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Nachruf auf R. L. Burnside, Clarence 'Gatemouth' Brown und den Blues
KULTUR | ROTER TEPPICH (15.09.2005)
Von Robert Laude
Mit R.L. Burnside und Clarence ?Gatemouth' Brown hat die Musikwelt zwei weitere Meister des Blues verloren.

Am 1. September diesen Jahres verstarb der Bluesmusiker R.L. Burnside im Alter von 78 Jahren in Memphis, Tennessee. Von einer breiteren Hörerschaft entdeckt wurde R.L. Burnside erst spät, Anfang der 1990er Jahre. Auslöser war der Dokumentarfilm "Deep Blues" über Bluesmusiker in den Südstaaten der USA. Da sieht man Burnside, wie er auf der Veranda seines kleinen Holzhauses sitzt, neben ihm stehen alte Kühlschränke, im Hof ist ein schrottreifes Auto aufgebockt, im Hintergrund spielt ein kleiner Junge mit einem reifenlosen Fahrrad und man bekommt einen Eindruck von den ärmlichen Verhältnissen im amerikanischen Süden der Schwarzen. Doch unverdrossen spielt und singt er seinen hypnotischen Blues, der in seiner Rauheit an John Lee Hooker erinnert.

Aufgetreten ist Burnside fast nur am Wochenende in kleinen Spelunken und seine Bekanntheit erstreckte sich kaum über den Norden von Mississippi. Angeregt durch den Film gründete der damals 20-jährige Matthew Johnson das Blueslabel "Fat Possum" und verpflichtete R.L. Burnside als ersten Künstler. Damit kamen die Dinge ins Rollen. Seine zweite Platte "Too Bad Jim" bekam hervorragende Kritiken, auch in Musikmedien des Mainstream. Der kommerzielle Durchbruch gelang R.L. Burnside dann mit seinem dritten Werk "A Ass Pocket O' Whiskey", einer Zusammenarbeit mit den New Yorker Punkrockern der Jon Spencer Blues Explosion. Mit deren Hilfe gelang es nun auch junge Hörer anzusprechen, die sonst kein Interesse für den Blues aufbringen. Eine Tour im Vorprogramm der Beastie Boys erweiterte den Hörerkreis weiter. Für das nächste Album "Come on in" wurde dann der Beck-Produzent Tom Rothrock verpflichtet und der verschmolz den stark rhythmusbetonten, an die afrikanischen Wurzeln des Blues erinnernden Stil von Burnside mit modernen Beats. Fertig war eine der erfolgreichsten Bluesplatten der 1990er Jahre, zu der auch junge, weiße Hörer tanzen konnten.

Es folgten weitere einflussreiche und hoch gelobte Platten und Auftritte bei denen R.L. Burnside seinem sparsamen Stil treu blieb. 2004 erschien seine letzte Platte "A Bothered Mind", auf dem wiederum geschickt Blues und Beats zu dem, was mittlerweile Trance Blues genannt wird, verschmolzen werden, ohne das diese Mischung angestrengt oder unecht klingt. Mit seinen Aufnahmen wurde der Mann, der sein Plattendebut mit 65 Jahren erlebte, damit zu einem der innovativsten Bluesmusiker des letzten Jahrzehnts, ohne jemals seinen Stil zu verändern.

Am 10. September starb Clarence ?Gatemouth' Brown 81-jährig in einer Klinik in Orange (Texas), nachdem er durch den Hurrikane Katrina sein Haus, sein Hab und Gut sowie seine Gitarrensammlung verloren hatte. Geboren in Louisiana mischte er den Blues mit anderen regionalen Einflüssen wie Cajun, Swing und Country aber auch Rock and Roll und entwickelte so seinen ganz eigenen Stil. Anders als R.L. Burnside konnte Brown auf eine lange, erfolgreiche Karriere zurückblicken. Er tourte durch die halbe Welt, spielte mit Frank Zappa und trat 1995 auf der Blues-Europatournee von Eric Clapton im Vorprogramm, sammelte Musikpreise und gab fast bis zuletzt an die 100 Konzerte pro Jahr. Auch er veröffentlichte 2004 seine letzte Platte "Timeless", auf der er unter anderem ein Stück von Jazz-Keyboarderlegende Joe Zawinul coverte und damit unter Beweis stellte, dass er auch mit 80 Jahren nichts von seiner Neugierde auf Musik verloren hat.

Der Tod von R.L. Burnside und Clarence ?Gatemouth' Brown bedeutet aber nicht nur den Tod zweier einzigartigen Musiker, ihr Tod bedeutet auch den Abschied von zwei Großen des Blues - und von denen gibt es nicht mehr viele. Der Blues wurde zwar schon oft totgesagt und ebenso oft wurde versichert, der Blues sei nach wie vor lebendig. Doch fehlen die großen Leitbilder, die Musiker, die einen eigenen Stil verfolgen und damit Einfluss nehmen auf andere Musikrichtungen. Muddy Waters, Howlin' Wolf, John Lee Hooker, Albert King, Freddie King, Albert Collins - sie alle hatten diesen eigenen Stil, sie alle hatten einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik und der E-Gitarre als das Rockinstrument schlechthin, ohne sie wären die Rolling Stones, Cream, Led Zeppelin, Jimi Hendrix und ihre Nachfolger nicht denkbar. Sie alle sind tot. Wer bleibt? Nicht viele. Einzig B.B. King und Buddy Guy sind aus den "goldenen Jahren des Blues" übrig geblieben und haben es geschafft, über die Jahrzehnte Musik von einer erstaunlichen Konsistenz und Qualität zu veröffentlichen und dabei zu versuchen, aktuelle Musiktrends nicht aus den Augen zu verlieren. Doch B.B. King ist mittlerweile 80 Jahre alt und wird nicht mehr ewig auf der Bühne stehen, Buddy Guy feierte dieses Jahr seinen 69. Geburtstag.

In den nachfolgenden Generationen sieht es nicht besser aus. Stevie Ray Vaughan, das größte Bluestalent und Gitarrengenie der letzten 30 Jahre, kam 1990 bei einem tragischen Unfall ums Leben. Robert Cray hat zwar ein für Bluesverhältnisse großes kommerzielles Potential, tendierte in den letzten Jahre jedoch eher in Richtung Soul und Pop. Musiker wie Joe Louis Walker, Lucky Peterson, Larry Garner, Walter Wolfman Washington oder Michael Hill, alle zwischen 50 und 60 Jahre alt, veröffentlichen zwar seit Jahren gute, innovative Bluesmusik, spielen jedoch außerhalb von Insiderkreisen kaum eine Rolle. Junge Aspiranten wie Johnny Lang, der 1997 mit nur 15 Jahren eine erstaunliche und erfolgreiche Debütplatte veröffentlichte, konnte die in ihn gesetzten Erwartungen in der Folge nicht wirklich erfüllen. Von Stevie Ray Vaughan-Epigonen wie Kenny Wayne Shepherd gar nicht zu reden.

Beschäftigt man sich mit der Frage nach der Zukunft des Blues, so kommt man an einem Musiker nicht vorbei - auch wenn der Name bei einigen die Augenbrauen hochschnellen lassen wird. Gemeint ist Eric Clapton. Über seine Pop- und Rockmusik lässt sich trefflich streiten. Nicht verleugnen kann man jedoch die Tatsache, dass es derzeit keinen massenwirksameren Vermittler der Bluestraditionen gibt als ihn. Der Blues war zwar immer schon Claptons wichtigste musikalische Basis, seit seinem 1994er Bluesalbum "From the cradle" entwickelte er sich jedoch zu einem wahren Botschafter des klassischen Blues und führt so sein Publikum an diese lange Musiktradition heran - ob die das hören wollen oder nicht. Steht diese Tradition nun vor dem Aussterben? Das wohl nicht, dafür trifft der Blues noch immer zu viele Menschen ins Herz. Ob es jedoch in nächster Zeit Bluesmusikern gelingen wird, relevante Musik zu machen, die nicht nur überwiegend von Weißen gehört wird, an neue Entwicklungen anknüpft und nicht in den eigenen Klischees steckenbleibt, dass steht in den Sternen.

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