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Gefährdete Eintracht in der Galaxie
GESELLSCHAFT | SCHÖNE NEUE WELT (15.02.2005)
Von Michael Billig
1969, ein Jahr nachdem die Gründerin Mira Richard den ersten Stein für Auroville gelegt hatte, wurde die Bedeutung dieser Stadt in einem Manuskript fixiert. Eine Entwicklung wie einst vom Affen zum Menschen solle sich hier vollziehen. Durch Meditation könne der lange Prozess der Evolution abgekürzt werden. Die neue Spezie sei eine Art Übermensch.

Ihn mache aus, dass er jede Entscheidung im Konsens und mit dem Einverständnis aller trifft. Er lebt in Eintracht und Harmonie zusammen. Heute, 36 Jahre nach Richards Bestimmung für Auroville, unterscheiden sich seine Bewohner nicht großartig von uns. Am wachsenden Wohlstand wird deutlich, wie schwer es den Aurovillianern fällt, bessere Menschen zu sein.

Für das Projekt Auroville wurde 1968 ein Plan geschmiedet, wie die internationale Stadt im Südosten Indiens auszusehen hat. Es ist kein starrer Entwurf, sondern er passt sich den Gegebenheiten an. Das architektonische Grundmuster ist eine Galaxie. Im Zentrum ist das Matrimandir. Es ist ein goldenes, kugelförmiges Gebäude, welches nach einer Vision Richards gestaltet wurde und Raum zum Meditieren bietet. Irgendwann einmal soll die Stadt, deren Name sich von Aurora (die Morgenröte) ableitet, 50 000 Einwohner beherbergen. Zurzeit leben hier 2 000 Menschen aus 29 Nationen. Auroville wächst langsam. Als es am 28. Februar 1968 offiziell gegründet wurde, hausten seine ersten 30 Bewohner in kleinen Hütten aus Bambusholz und Palmenwedel. Auch Dorothe Hach begnügte sich mit der bescheidenen Unterkunft, als sie im Oktober 1969 in Auroville ankam. Sie hatte in München gerade ihr Abitur erlangt, ehe sie sich auf den Weg machte. Mit fünf Freunden fuhr sie über Land nach Indien, um den Ort aufzusuchen, von dem sie schon so viel Gutes gehört hatte.

Mira Richard, die von ihren Anhängern "Die Mutter" genannt wird, wollte mit der Stadt die Ziele ihres geistigen Mentors Sri Aurobindo verwirklichen. Sie sind sich im indischen Pondicherry begegnet und seit dem Jahr 1920 nicht mehr voneinander gewichen. "Die Menschheit ist nicht der letzte Schritt der terrestrischen Kreation?, behaupteten beide damals. Wir würden zwar als Menschen geboren, seien aber zu einer Transformation fähig. Durch den Kontakt zu einer höheren Bewusstseinsebene könne uns die Befreiung von materiellen und soziokulturellen Zwängen gelingen. Jeder könne dann friedlich mit dem anderen auskommen, was zweifellos eine Erneuerung für diesen Planeten bedeuten würde. Der Mensch wäre nicht mehr Mensch, sondern eine supramentale Spezie. Bereits in den frühen 30ern schwebte "Der Mutter" vor, eine Stadt zu bauen, in der diese Visionen gelehrt und gelebt würden. Doch erst 18 Jahre nach dem Tod Sri Aurobindos begann sie, ihr Vorhaben mit Unterstützung der indischen Regierung und der UNESCO umzusetzen.

Von ihren Reisegefährten ist Dorothe Hach die einzige, die in Auroville ein neues Zuhause fand. Heute residiert sie in einem großen Haus aus Stein. Mit Wohnzimmer, Büro, Küche und Schlafgemach. "Alles von mir entworfen und gebaut?, sagt sie stolz. Sie sei sonst nicht eine Frau vieler Worte, aber über ihre Arbeit als Architektin spricht sie gern. Über die Probleme in Auroville weniger. Beispielsweise gibt es hier einige Anwesen, die das ihrige um Größe, SAT-Schüssel, Schwimmbecken und Garage noch übertreffen. Das sorgt in und um Auroville für ein Ungleichgewicht, welches Neider auf den Plan ruft. Vor allem unter der einheimischen, tamilischen Bevölkerung herrscht Unmut. Insgesamt liegen 14 Dörfer mit rund 35000 Menschen in der näheren Umgebung Aurovilles. Viele von ihnen sind in das Arbeitsleben der Stadt integriert. Sie bewirtschaften Felder und führen den Haushalt mancher Aurovillianer. "Dabei können sie mehr Geld verdienen als bei ihrer sonstigen Tätigkeit?, betont Hach. Doch die Tamilen wollen nicht nur für den wachsenden Wohlstand Aurovilles arbeiten, sondern auch mehr daran teilhaben.

Über 600 Inder sind in die Gemeinschaft eingetreten. Sie stellen damit gefolgt von mehr als 300 Franzosen und rund 250 Deutschen die stärkste Fraktion. Wirtschaftlich sind sie aber deutlich schwächer als die meisten ihrer Nachbarn. "Wenn Du hier leben willst, brauchst Du viel Geld?, so Ramalingam. Er ist Tamile und lebt seit neun Jahren in Auroville. Ebenso lange war er als Koch in der Kantine der Stadt tätig. Inzwischen hat er gekündigt. Die Arbeit in einer Großküche war ihm zu eintönig. Als Koch wolle er schließlich kreativ sein. Darüber hinaus genügte ihm der Lohn nicht. 4 000 Rupien (rund 90 Euro) monatlich bekommt jeder Aurovillianer für seinen Dienst an der Gemeinschaft. Das ist mehr als ein Inder durchschnittlich zum Leben hat. Ramalingam baute sich und seiner Familie davon ein Haus. Es ist nicht so groß wie das von Dorothe Hach, die mit ihrem Beruf auch Projekte außerhalb Aurovilles verfolgt und dadurch ein zusätzliches Einkommen hat. Andere, wie der Deutsche Manfred Lehnert, der vor dreizehn Jahren in der Stadt der Morgenröte eintraf, haben noch ihre Ersparnisse und leisteten sich so ein schickeres Zuhause. Gemeinsam ist ihnen allen, dass die Häuser, die sie finanzierten und erbauten, nicht ihnen, sondern Auroville gehören. Das tröstet Ramalingam aber keineswegs. Im Gegenteil - er bangt um die Zukunft seiner Familie. Den einzigen Ausweg sieht er darin, dorthin zu gehen, wo viele Aurovillianer hergekommen sind: "Ich möchte in Europa und in den USA die Küche kennen lernen und mehr Geld verdienen.?

Wie so häufig und überall in der Welt musste auch in Auroville erst etwas Schreckliches geschehen, ehe man offener die Probleme ansprach. Gemeint ist nicht der Tsunami. Von der Flut blieb Auroville verschont. Das Fischerdorf Pillaichavadi, nur zehn Kilometer südlich, hatte nicht dieses Glück. Dort starben zehn Menschen. Zahlreiche Häuser und Hütten wurden zerstört. Aurovillianer beteiligen sich an der Beseitigung der Schäden und am Wiederaufbau. Die Sorgen ihrer Stadt kamen bereits vor etwa einem Jahr ans Licht. Damals wurde ein holländischer Aurovillianer ermordet. Er hatte Tamilen beim Einbruch in das Haus seines Nachbarn überrascht. Ihren Raubzug konnte er vereiteln und ließ sie hinter Gitter bringen. Schon wenige Monate später wurden sie aus dem Gefängnis entlassen und rächten sich an ihm. Zwei Wochen nach der Tat fanden sich Aurovillianer und Tamilen zu einem vierstündigen Trauermarsch zusammen. Sie fanden schweigend einen Konsens. In Diskussionsrunden stellte man eine existenzielle Krise fest. Weil viele nur um ihren materiellen Wohlstand besorgt seien, verliere man die Ideale Aurovilles aus den Augen. Entscheidungen, was zu tun sei, um die sich ausbreitenden Spannungen zwischen arm und reich einzudämmen, blieben allerdings aus. So hebt sich die Stadt zweifellos von ihrer Umgebung ab, jedoch mehr materiell als spirituell. Wenn Auroville weiter in diesem Sinne wächst, sind Harmonie und Eintracht in der Galaxie gefährdet.

Weiterführende Links
http://www.auroville.netInternetauftritt von Auroville

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