie werden den Platz nachts besetzen, wenn er leer ist, aber sie werden nicht schießen.

Und nun schießen sie. Eine tiefe Kälte fährt in meine Glieder. Starr stehe ich da, inmitten des Rennens, Schreiens, Stürzens. Erst als eine Salve in den Asphalt neben mir schlägt, reagiere ich und springe in einen offenen Wassergraben, liege dort über einer fauligen Lache und höre das dumpfe Knallen der Kalaschnikows, unrhythmisch, andauernd, peitschend, hart, laut. Weinende Männer, sie betteln "nicht schießen", das Wimmern der Verwundeten, die Schreie der Sterbenden.

Nach einigen Minuten setzt das Schießen aus. Wo ist meine Frau? Wir sind am Morgen gemeinsam hergekommen, sie heißt Galima Bucharbajewa, ist wie ich Journalistin und schon damals eine der bekanntesten kritischen Stimmen Usbekistans. Ich springe aus dem Kanal und sehe sie, sie liegt im gleichen Graben, einige Meter weiter. Sie ist bleich. Um ihren Hals hängt ein Fotoapparat. Ein Mann kommt auf sie zu gerannt und schreit. "Mach endlich Fotos!" Galima beginnt zu fotografieren.

Ein Panzerwagen fährt heran. Wir nehmen uns bei der Hand, rennen wieder zu dem offenen Kanal und springen hinein. Über uns pfeifen Schüsse. Jeder von uns hat ein Handy am Ohr. Galima gibt dem amerikanischen Nachrichtenkanal CNN ein Interview. Eine erneute Feuerpause. Wir klettern hervor. Zig Leichen liegen umher. Männer tragen Verwundete davon. Ein Mann mit einer Waffe geht der Stellung mit den Panzern entgegen. Er geht ganz ruhig. Wir laufen los.

Der friedliche Protest

Zwei Tage zuvor, am 11. Mai 2005, bin ich schon einmal in Andischan, um über einen Gerichtsprozess zu berichten. 23 Geschäftsleute aus der Stadt sind absurder Anschuldigungen angeklagt. Vor dem Gerichtsgebäude steht eine riesige Menschenmenge, Männer, Frauen, Kinder, Greise. Die meisten sind festlich gekleidet, die Männer in Anzug, Hemd und Krawatte, die Frauen in langen Kleidern und Kopftüchern. Eine Stille liegt über der Szenerie, wie ich sie bei so vielen Menschen noch nie erlebt habe. Keine hupenden Autos, keine Schreie, kein Fluchen, wie sonst in Zentralasien. Die Stille irritiert.

Es ist ein stummer Aufschrei gegen Usbekistans Präsident Islam Karimow, gegen seine Polizei, seine Geheimdienste, gegen die Willkür, die im Land herrscht. Und es ist eine Herausforderung. Denn Karimow hat seit Jahren keine Demonstrationen zugelassen. Diese Männer und Frauen aber versammeln sich seit drei Monaten immer wieder vor dem Gericht, um die Freilassung der 23 Unternehmer zu fordern.

Willkürliche Verhaftungen sind in Usbekistan - damals wie heute - an der Tagesordnung. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion riss der ehemalige Sowjetfunktionär Islam Karimow die Macht im bevölkerungsreichsten zentralasiatischen Staat an sich und errichtete einen Polizeistaat. Der 77-jährige Präsident unterdrückt nicht nur die politische Opposition, er sieht jeden eigenständig erwirtschafteten Reichtum als Bedrohung an. Unabhängiger Journalismus ist verboten, und wenn Usbeken mit ausländischen Reportern sprechen wollen, brauchen sie eine Genehmigung. Alle Mittel, Kritiker zum Schweigen zu bringen, sind Recht. Dem Journalisten Salijon Abdurachmanow schmuggelten Polizisten bei einer Verkehrskontrolle Drogen ins Auto, seither sitzt er in Haft.

Viele aus der säkularen und gebildeten Mittelschicht haben das Land verlassen. Sie leben in Russland, den USA, Europa oder Israel. Zurück bleibt eine verarmte und geknechtete Bevölkerung. Korruption durchzieht das Leben von der Geburt bis zur Beerdigung - Usbekistan gehört, nach dem Ranking von Transparency International, zu den zehn korruptesten Ländern der Welt.

2002 gelangen zwei Fotos an die Öffentlichkeit. Der damalige britische Botschafter Graig Murray hat sie den Medien zugespielt. Die Fotos zeigen die Körper zweier toter Männer. Ihre Haut ist aufgedunsen, gespannt, unnatürlich gerötet - die Folterer hatten die Männer im Gefängnis gekocht. Der UN-Berichterstatter für Folter, Theo von Boven, untersucht den Fall. Und stellt fest, dass Folter in Usbekistan "systematisch" angewandt wird.

Doch von all dem ist im Westen nur selten zu lesen oder zu hören. Denn Usbekistan ist wichtig. Es liegt strategisch günstig, es grenzt an, seit 2001, seit Beginn des "War on Terror", ist es Partner des NATO. Die US-Airforce und die Bundeswehr nutzen Luftwaffenbasen in Usbekistan, um ihre Truppen in Afghanistan zu versorgen.

Die Demonstranten in Andischan gehören einer religiösen Gemeinschaft um den geistigen Führer Akram Juldaschjew an. Er hat aus dem Koran abgeleitete Lebens- und Geschäftsregeln aufgestellt, er fordert von seinen Anhängern Fairness, Gerechtigkeit, Fleiß - und sitzt dafür seit über 20 Jahren im Gefängnis. Der Vorwurf: er sei ein Islamist. Das ist in Usbekistan, besonders seit 2001, ein wohlfeiler Vorwand, um Kritiker mundtot zu machen. Viele seiner Anhänger sind erfolgreiche, geachtete Bürger. Sie haben Möbel-, Kleider- und Ziegelfabriken, Mühlen, Bäckereien und Restaurants. Sie verbinden religiöse Tugendhaftigkeit mit Geschäftstüchtigkeit, sie sind der Mittelstand von Andischan, arbeiten mit den Behörden zusammen, lassen Schulen und Krankenhäuser renovieren, das usbekische Fernsehen sendet Lobeshymnen über sie, sie erhalten Staatspreise für ihren Einsatz.

Doch irgendwann müssen sie gestört haben. Im Sommer 2004 werden 23 der erfolgreichsten Männer der Gemeinschaft verhaftet. Der Vorwurf, mal wieder: Sie seien islamistische Extremisten. Ihr Eigentum wird beschlagnahmt, sie werden verhört und gefoltert.

An jenem Tag frage ich in einer Verhandlungspause den Staatsanwalt - er hat hohe Haftstrafen für die Unternehmer gefordert -, warum die Männer denn so gefährlich seien. Der Staatsanwalt antwortet, sie hätten zwar "noch nichts verbrochen", man müsse sie aber trotzdem verurteilen, um künftige Straftaten zu verhindern, "als Warnung". Unterdessen kursieren unter den Demonstranten Gerüchte. Das Urteil stünde kurz bevor. Eine Freilassung sei wahrscheinlich. Ich fliege zurück in die Hauptstadt.

Vincent Burmeister/CORRECT!V

Die Menschen versuchen sich vor den Kugeln der Regierungstruppen in Sicherheit zu bringen. (c) Vincent Burmeister/CORRECT!V


Der Aufstand

Zwei Tage später, am frühen Morgen des 13. Mai, klingelt mein Telefon. Die Lage in Andischan sei eskaliert, bewaffnete Männer hätten das Gefängnis gestürmt und die 23 Geschäftsleute befreit. Sofort packen meine Frau und ich unsere Sachen. Der Landweg ist vom usbekischen Militär blockiert, doch mit einem Postflugzeug, zu Fuß und mit einem Taxi gelangen wir innerhalb weniger Stunden nach Andischan.
Alles ist jetzt anders. Demonstranten bewachen die Straßen, sie haben Posten aufgebaut. Die Männer strahlen. Sie gehen aufrecht, das Kinn empor gestreckt, sie wirken stolz. Das ist neu. Die ständige Hatz der usbekischen Geheimpolizei auf alles, was fremd ist, bedrückt vor allem junge Männer. Jederzeit können sie verhaftet werden. Doch die Männer von Andischan, an diesem 13. Mai 2005, haben keine Angst mehr.

Auf dem zentralen Barbur-Platz, er ist vielleicht 200 mal 200 Meter groß, stehen Tausende Menschen. Aus Lautsprechern knarzen Reden, Kinder rennen umher. Das im Sowjet-Klassizismus errichtete Theater brennt, niemand löscht die Flammen. Die Aufständischen haben die Stadtverwaltung am Platz zu ihrer Zentrale gemacht. Ein Stahlzaun umgibt das verglaste Gebäude. Aktenordner des usbekischen Regimes liegen auf der Straße, Dokumente wehen durch die Luft.

Vor dem Eingang der Stadtverwaltung steht eine Handvoll Männer. Sie haben Waffen in der Hand. Es sind Männer aus der Stadt, keine Kämpfer aus anderen Ländern oder afghanische Mujaheddin. Ich treffe Scharif Schakirow, einen der Anführer, ich kenne ihn von meinem ersten Besuch. Er trägt ein weißes, ordentliches Hemd. Seine zwei Brüder stehen neben ihn. Bis vor wenigen Stunden waren sie im Gefängnis. Sie tragen noch ihre Hosen aus der Haft. Ihre Gesichter sind fahl. Sie wirken erschöpft. Scharif Schakirow führt uns in die Stadtverwaltung, in ein aufgebrochenes Büro, und erzählt von der Nacht:

Den Demonstranten wurde zugesagt, dass am 12. Mai die 23 Gefangenen frei kämen. Doch das Gegenteil geschieht. Am Abend beginnt die usbekische Geheimpolizei, Männer zu verhaften. Die Polizei beschlagnahmt Autos, die in der Nähe des Gerichtes geparkt sind. In jeder Protestbewegung gibt es Menschen, die zur Gewalt bereit sind. In Andischan werden sie lange von den friedlichen Demonstranten zurückgehalten. Bis zu den Verhaftungen. Dann reißt der Geduldsfaden: Einige Dutzend Männer ziehen zu einer Kaserne. Die Soldaten fliehen. Die Männer stürmen die Gebäude und bewaffnen sich. Dann ziehen sie vor das Gebäude der Geheimpolizei und fordern die Freilassung der Gefangenen. Die Geheimpolizei schießt in die Menge. Allein da seien 30 Menschen getötet, sagt Schakirow.

Die Männer ziehen weiter zum Gefängnis. Mit einem LKW rammen sie das Tor auf. Die Wachen fliehen. Die Zellen stehen offen. Die Gefangenen sind frei. Noch in der Nacht besetzen die Rebellen die Stadtverwaltung, und nehmen Geiseln, Polizisten, Männer der Geheimpolizei, den Staatsanwalt. Schakirow sagt, die Geiseln seien in der zweiten Etage der Verwaltung.

Aus friedlichen Demonstranten sind über Nacht Aufständische geworden - ungeplant, spontan, sie wirken überfordert. Ihr Anführer heißt Kabuljon Parpiev, ein drahtiger Mann mit kurzen Haaren. Er führt Verhandlungen mit dem usbekischen Innenminister Sokir Almatow. Man wolle keinen Umsturz, sondern Gerechtigkeit - und die Freilassung ihres religiösen Führers Akram Yuldoschjaews. Der Innenminister droht, den Platz stürmen zu lassen, sollten sie sich nicht sofort ergeben, die Soldaten würden schießen, und wenn dabei Hunderte Menschen sterben.

Vor dem Verwaltungsgebäude stehen einige Bewaffnete. Im Garten fertigen alte Männer Molotowcocktails. Ein Mann im schwarzen Anzug posiert mit einem Gewehr. Der Lauf zielt auf mich. Ich schreie ihn an, er soll das Ding wegnehmen. Ich solle mich beruhigen, sagte der Mann, er hätte gar keine Munition. Das Foto dieses Mannes dient heute den usbekischen Behörden als Beweis, dass gefährliche Terroristen in der Stadt waren.

Draußen, auf der Tribüne, geht derweil das Mikrofon von einer Hand zur nächsten. Jeder kann sich anstellen und etwas sagen. Zum ersten Mal gilt in Usbekistan das freie Wort. Die Menschen beschweren sich über Willkür, sie fordern Gerechtigkeit. Niemand redet von der Errichtung eines islamischen Staates.

So geht es den ganzen Nachmittag lang.

Dann kommen die Panzerwagen.

Vincent Burmeister/CORRECT!V

Die Regierungstruppen richten ein Massaker an. Aufklärung findet nie statt. Auch die Europäische Union verzichtet darauf, die Schuldigen zu benennen. (c) Vincent Burmeister/CORRECT!V


Die Politik

Mehrere Hundert Menschen werden bei dem Massaker von Andischan getötet, wie viele es genau sind, weiß bis heute niemand. Danach schlägt der Sicherheitsapparat zu: Hunderte werden nach dem Massaker verhaftet. Menschen, denen die Flucht gelungen ist, werden aus Nachbarländern verschleppt. Von Folter gezeichnet, bestätigen sie in Schauprozessen die Version des usbekischen Staates: Islamistische Terroristen hätten zusammen mit ausländischen Kämpfern und mit Hilfe der westlichen Medien den Aufruhr angezettelt. Und die usbekischen Sicherheitskräfte hätten nicht auf die Menschen geschossen.

Die internationale Politik reagiert - angemessen, wie es zunächst scheint. Der Rat der EU-Außenminister fordert von der usbekischen Regierung eine internationale, unabhängige Aufklärung. Die usbekische Regierung weigert sich. Woraufhin die Europäische Union im Oktober 2005 Sanktionen gegen das zentralasiatischen Land verhängt: ein Waffenembargo, ein Einreiseverbot für hohe usbekische Beamte, außerdem wird ein Kooperationsabkommen auf Eis gelegt.

Die usbekische Regierung reagiert ihrerseits - und verhängt ein Überflugverbot für NATO-Flugzeuge. Diktator Karimow droht mit dem Abzug westlicher Militärbasen aus Zentralasien. Die Bundesregierung hat nun ein Problem: Sie braucht den Stützpunkt am usbekische Flughafen Termes, um ihre Truppen in Afghanistan zu versorgen. Und sie kann nicht einfach Schönwetter machen mit einem Diktator, der unbewaffnete Demonstranten niedermetzeln lässt.

Wenig später wird in Deutschland Kanzler Schröder abgewählt, Angela Merkels große Koalition übernimmt die Geschäfte, es beginnt eine "Politik der Annäherung" gegenüber Usbekistan. Im Oktober 2005 - vor der Regierungsbildung - lässt sich Innenminister Sokir Almatow in einer Spezialklinik in Hannover behandeln, jener Mann, der den Demonstranten in Andischan mit Erschießungen gedroht hatte, und der ganz oben auf der EU-Sanktionsliste stand. Das Auswärtige Amt erteilt ihm dennoch ein Visum.

Im Dezember 2005, ein halbes Jahr nach dem Massaker, reist Friedbert Pflüger, Staatssekretär im Verteidigungsministerium, nach Taschkent zu Diktator Karimow. Pflüger verspricht eine "faire" Berücksichtigung der usbekischen Sichtweise bei der Beurteilung der "Ereignisse" in Andischan. Karimow revanchiert sich: Die Bundeswehr darf in Termes bleiben.

Bundesaußenminister Steinmeier trifft den Diktator ein knappes Jahr später, am 1. November 2006. "Sanktionen sind kein Selbstzweck", sagt Steinmeier nach diesem Treffen. Die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung des Massakers wird danach fallengelassen - und durch "Expertengespräche" ersetzt. Diese Gespräche, bestätigt ein hochrangiger EU-Diplomat heute, er möchte anonym bleiben, waren die "Exit-Strategie" aus den Strafmaßnahmen. Keiner habe ein Interesse daran gehabt, "ewige Sanktionen" gegen das zentralasiatische Land zu verhängen, so der Diplomat.

Die Ergebnisse dieser Gespräche, die im Dezember 2006 und im April 2007 in Usbekistan stattfanden, sind bis heute geheim. Einen "Menschenrechtsdialog" und "Reformen" hat das usbekische Regime versprochen; die Todesstrafe sei abgeschafft, Rechtsstaatsreformen habe man eingeführt. Aber diese Reformen stehen nur auf dem Papier. In den Gefängnissen Usbekistans wird weiter gefoltert.

Aber das ficht die EU-Diplomatie nicht an, die mit so großen Worten gestartet und nun ganz zahnlos ist. Die "Ereignisse von Andischan" sollen die Beziehung zwischen Usbekistan und der Europäischen Union nicht weiter belasten.



Das Überleben

Meine Frau und ich haben unbeschreibliches Glück. Gerade noch rechtzeitig rennen wir davon, denn nun beginnen weitere Panzerwagen, den Barbur-Platz einzukreisen, rücken Soldaten vor, schießen auf alles, was sich noch bewegt. Wir entwischen in eine Gasse, laufen durch ein Viertel, an einer Bushaltestelle verschnaufen wir, ein Auto stoppt und nimmt uns mit. Zurück im Hotel, durchgeschwitzt und bleich, rufe ich meine Mutter an. Da bricht es plötzlich aus mir heraus, ich beginne zu schluchzen, und kriege kaum ein Wort heraus.

Ich sehe Galimas große Augen. Auch sie steht unter Schock. Aber diese Emotionen können wir uns nicht erlauben, nicht jetzt. Ich baue das Satellitentelefon auf. Wir rufen die Redaktionen der Welt an, um zu berichten von dem Massaker. Irgendwann will Galima ihr Notizbuch aus ihrem Rucksack hervorholen - und sieht, das es von einer Kugel durchschlagen wurde. Und jetzt sehen wir, dass auch der Rucksack zwei Löcher hat, ein Eintritts-, ein Austrittsloch. Aber Galima ist wie durch ein Wunder unverletzt. Bis spät in die Nacht arbeiten wir.

Ich weiß an diesem Tag, dass auch unser Leben nicht mehr sein wird wie zuvor. Galima muss sofort aus dem Land verschwinden. Als Zeugin des Massakers ist Usbekistan keine Heimat mehr für sie. Dabei wollten wir im Sommer heiraten, und hatten gerade eine gemeinsame Wohnung eingerichtet. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich eine Sitzecke gekauft. Jetzt werde ich endlich sesshaft, habe ich meinen Freunden gesagt. Seit 1994 war ich in Zentralasien unterwegs. Ich war von der Region zwischen Kaspischen Meer und Chinas Grenze fasziniert. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren die fünf neuen Staaten in Zentralasien unabhängig. Der letzte weiße Fleck auf der Landkarte. Ich wollte Entdecker sein. Ich berichtete für Schweizer und deutsche Medien. Nach dem Terroranschlag von 2001 rückte die Region ins Medieninteresse. Plötzlich schaute die Welt auf Zentralasien.

Galima und ich waren seit einem Jahr in Paar. Wir kannten uns schon länger. Sie leitete eine englischsprachige Medienorganisation, das "Institute for War und Peace Reporting". Das erste Mal habe ich sie in Berlin gesehen, 2002, da saß sie auf einem Podium und attackierte die usbekischen Machthaber, stritt sich mit deren Repräsentanten. Ich saß im Publikum und war begeistert. Sie war so wunderschön und zerbrechlich - und wirkte doch so mutig. Später machten wir viele Geschichten zusammen. 2004 recherchierten wir eine Reportage über die Familien von Selbstmordattentätern. Jeden Tag fuhren wir zu den Angehörigen.

Danach waren wir ein Paar.

Im August wollten wir heiraten, in Bukhara, in einem alten Kaufmannshaus. Meine Familie und Freunde sollten aus Deutschland anreisen. Einige hatten Angst. Ich habe sie immer beruhigt und gesagt: Es wird nichts passieren. Es ist nicht gefährlich, nach Usbekistan zu reisen. Das stimmte nun nicht mehr. "Hier werden wir nicht feiern können", sagte ich im Hotel nach unserer Flucht vom Platz, nicht mehr in diesem Land.

Vincent Burmeister/CORRECT!V

Meine Frau Galima versteckt sich zusammen mit mir während des Massakers in einem Wassergraben. (c) Vincent Burmeister/CORRECT!V


Die versuchte Rückkehr

Ein ungeheuerliches Gewitter setzt ein. Als öffneten sich alle Schleusen. Es blitzt und donnert. Die ganze Nacht über hören wir Schüsse. Und das Geräusch von Panzerwagen, die am Hotel vorbeifahren ins Zentrum. Ein fettiges Essen aus der Hotelküche. Danach ein unruhiger und kurzer Schlaf.

Am nächsten Morgen wollen wir zurück zum Platz. Die Menschen sind in heller Aufregung. Eine Frau schreit: Ihr seid Journalisten, ihr müsst sagen, was passiert ist! Wir kommen nicht weit. Überall sind Checkpoints, kurz darauf werden wir von Sicherheitskräften aufgegriffen. Sie durchsuchen uns. Sie finden die Filmrollen und nehmen sie uns ab. Und sie sehen Galimas Notizbuch. "Heute ist ein zweiter Geburtstag", raunte ein Beamter in zivil. Dann packen sie uns in ein Auto. Sie müssten uns aus der Stadt bringen, sie könnten nicht für unsere Sicherheit garantieren. Eine Drohung. Wir werden in ein Auto gesetzt. Am Stadtrand warten die Journalisten, die nicht in die Stadt gelassen wurden. Wieder arbeite ich den ganzen Tag über, schreibe, telefoniere, gebe Interviews.

Galima kann jeden Augenblick verhaftet werden, sie muss so schnell wie möglich fort. Aber wie? Auf dem Landweg ist es zu gefährlich, überall haben Soldaten Checkpoints errichtet. Auch am Flughafen würde sie aufgegriffen. Ich rufe eine befreundete Diplomatin an, sie schickt einen Wagen. Am nächsten Morgen holt ein weißer Jeep Galima ab.Wir sollten uns später in Aserbaidschan treffen.

Ich fahre über Umwege zurück nach Andischan. Ein "Stringer", ein einheimischer Kontaktmann, hilft mir, Opfer zu finden. Er besorgt mir Kopien von Totenscheinen. Wir gehen durch die Viertel besuchen die Häuser der Toten. Einer wurde direkt vor seinem Haus erschossen. Fast hätte er es geschafft. Doch vor dem Eingang traf ihn die Kugel. Auf der Straße glänzt noch das Blut. Im Türrahmen klaffen Einschusslöcher. Die Truppen haben ihre Opfer durch die Gassen gejagt.

Dann wird der Stringer verhaftet. Seine Eltern rufen mich an und erzählen es mir. Ich mache mich auf zum Gefängnis. Zuvor rufe ich alle ausländischen Vertretungen an, die ich kenne, und sage ihnen, sie sollten mich gleich im Zehnminutentakt auf meinem Handy anrufen. Ich finde den diensthabenden Offizier und plustere mich vor ihm auf. Sage ihm, dass mein Stringer nichts verbrochen habe, und dass die ganze Welt hinter mir stünde. Immer, wenn ein Anruf kommt, sage ich: Das war der deutsche Botschafter. Das war die US-Botschaft. Das waren die Schweizer.

Er gibt mir den Mann zurück. Ein anderer raunt ihm zu: Wir kriegen dich sowieso, wenn der Journalist weg ist, verhaften wir dich wieder. Ich nehme ihn mit nach Taschkent, in die Hauptstadt, später wird er in einer Bananenkiste ins Nachbarland geschmuggelt.

Mein Visum läuft ab. Ich weiß, dass ich Usbekistan nie wieder sehen werde. Ich nehme den Flieger nach Baku, dort treffe ich Galima.

Seither haben wir in sechs Ländern und 14 Wohnungen gewohnt. In der ganzen Welt haben wir von dem Massaker erzählt. In Brüssel und in Washington und in London. Wir waren überzeugt, dass die Bundesrepublik, Europa die USA dies nicht hinnehmen konnten. Der usbekische Staat nannte uns Informationsterroristen.
Doch unsere Hoffnung trog. Andischan und das Massaker wurden vergessen.

Marcus Bensmann ist Reporter des gemeinnützigen Recherchebüros CORRECT!V.

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