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Straßenschach mal anders
REISE | QUADRATISCH (15.03.2007)
Von Frederik Werner
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Letztlich war ich auf Jobsuche. In Hamburg, Leipzig, Freiburg, Münster und Mannheim. Aus letzterer Stadt bekam ich eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Mannheim, ausgerechnet Mannheim.

Also, auf nach Mannheim, mit der Bahn. Im Zug merke ich die Straßenkarte liegt noch in meiner Küche. Da muss ich mich wohl spontan vor Ort orientieren. Na ja, ein wenig Zeit habe ich ja mitgebracht und kann am Bahnhof erstmal meinen Weg planen und bahnen.

Was dann folgte, sollte mir zeigen, was es heißt: Quadratisch, Praktisch, Gut!

Am Bahnhof suche ich also erstmal einen Stadtplan und suche die Adresse meines Vorstellungsgespräches: J5. Was für eine Adresse ist bitte das? Da steh ich vor der Karte der Mannheimer Innenstadt und sehe viele Quadrate von A1 bis U6. Unübersichtlich. Ich denke an einen Springer beim Schach. Jetzt also Fredo von L15 nach J5.

Stadtplan Mannheim

Mannheim - Straßenschach mal anders (c) Stadtplan Mannheim

Und los geht die Reise!

Start bei L15. Ich habe gesehen, wenn ich mich einigermaßen gut orientiere, kann ich noch einmal am Schloss vorbeischauen, immerhin das größte Barockschloss Deutschlands. Also auf nach nach L1, A1, dem Haupteingang gegenüber. Was soll das, wieso ist neben L1 gleich A1? Soll das logisch sein? So schlendere ich also an den L-Quadraten entlang und erreiche tatsächlich das Schloss - groß ist es, aber so schön, na ja darüber kann man streiten. Ich bleibe ein Weilchen, die Zeit drängt nicht. Jetzt wird's klarer: zwischen L1 und A1 liegt die große Magistrale durch die Innenstadt und dieser folge ich, da kann ich nichts verkehrt machen.
Nun tauchen links die Quadrate A1, B1 und C1 auf, rechts von mir befinden sich L1, M1, N1. Okay, nun also nur immer da lang und wenn dann links J1 auftaucht, gehe ich bis J5.

Bei D1 links kann ich es nicht glauben, rechts müsste O1 sein, aber stattdessen weitet sich ein Platz, da steht "Paradeplatz". Ein Straßename in diesem Buchstaben-Zahlenwust, natürlich Kameraüberwacht, ich bin schließlich in Baden Württemberg.
Orientiere ich mich also lieber links weiter, da hab ich ja meine verlässlichen Quadrate, E1. Nun steht auch rechts wieder P1, wo rechts O1 fehlte. Der Platz ist also ein Quadrat groß. In welcher Stadt kann man das schon so genau sagen.
Sehr Praktisch: Das Quadrat P1 ist ein schönes großes Kaufhaus, da mache ich doch mal Zwischenstopp. Ich brauche noch ein paar Kleinigkeiten. Nichts wie rein. Ich mache meine Einkäufe, will wieder weiter und es geht mir wie immer in solchen großen Häusern, die viele Ausgänge haben, ich wähle natürlich den falschen und bin auf einmal ganz woanders.

Ich komme also aus P1 heraus und sehe mich Q1 und Q2 gegenüber. Erstmal nachdenken Q kommt nach P und vor der 2 die 1. Also muss ich nach links, um meine Route wieder einzuschlagen. Ich bin schon ein wenig unterwegs und kaufe mir bei Q2 in einer Bäckerei einen leckeren Kaffee. Bei R2 kommt eine Kirche. Da schau ich doch einfach mal vorbei, links mittlerweile R1.
Kaffee leer, weiter geht. Ich sollte wieder zurück auf den rechten Pfad, zurück zur Magistrale. R1 links, also ums Quadrat und tatsächlich, die Magistrale!
Schon wieder ein Platz, aah der Rathausplatz, gegenüber H1, ich gehe weiter nach dem Motto nach H kommt I und dann J. Ich muss nur noch 2 Quadrate weiter und dann erneut links.

Aber jetzt staune ich nicht schlecht: zwei Quadrate weiter steht K1, was soll das - kann ich nicht mehr zählen? Also zurück. Ein Quadrat zuvor steht J1. Die haben das I vergessen. Ich kann zählen, die Städteplaner nur nicht buchstabieren. Aber immerhin J1. Jetzt brauche ich also nur noch fünf Quadrate im rechten Winkel zur Magistrale weiter und schon müsste ich da sein. Bei J2 schaue ich wiederum nach rechts und sehe ein thailändischen Imbiss. Klingt gut, mittlerweile hab ich doch Hunger bekommen. Los geht's, der Imbiss ist G3, aber lecker.
Da bin ich doch wieder weg von J, aber mittlerweile habe ich das System gut geblickt und ziehe von G3 weiter nach G5, schwenke nach rechts und komme von G5 über H5 nach J5- was für ein hässliches Gebäude und da will ich mich vorstellen.

Abschließend will noch gesagt sein, dass ich den Job bekommen habe; auch wenn ich lang überlegte und kurzzeitig mit dem Schicksal haderte - ich habe ihn genommen. Mittlerweile finde ich Mannheim recht spannend und wie es halt so läuft - ich bin nun selbst ein Quadratianer.

Wenn ich mir das im Nachhinein so überlege, war es echt quadratisch, praktisch, gut, keine Straßennamen. So reicht auch nur ein Blick in die Karte. Wenn man das System erstmal durchschaut hat, braucht man gar keine Karte mehr. Nur die Adresse, fertig, los.

Lustige Adressen

Die Quadrate haben dann doch auch Hausnummern. Das geht so: In einer Straße befinden sich beispielsweise H4; 1-7 und rechts um die Ecke liegen H4; 8-14. H4 fürs Quadrat und der Rest sind die Hausnummern. Eine Adresse könnte also lauten: C3; 4 - schon lustig.

Historisches

Wer jetzt glaubt, das haben die sich doch von den Amis abgeschaut, weit gefehlt. Die heutige Einteilung geht auf das Jahr 1811 zurück. Bis 1684 hatte Mannheim ebenso Straßennamen, wie jede andere Stadt. Dann waren es erst Römische Zahlen, bis 1789 die Stadt neu vermessen wurde und die Quadrate Buchstaben bekamen. Übrigens: am 24. Januar dieses Jahres wurde Mannheim 400 Jahre alt.

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feidener20.06.2009
sehr amüsant geschrieben, aber die Mannheimer haben nicht das I vergessen, sondern das J - dass auf den Straßen- bzw. Quadrateschildern ein J erscheint ist der Schriftart Fraktur zu verdanken, bei den Frakturtypen sieht das I wie ein J aus

martina20.03.2007
hmm, wieder was gelernt! ...quadratianer...kopfschüttel... ich glaub, wenn mir jemand den stadtplan gezeigt hätte - ich hätt gedacht, dass mich da jemand mit verdammt viel aufwand gepflegt auf die schippe nehmen will... lach! schöner text!

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