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Newtons zweiter Sieg
GESELLSCHAFT | TRÄGHEIT (24.01.2015)
Von Boje Maaßen
Welches ist die unterliegende Matrix, die das Denken, Fühlen, Bewerten und Handeln der Menschen gegenwärtig am stärksten beeinflusst?

Auf diese Frage lautet meine Antwort: Der Mensch sieht sich tendenziell nicht mehr als wesentlicher Gestalter seiner selbst und seiner Umwelt, sondern allein als Produkt von äußeren Einflüssen. Deswegen gibt es keine Verantwortung gegenüber seinem eigenen Verhalten, sondern nur eine Kritik gegenüber negativen Einflüssen, die ihn so oder so formen. Positive Einflüsse werden als selbstverständlich oder als eigene Leistung interpretiert. Deswegen auch das freiwillige Sich-Ausliefern an motorisierte Technik, die ihn still stellt.
Ansgar Lorenz / iley.de

(c) Ansgar Lorenz / iley.de


Diese passive Haltung entspricht strukturell der Newtonschen Mechanik vom Körper: "Jeder Körper beharrt im Zustande der Ruhe oder der geradlinigen, gleichförmigen Bewegung, wenn nicht eine Kraft auf ihn einwirkt" (Trägheitsgesetz). Der Begriff "Trägheit" drückt bereits diese Passivität aus (und das in Gesetzesform), abgesehen von der Anziehungskraft, die sie auf andere Körper ausüben. Eigenbewegung, wie es das Gehen ist, ist in der Theorie der Mechanik Newtons nicht denkbar. Körper "haben" deswegen auch nicht Freiheit, Ethik und Reflexionsvermögen.

Aber: Der Körper der Mechanik ist nicht der Körper von Lebewesen, in dem hier behandelten Zusammenhang der Körper von Menschen. Den mechanischen mit dem menschlichen Körper trotzdem gleichzusetzen, ist der "Fehler" des Denkens des dominierenden Zeitgeistes. Diese Gleichsetzung wird in der Regel auch nicht explizit behauptet, sondern schwingt in vielen Aussagen zumeist unbegriffen schlicht mit. Dagegen meine These: Die mechanische Auffassung von Körpern wird von immer mehr Menschen und Kollektiven in unterschiedlichem Umfang und Intensität übernommen, so auch von der Politik.
Im Mittelpunkt des Denkens und Handelns steht nicht mehr die Tatsache, dass körperliche und geistige Aktivitäten das Wesen des Menschen ausmachen. Diese Aktivitäten äußern sich in körperlichen und geistigen Bewegungen, die von Eigenenergie (metabolischer Energie[1]) gespeist werden. Die Eigenenergie ist der biologische Kern der relativen Autonomie und Freiheit des Menschen. Metabolische Energie muss arbeiten, tätig sein mit der Hand (Begreifen und Begriff), mit der Welt sich vereinen, um Aufgaben zu erfüllen. Der Mensch müsste eigentlich eine vita activa führen. Eine vita passiva, wie sie zunehmend sich durchsetzt bzw. durchgesetzt wird, ist ein Widerspruch in sich. Übrigens ist eine vita contemplativa mitnichten ein passiver Zustand.

Über die Eigenbewegung zu Autonomie und Freiheit

Der Bezugsrahmen der Bewegungskraft ist bezüglich ihres Ursprungs in der Biologie und in der Newtonschen Mechanik zwar nicht diametral entgegengesetzt, denn auch die Eigenenergie ist in Form von Nahrung letztlich externen Ursprungs. Sie unterscheidet sich aber wesentlich von der mechanischen Energie: Sie ist Eigenbewegung vom Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme bis zur ausgeführten Bewegung. Nur in dieser Phase ist sie potenziell autonom. Hier liegen - und das ist die entscheidende Einsicht - die Möglichkeiten der körperlichen und geistigen Eigenbewegung. Gerade der "Umweg" der Energie über den Körper der Lebewesen und insbesondere den des Menschen ermöglicht das, was Menschen auszeichnet: relative Autonomie und Entscheidungsfreiheit.

Dieser "Umweg" wird aber nun zunehmend zurückgenommen, als unnötig eingestuft, indem die Eigenbewegung durch motorisierte Techniken ersetzt wird. So werden auf Freiheit beruhende Autonomie und Kritikfähigkeit prinzipiell überflüssig, der Mensch verliert zunehmend seine spezifischen Qualitäten. Es ist falsch zu meinen, dass durch Nichtinanspruchnahme der Eigenenergie "später" Zeit und Platz wäre für wesentlichere Tätigkeiten. Es wird nicht nur der Körper, sondern durch dessen "Ruhigstellung" auch die geistigen Fähigkeiten tendenziell ruhig gestellt.
Wenn man das nicht erkennt, unterliegt man dem Irrtum, dass der nun von körperlichen Tätigkeiten unbelastete Geist so viel wie ein ganzheitlich tätiger Mensch erleben kann. Im eigentlichen Sinne kann man dann nicht vom Erleben sprechen, denn das setzt den ganzheitlichen Menschen mit Körper, Herz und Kopf voraus. Dieses so genannte Erleben ist nichts anderes als bloßes Wahrnehmen von realen materiellen Dingen (Kreuzfahrt oder Auto-Wandern) oder ein Wahrnehmen von bloßem Schein (Unterhaltungsmedien).
Das ganzheitliche Erleben und die reduzierte visuelle Wahrnehmung sind so gesehen zwei entgegen gesetzte Richtungen: Einerseits Erleben als (partielle) Einheit von Mensch und Welt, andererseits Weltwahrnehmung in der Bewegungslosigkeit des Wahrnehmenden. Werden aber Körper und Geist unterfordert, schrumpfen sie.

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