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Leute in Europa
REISE | REISETAGEBUCH (15.06.2006)
Von Magnus Enxing
Zugvögel, wie wir sind, haben wir uns mittlerweile vier weitere Länder erlaufen. Abenteuerlicher wird es mit jeder Landesgrenze, die wir überqueren.

Magnus Enxing

Ein langer Weg: Zu Fuß durch Osteuropa nach Jerusalem. (c) Magnus Enxing

Ostern kommen wir also zur Stippvisite in Oesterreich an. Im niederösterreichischen Laa an der Thaya treten wir in Napoleons Fußstapfen, indem wir im selben Pfarrhof Quartier nehmen, wie er, als er seinerzeit durch den Ort zog. Von den Verantwortlichen in der Pfarre ist zwar keiner mehr da ("Wir sind ausliturgiert!"), doch zeichnen sich die Österreicher, denen wir über den Weg laufen, durch außerordentliches Zutrauen in die persönliche Kompetenz aus. So auch hier - unkompliziert, sympathisch. "Danke vielmals!" - "I hab zu danke, denn so hab i mit Ihne rede könne. Des basst scho!" Unbeschwert bei solcher Freundlichkeit streifen wir durchs Burgenland. Kurz vor Bratislava, bis hier irgendwo müssen die Muselmanen einst gekommen sein, treffen wir den ersten Fernreisenden außer uns. Bartholome, per velo durch die Lande rollender Franzose, hat das Ziel, irgendwann Zentralasien zu erreichen.

Antonio in Bratislava

In Bratislava erwartet uns Antonio. Der Tag bis dorthin war sehr anstrengend: große Hitze, ein Grenzübergang und die letzten Kilometer über unwegsame Großstadtgehwegverwerfungen kosten Willen und Gelenke den letzten Nerv. Doch endlich kommen wir in der Plattenbausiedlung am richtigen Haus in der richtigen Straße an und tatsächlich steht auf einem Klingelschild der von uns ersehnte Name: Antonio Srholec. Meine Füße jubeln schon, haben doch den Tag vor dem Antonio gelobt: "Ah, da seid ihr ja! Du bist Ruben? Und du Magnus? Ich heiße Antonio. ... So, komm Magnus, schnell, wir gehen einkaufen. Das Geschäft ist gleich geschlossen.", als hätte er nur gewartet, dass ich komme, um mit ihm in den Supermarkt zu gehen. Und dann auch noch schnell - am Ende eines langen, fordernden Tages ...
Ging dann aber doch alles ganz fix und in der kleinen Wohnung haben eh keine drei aktiven Erwachsenen auf einmal Platz. Der Salesianer Don Boscos kredenzt uns im Laufe des Abends mehrere slowakische Köstlichkeiten: ausgezeichneten Rotwein aus seiner Heimatstadt, typisch slowakische Wurst (Klobasse?; auf jeden Fall sehr würzig!), selbstgemachtes Marillenmuss und "Kapartenbrandy" zwischendurch.

Antonio ist ein Mann mit einer sehr spannenden Vita. In seiner Jugend wurde er beim Fluchtversuch in den Westen gepackt und zu über zehn Jahre Zwangsarbeit in einem Uranbergwerk verdonnert. Damit hatte der Sozialismus sich allerdings einen agilen Feind geschaffen. Antonio war aktiv an den 89-er Demos beteiligt und hat diese mitorganisiert. Seine Arbeitslagererlebnisse trug er in einem Buch zusammen, erwirkte unter Beteiligung einiger internationaler Botschafter die Eröffnung einer Gedenkstätte für an der Grenze erschossene Flüchtlinge und heute leitet er ein von ihm gegründetes Obdachlosenheim für 80-100 Männer. Gerne hätte ich den 77-jährigen noch näher kennengelernt, doch heißt es am nächsten Morgen zunächst einmal: "Da videnja!" Er muss auch los. Ein Großunternehmen hat 100 tiefgekühlte Pizzen für ihn bereit gestellt, für "meine Männer". Die holt er jezt ab.

Czobo in Ungarn

Der erste Ungarntag hält auch so einiges bereit. Die meiste Zeit laufen wir unter Bäumen her, die ihre voll in Blüte stehenden Zweige über uns breiten. Der Grenzgang und die dazugehörigen Geldwechselformalitäten haben Zeit gekostet und für heute geht es nicht ganz so weit - nach Környe. In diesem Ort gibt es auch eine "Panzio", alles wunderbar. "Nein, leider sind wir heute voll belegt." Um uns herum nichts als Gegend. Also in den Ortskern zurück, für's Hotel "Pampa" einkaufen (Reis, Fisch, Brot) und noch in die nächste Kneipe zum Wasser auffüllen. Natürlich gibt's auch ein schnelles Bier. Doch hier kann man bei der Gelegenheit auch noch Gesicht und Hände waschen. Als mein Bruder eben dem nachgeht, setzt sich Czobo, ein rundherum schmuddeliger Mann, neben mich. In einer Tour redet er Ungarisch, wovon ich nichts, aber auch gar nichts verstehe - ist schließlich mein erster Tag hier. Dem Bruder geht es genau so. Jedenfalls möchte er irgendwann wissen, wo wir denn hinwollen und wo wir schlafen. Mit Händen und Füßen macht er uns klar, wir sollen bei ihm schlafen.Sofort bezahlt er seine Rechnung, zu der auch zwei kleine Bier gehören, die er uns ausgegeben hat, und will dann, dass wir ihn begleiten. Wir schalten schnell und suchen, nachdem wir uns bedankt und verabschiedet haben, das Weite. Die Endlosschleife ungarischen Gequassels und vor allem der erheblich viel zu hohe Alkoholspiegel Czobos haben uns erkennen lassen, dass es besser ist, diese Nacht, wie vorgesehen, im Freien zu verbringen. Ein wenig ausserhalb schlafen wir unter einem wunderschönen Sternenhimmel in einem kleinen Waldstück.

In Rumänien dann ist vieles anders. Einen Tag früher als vorgesehen kommen wir dorthin, allerdings an diesem Tag sehr spät. Schnell wird uns klar, dass in dem der Grenze am nächsten liegenden Ort, Cenad, mit institutionalisierter Übernachtung nichts ist. Dummdreist fragen wir dennoch in einem "Non Stop-Mixt ABC-Market" nach. Das Ende vom Lied: Wir dürfen beim Ladeninhaber übernachten, nachdem die Frau das entscheidende Wort gesprochen hat. Während wir uns waschen und bettfertig machen, dreht der Mann nebenan noch das Fleisch für den nächsten Tag durch den Wolf... So endet ein eigentlich ziemlich verkorkster Tag, Hochwasser zwang uns zu einem Umweg, doch glücklich.

In Temeschwar ereilt uns dann ein echtes Unglück: Gefälschte Zivilbullen, Ausweise haben sie, linken uns um einiges unserer Barschaft, was wir erst viel später merken. - Insgesamt ist Rumänien eine ganz andere Nummer als die Länder, die wir vorher erlebt haben: arm, gastfreundlich, teuer, landschaftlich sehr schön, strukturell verwahrlost, schon deutlich orientalisch.

Die Spannung steigt. Wir sind in Bulgarien angekommen.

Weiterführende Links
http://www.schritt-weise.net/Die Reise der Gebrüder Enxing: Zu Fuß von Münster nach Jerusalem

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