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Einmal grüne Hölle und zurück
SPORT | STRONGMAN-RUN (23.05.2011)
Von Ronald Hild
Was ist die natürliche Reaktion des modernen Menschen, wenn es ihm – offensichtlich – zu gut geht? Genau, er versucht, dieses Gefühl bewusst zu ändern und umschreibt den Irrsinn dann mit „neue Herausforderungen“ suchen.

R. Hild

Strongman-Run: Unser Autor (l.) hat das letzte Hindernis vor dem "Kiesimandscharo" überwunden. (c) R. Hild

Bei mir lief es ähnlich. Als ein Freund erzählte, dass er am Strongman-Run teilnehmen möchte, habe ich den ersten Fehler gemacht: Zusagen, ohne vorher nachzudenken. Gut, diesen Fehler habe ich sehr schnell erkannt und nachgefragt, was der Strongman-Run denn eigentlich ist. Im wesentlichen zusammengefasst ist es ein Lauf über knapp 20 km Entfernung, bei dem einige Hindernisse zu überwinden sind. Halbmarathon bin ich schon gelaufen, da werden die paar zusätzlichen Hindernisse sicher auch irgendwie zu schaffen sein. Zweiter Fehler: dezente Selbstüberschätzung. Aber egal, die Beschreibung des Laufes klang nach einer Menge Spaß – die Anmeldung war also nur noch eine Formalität.

Meine Vorbereitung beschränkte sich – neben den normalen Handballtrainingsterminen – auf regelmäßiges Joggen in den Wochen vor dem Lauf. Zwei Tage, bevor wir aufbrechen wollten, habe ich mir dann aber doch mal das Streckenprofil und die Hindernisse angeschaut. Zwei Runden zu je 9,8 km sollten bewältigt werden, auf jeder Runde warteten 14 Hindernisse auf die Läuferinnen und Läufer. Die Namen der Hindernisse hatten so klangvolle Namen wie „Hangover“, „Kiesimandscharo“, oder „Alcatraz“. Darunter waren auch vier Wasserhindernisse, durch die Teilnehmer waten oder schwimmen müssen. Uff – ich fragte mich, was der größere Fehler war. Mir das Streckenprofil erst jetzt oder es überhaupt angeschaut zu haben.

Wikinger und Berserker

Der Strongman-Run fand in diesem Jahr am Nürburgring statt. Am Morgen des 17.April fuhren wir schon drei Stunden vor dem Startschuss auf das Gelände, um uns die Strecke anzuschauen. Dort erwartete mich die nächste Überraschung. Bisher war ich in meiner Naivität davon ausgegangen, dass der Strongman-Lauf eher ein Insider-Tipp für einige wenige Hundert Personen sei. Die Menschenmassen belehrten mich jedoch schnell eines Besseren. Über 10.000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen hatten sich angemeldet, knapp 9000 gingen tatsächlich an den Start.

Nach einer kurzen Inspektion eines Teils der Strecke und eines kleinen Aufwärmprogramms begaben wir uns in den Startbereich. Ein Massenstart mit 9000 Leuten erfordert eine gesunde Einschätzung des eigenen Leistungsvermögens. Schnelle Läufer sollten sich vorne anstellen, langsamere eher weiter hinten. Da mir die gesunde Einschätzung fehlte, stellte ich mich einfach mitten rein. Um mich herum standen Leute mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen: „Hauptsache durchhalten“ traf auf „Unter zwei Stunden sollte machbar sein“. Toll waren die zum Teil sehr phantasievollen Verkleidungen der Teilnehmer. Ein Froschkostüm lief neben einem Berserker, ein Wikinger neben zwei Elfen.

Stau am Reifenstapel

Und dann ging es endlich los. Punkt 12 Uhr fiel der Startschuss und die Traube Menschen setzte sich in Bewegung, um dann nach knapp einem Kilometer am ersten Hindernis in den ersten Stau zu geraten. Fünf Minuten warten, bis die Leute vor mir endlich die drei Reifenstapel und drei Strohballen zu überwinden. Wenn das so weiter ginge, würde es ein sehr entspannter Lauf werden. Nun, es ging – man mag es sich denken – nicht so weiter. Die nächsten Kilometer ging es kreuz und quer durch das Gelände und das Feld zog sich auseinander. Mein persönlicher Höhepunkt war das Fischernetz. Nach einem Sprung in einen Graben mit vier Grad kaltem Wasser ging es auf der anderen Seite ein Netz vier Meter nach oben. Eine Freude für jeden Muskel meiner Beine. Der nächste Schlag kam im Zielbereich, als mir bewusst wurde, dass der Lauf aus zwei Runden bestand. Also jedes Hindernis noch einmal überwinden…

Irgendwann setzt das Nachdenken aus, die Beine bewegen sich dann automatisch. Um mich herum gestandene Männer und Frauen, die sich mit verzerrten Gesichtern Berge hoch schleppen, schlammige Schuhe, die jeden Schritt zur Qual machen. Lachen tun hier allerhöchstens noch die Streckenposten.

Oberschenkel machen dicht

Etwa auf der Hälfte der zweiten Runde kam dann für mich der absolute Hammer. Am Ende eines langen Bergaufstiegs gab es vier je drei Meter hohe Strohhindernisse, für deren Überwindung sich die Läufer gegenseitig helfen mussten. Als ich das Hindernis erreichte, stand da bereits eine große Gruppe Menschen – wir hatten Läuferinnen und Läufer erreicht, die noch in der ersten Runde waren und überrundet werden mussten. Während der 15-minütigen Wartepause wurden die vom Wasser nassen Beine kalt. Die Muskulatur macht dich und verkrampft und das Weiterlaufen wird dementsprechend schmerzvoll. Gut, jetzt hatte ich auch eingesehen, warum der Lauf als „einer der härtesten der Welt“ umschrieben wurde. Konditionell eigentlich noch fit machten mir meine Oberschenkel auf den letzten Kilometer arge Probleme. Und die Oberschenkel braucht man, um im Schlammhindernis die Füße überhaupt heben zu können.
Gefühlte 5 Kilo Matsch an jedem Fuß gings nochmals über einen Berg aus Stroh. Die Zuschauer am Rand und die anderen Läufer motivieren jedoch, nach jedem Schritt noch einen zu machen und so schleppte ich mich vorwärts. Das letzte Hindernis auf allen Vieren durchqueren und dann waren es nur noch wenige hundert Meter bis zum Ziel. Spätestens jetzt weicht die Erschöpfung einem tiefen Gefühl von Zufriedenheit. Das Gefühl es überstanden zu haben, Grenzen erfahren und durchbrochen zu haben. Auch wenn zum Schlusssprint die Kraft fehlt, hatte ich jetzt das Gefühl zu schweben. Vergessen die 28 Hindernisse, die 20 Kilometer und die Schmerzen in den Beinen. Vergessen das Wasser, der Schlamm, der Kies und die Anstiege – I believe, I can fly.  Im Ziel gibt es eine Medaille und die Finisher-Shirts. Läufer und Läuferinnen klatschen sich ab, fallen sich in die Arme oder sinken auf den Boden. Die Gesichter sind zwar gezeichnet vor Erschöpfung aber fast alle strahlen. Geteiltes Leid und doppelte Freude finden sich hier in Reinkultur.

Am Ende lande ich ergebnistechnisch im ersten Viertel. Wenn man die Pausen abzieht, die durch Staus an den Hindernissen entstanden sind, habe ich eine Laufzeit von etwa 2 Stunden und 10 Minuten, die eigentlich ganz ok ist. Und nächstes Jahr wieder dabei? Ohne vorher nachzudenken sage ich zu. Diesmal bin ich mir ganz sicher, dass das kein Fehler ist.

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