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Im Griff der Medien
GESELLSCHAFT | NORDKOREA (15.01.2007)
Von Sebastian Bonse
Glaubt man der Zentralen Nachrichtenagentur Nordkoreas, ist das Land auf dem besten Weg zur Vollendung des Sozialismus. Die Globalisierung hat bisher weder die Bevölkerung noch die Medien erreicht.

Philippe Chancel

Militärparade in Pjöngjang. Der Fotograf Philippe Chancel hat es als einer von wenigen ausländischen Journalisten geschafft, bei mehreren Besuchen vor Ort authentische Bilder des nordkoreanischen Alltags einzufangen. (c) Philippe Chancel

Auch im Jahr 2006 war gut ein Viertel der nordkoreanischen Bevölkerungen von Lebensmittellieferungen des Welternährungsprogrammes abhängig. International ist das Land noch immer isoliert und die Ergebnisse der sogenannte "Sechser-Runde" mit China, Russland, den USA, Südkorea und Japan, deren Fortsetzung im Dezember stattfanden, sind enttäuschend: Die Fronten sind verhärtet, Nordkorea besteht auf sein atomares Programm und über "Abrüstung" könne man erst verhandeln, wenn die internationale Gemeinschaft ihre Sanktionen gegenüber dem Land aufhebe und weitere Unterstützung leiste [1]. Dennoch, für Nordkorea war das Jahr 2006 - militärpolitisch ausgedrückt - ein besonders erfolgreiches: Das Land auf der "Achse des Bösen" testete in diesem Jahr erstmals die Zündung eines atomaren Sprengkopfes - ein Beweis der nordkoreanischen Stärke, zumindest, insofern man der Berichterstattung der nordkoreanischen Medien glauben schenkt. Die (vorgebliche) Zündung der Bombe hat eine internationale Diskussion und ein weltweites Medienecho ausgelöst - doch worin besteht der Unterschied zwischen "unseren" und "ihren" Medien?

"The [western] media has had the wrong stories in the wrong place at the wrong time; the absurd result is that often one has to read North Korea's tightly controlled press to figure out what is actually going on between Washington and Pyongyang." [2]

Mit diesen Worten impliziert Bruce Cumings eine interessante Betrachtungsweise für die internationale Medienberichterstattung - und für die Medien in Nordkorea.

In der nordkoreanischen Presse erfolgt sowohl Kontrolle, als auch Selbstkontrolle durch eine starke Bindung der Bildung in Schule und Alltag sowie der journalistischen Grundsätze an die sogenannte "Juche"-Ideologie Nordkoreas. Seit mehr als 50 Jahren liegt der nordkoreanischen Politik diese Ideologie zugrunde. Sie entstand während der 1950er Jahre und stellt den Menschen in den Mittelpunkt des Universums. Juche bestimmt seit ihrer Installation durch den "ewigen Präsidenten" Nordkoreas, dem "großen Führer" Kim Il-Sung, die Politik und die Geschicke der Nation.

"Korean-style socialism under which the national character is given full play will win victory after victory [...]." [3]

Die Zentrale Koreanische Nachrichtenagentur (Korean Central News Agency (KCNA) vermittelt der inländischen Presse - durch ihre Verfügbarkeit in englischer Sprache auch der Weltöffentlichkeit - maßgebliche Nachrichten aus dem Land. Um die Meldungen von KCNA [4], richtig "lesen" und interpretieren zu können, muss man diese Konstellation im Auge behalten. Verschiedene Formen der Propaganda vermischen sich zu einer stark gewichteten Informationswiedergabe. Die Berichterstattung stellt die "Interessen" der nordkoreanischen Regierung (die hier immer gleichzeitig als Gesamtinteresse der Bevölkerung gelten) dar. Zur gleichen Zeit werden den Darstellungen Verleumdungen und negative Assoziationen zu den "wirklichen" Interessen der "Feinde Nordkoreas" gegenübergestellt. Von einem wirklichkeitsbezogenen Bild kann keine Rede sein.

"The U.S. signed many "treaties" and "agreements" with south Korea including the "Mutual Defence Treaty" in its own interests and has accelerated the enslavement of the south Korean society through them." [5]

Nordkoreas Situation und der vereinigte "Kampf gegen die kapitalistischen Mächte und deren Globalisierung" muss ungeachtet der schlechten sozialen Verhältnisse im eigenen Land Vorbildcharakter für die eigene Bevölkerung haben. Und in der Tat: Die Globalisierung hat weder Nordkorea noch die nordkoreanischen Medien bisher erreicht. Sie sind konserviert in einem konstanten Zustand der eigenen Weltbildlichkeit - gefangen zwischen den Ansprüchen der Ideologie und einer Gleichschaltung der Massen.

Themen wie Hunger und Armut in der Bevökerung werden ausgeklammert: Die KCNA vermittelt ein komplett anderes Bild von den Zuständen im eigenen Land als man von Außen meint beobachten zu können. Ginge man nur nach diesen Darstellungen, herrschten im Land Harmonie, große Zuneigung zur politischen Führung und der unbedingte Wille zur Durchführung der "Revolution zur Vollendung des Sozialismus". In einem kürzlich erschienen Artikel der FAZ [6] wurde eine Studie des "US-Amerikanischen Komittees für Menschenrechte in Nordkorea" [7] vorgestellt, nach der die Befragten [8] zu 82 Prozent der Eigenwerbung des Regimes widersprachen. Die Verfasser dieser Studie wertete diese Ergebnis als Indiz für eine eingetretene Schwächung der Kontrolle des Staatsapparates. Nur drei Prozent der Befragten waren übrigens der Meinung von internationaler Hilfe erreicht worden zu sein - ein Anzeichen dafür, dass die nordkoreanische Propaganda noch immer das Bild "der Kapitalismus gegen uns" zu suggerieren versteht. Was die Nordkoreaner aber zur Flucht treibt ist und bleibt jedoch die extreme Armut insbesondere unter der ländlichen Bevölkerung.

Besonders deutlich wird dies auch in einem Artikel der SZ [9], in dem der Weg einer Flüchtigen in das chinesische Grenzgebiet nachgezeichnet wird: Sie verlässt ihre Arbeit als Näherin von Militärmützen in einer Fabrik, nachdem diese nicht mehr in der Lage war, die täglichen Nahrungsmittelrationen auszugeben und muss sich bis zu ihrer Flucht von gesammelten Kräutern ernähren. Der Weg nach China führt oft ins Ungewisse: Selten finden Angehörige der "norkoreanischen Exklave" (Schätzungen reichen von 50.000 - 200.000 Menschen) Arbeit, oft sind sie auf Betteln angewiesen oder werden Opfer von Menschenhandel.

Dem gegenüber ist es vor allem der allgegenwärtige Kult um die politische Führung, der der Propaganda Ausdruck und dem bestehenden sozialem System Stabilität verleiht. Daneben treten sogar andere ideologische Merkmale stark in den Hintergrund. Die nordkoreanische Propaganda unterstützt diesen Personenkult stark und ruft zur grenzenlosen Verehrung der Führungspersonen auf: "He is the greatest man and the most outstanding and seasoned leader ever known in history [...]." [10] - im Übrigen besteht hier eine Parallele zu Merkmalen der Indoktrinationsmethodik sektenähnlicher Gemeinschaften. Auch hier ist ein geschlossenes Gedankensystem, eine starke Differenzierung zwischen §uns und denen§, Heldenverehrung, Missionierung und die Vision einer besseren Welt festzustellen:

"Recruits are not given time to think for themselves. When they are not distracted by a blaring loudspeaker or diverted by scheduled events [...] they may be kept constantly in the company of group enthusiasts [...-]." [11] - auch wenn aus den Lautsprechern in Nordkorea zwischenzeitlich Klänge von Mozart zu hören waren, statt der üblicherweise gespielten Marschmusik [12].

Insbesondere die KCNA stellt sich in diesem Zusammenhang als agitatives, propagandistisches und indoktrinierendes Organ zur Machtlegitimisierung der nordkoreanischen Politik dar.

Die nordkoreanische Propaganda ist gefestigt: Nimmt man die Darstellungen der KCNA ernst, so wird in absehbarer Zeit keine Aufhebung der Isolation des nordkoreanischen Systems zu beobachten sein. Die Medien in Nordkorea sind in fester Hand des Systems. Sie erfüllen dabei jedoch nicht die Aufgabe der Aufklärung der Bevölkerung über die tatsächlichen Sachverhalte: Im Zuge des Bekanntwerdens des Besitzes atomarer Kapazitäten etwa, wurde in nur zwei von 87 Artikeln die Nuklearfrage überhaupt erwähnt. Im betreffenden Zeitraum vom 08. bis zum 15. Februar 2005 war gar der Besuch einer russischen Tanzgruppe in Nordkorea für die KCNA interessanter.

Während der Wunsch nach einer Wiedervereinigung mit Südkorea - parallel zu nachrichtlichen Bezügen auf die einheitliche Versammlung des gesamten koreanischen Volkes hinter "ihrem" Anführer Kim Jong Il - sich in den Meldungen der KCNA wie ein immer wieder auftauchender "roter Faden" lesen, treiben die aktuelle Militärpolitik, ideologische Unterschiede und die Differenzen mit der internationalen Gemeinschaft einen Keil zwischen Nord und Süd. Und dem Rest der Welt.

Die Fotografien zum Artikel stammen aus dem Bildband Nordkorea. Fotografien von Philippe Chancel (208 Seiten, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 2006).

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[1] vgl. Rabe, Christoph: "Spiel mit dem Feuer". In: Handelsblatt vom 19.12.2006, S. 2. Dazu auch: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1....html (Stand 22.12.2006, 12:50 Uhr).
[2] vgl. Cumings Bruce (2004): North Korea: Another Country. New York, London: 47f.
[3] KCNA-Meldung vom 17.06.2000
[4] Anm: Der Autor dieses Artikels führte im Rahmen seiner Magisterarbeit 2006 "Nordkorea - Das Land der Lautsprecher" am Institut für Kommunikationswissenschaft, Münster, eine Inhaltsanalyse zu Meldungen der "Korean Central News Agency" durch.
[5] KCNA-Meldung vom 07.02.2005
[6] Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.12.2006: "Wunschziel Südkorea". S.7.
[7] Im Internet: http://www.hrnk.org/refugeesReport06.pdf.
[8] Zeitraum August 2004-September 2005, 1346 befragte nordkoreanische Flüchtlinge, die sich auf chinesischem Gebiet versteckt hielten.
[9] Bork, Hendrik: "Fluss ohne Wiederkehr", In: Süddeutsche Zeitung Nr. 275, 2006. S.3.
[10] KCNA-Meldung vom 13.06.2000
[11] vgl. Simons, Herbert W. (2004): Persuasion in Society. Thousand Oaks, London, Neu Delhi:228.
[12] vgl. http://www.spiegel.de/kulur/musik/0,1518,...html, Stand: 29.12.2006, 12:57Uhr

Weiterführende Links
http://www.kcna.co.jpZentrale Koreanische Nachrichtenagentur
http://www.wfp.orgWelternährungsprogramm

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