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Die Geschichte einer Vergrößerung
GESELLSCHAFT | THAILAND (15.02.2005)
Von Natascha Knecht
Dieses Bild ging um die Welt. Der Schnappschuss eines deutschen Agentur-Fotografen. Aufgenommen eine Woche nach dem Tsunami am Strand von Patong.

Das Meer spült noch immer Leichen an Land. Überall Trümmer. Mittendrin steht ein Tourist barfuß neben einem Badetuch. In der Hand hält der ältere Herr eine Flasche Bier. Entspannt plaudert er mit einem anderen Touristen, sichtlich in Ferienlaune, einzig mit einer engen blauen Badehose bekleidet. Besonders fällt aber seine Leibesfülle auf. Kein anderer Bierbauch könnte das Klischee des typischen Thailand-Touristen treffender verkörpern als seiner. So unglaublich groß, straff, prall. Wie Dolly Busters Busen, nur noch voluminöser. Man fürchtet, beim nächsten Schluck platze er wie ein Luftballon. Gleichzeitig taumelt die Welt (daheim) noch immer im Tsunami-Trauma. Schaut geschockt die TV-Bilderflut. Vernimmt im Radio die stündlich steigende Opfer-Zahl. Studiert in Zeitungen Seebeben-Grafiken und Analysen über vorhandene und fehlende Frühwarnsysteme. Sucht über Internet Vermisste. Trauert.

Just in diesen Tagen erscheint also dieser Schnappschuss aus Patong. Ein Bild so widerlich, so unmoralisch: Es schaffts auf allen fünf Kontinenten auf die Frontseiten. Die deutsche "Bild" titelt dazu: "1000 deutsche Urlauber tot? Aber das Bier schmeckt schon wieder!" Der "Blick" (das Schweizer Pendant zur "Bild") fragt in riesigen Lettern: "Pervers? Ferien am Todesstrand". Hauptsache, das Meer ist blau und die Palmen im Hotelgarten stehen noch? Kann man so schnell vergessen? Kann man dem Elend so schnell den Rücken kehren? Man kann. Offensichtlich. In der Schweiz äußert sich gar der Presserat zu diesem Bild. Wo führen uns die Medien hin? An Stammtischen wird eifrig debattiert. Wann genau hören die Sexferien auf? Und für das gemeine Schweizer Volk ist klar: Der Mann mit dem dicken Bauch, der zwischen Wasserleichen und Trümmern seinen Strandurlaub genießt, das ist ein pietätloser Sicher-nicht-Schweizer! Doch dann, zwei Tage später, lesen wir mit Entsetzen im "Blick" (wörtlich): "Der Mann mit der imposanten Statur ist ?kein hässlicher Deutscher'! Er kommt aus Bern!" Kollegen des Mannes mit dem dicken Bauch haben ihn in den Zeitungen sofort erkannt. "Wir sind schon etwas erschrocken, als wir P.* Bier trinkend am Todesstrand sahen", sagt der Wirt seines Stammlokals.

Darauf meldet sich P., 51, aus Patong bei seinen Kollegen in der Schweiz und berichtet, alles sei ganz anders. "Ich bin den ganzen Tag mit Aufräumarbeiten beschäftigt gewesen. Der Fotograf hat mich genau in einer Arbeitspause abgelichtet." Dumm gelaufen? Faule Ausrede? P. bleibt für die Medien (noch) unerreichbar. Stattdessen macht "Blick" den Fotografen dieses inzwischen weltbekannten Bildes ausfindig. Dieser berichtet: "Da war ein Schild am Strand von Patong, auf dem stand, der Strand sei zu meiden, um die Bergungsarbeiten nicht zu gefährden." Überall räumten Helfer Trümmer beiseite. Aber: "Es hatte mehrere Touristen am Strand. Einige badeten sogar." P. ist dem Fotografen ganz besonders aufgefallen. "Ein starker Kontrast zu den Trümmern." Er habe das Bild aus der Ferne mit dem Teleobjektiv geschossen, aber nicht mit P. gesprochen.

Ein paar Tage später ist P. zurück in Bern und stellt im "Blick" sofort klar: "Das Bild ist völlig missverständlich." Und er schildert, wie er den 26. Dezember auf Phuket erlebt hat: "Ich war eben mit meiner Freundin auf dem Weg zum Strand, als die Welle kam. Zum Glück konnte ich davonrennen. Auch mit meinem stattlichen Gewicht geht dies schneller, als man denkt." Statt gleich nach Hause zu fliegen, beschloss P., zu helfen. Tagelang habe er den Strand aufgeräumt. "Überall lagen Scherben herum, zerfetzte Liegestühle oder Bootsteile." "Blick" fragt ihn: Ging dies denn in Badehosen? "Klar, vieles mussten wir ja aus dem Meer herausziehen." Und barfuß? War denn das nicht zu gefährlich? "Wir haben immer vorsichtig mit einem Stock vorsondiert, ob etwas im Boden steckt." Das Bier hätten sie sich jeweils in einer Pause gegönnt. "Anfänglich gab es überhaupt nichts. Später hat uns manchmal ein dankbarer Thai ein Bier gebracht."

Niemand will P. glauben. Wohl deshalb besucht "Blick" P.s große Liebe - eine zierliche Kambodschanerin - in ihrer Wohnung in Patong. Hat "der Biertrinker vom Todesstrand" wirklich beim Aufräumen geholfen? "Ja", sagt seine Freundin, 49. "Mein P. ist eben ein ganz Lieber." P. sei regelmäßig an den Strand gegangen. Doch hat er dort wirklich geholfen? Hat sie das mit eigenen Augen gesehen? "Ich selber bin nie mitgegangen, weil ich mich fürchtete, an den Strand zu gehen." Als der Tsunami kam, hätte sie P. gerade das Frühstück zubereitet, erzählt sie. Ein Freund rief an. "Das Meer sei weg, und viele Fische würden am Strand liegen. Wir sollten uns dies auch anschauen kommen." Sofort sei sie zusammen mit P. auf ein Mofa gesessen und in Richtung Strand gefahren. "Nach etwa hundert Metern kamen uns massenweise Menschen entgegengerannt. Darauf haben wir umgedreht und sind wieder zurückgefahren." Ach! "Zurückgefahren"? Nicht "zurückgerannt", wie P. ein paar Tage vorher geprahlt hatte? "Ich bin zurückgerannt!", versichert P. Und wie immer kann er alles plausibel erklären: "Meine Freundin hat sich wohl nicht richtig ausdrücken können. Wegen meines Gewichtes hätten wir doch das Mofa gar nicht so schnell wenden können - und mit mir zusammen hätte sie danach auch nicht richtig beschleunigen können."

Ich frage mich: Wie stark müssen wir dieses Bild noch vergrößern, um die Wahrheit zu finden? In wie viele Pixel auflösen, damit die Abscheu schwindet?

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