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Rote Zahlen
WIRTSCHAFT | NACHGEFORSCHT (11.05.2008)
Von Katharina Nocun
Wirtschaftspolitik ist ein zentraler Aspekt politischer Stimmungsmache. Sie ist wichtig und doch selten interessant. Man schaut sich zwar des Öfteren die Tagesschau an, liest vielleicht ab und an den Wirtschaftsteil der Tageszeitung. Wirklich zu fesseln vermag dieser Bereich der täglichen Informationsbroschüre uns jedoch nicht. Vielleicht liegt es an der Form, in der sie uns die Wirtschaft darstellt.

Katharina Nocoun

(c) Katharina Nocoun

Der durchschnittliche Bundesbürger hat dank diverser schulischer Traumata eine natürlich anmutende Abneigung gegen Mathematik entwickelt. Manchmal geht dies sogar so weit, dass bereits die einzelnen Aspekte dieser Zahlensprache an sich, nämlich die Zahlen selbst, auf uns bedrohlich wirken. Daher verwundert es auch kaum, dass das Aufschlagen des Börsenteils, welcher statt in vertrauten Wörtern hauptsächlich mit bedrohlichen Zahlenkolonnen versucht sich uns mitzuteilen, uns eine Urangst einflößt. Aufgereiht in Tabellen und Spalten mit manchmal nur drei unbekannten Buchstaben als Benennung, Hieroglyphen gleich spricht die Wirtschaft zu uns. Und wir verstehen kein Wort.

Wenn nun die Konjunktur lahmt, die Wirtschaft wieder verstärkt Politiker der Unfähigkeit sowie des fahrlässigen Totschlags der besagten beschuldigt, die Nachrichten in ihren Kommentaren wieder Statistiken in dunklen Tönen mit Zahlen, die mit negativen Vorzeichen gespickt sind, präsentiert, Nachrichtensprecher von rot werdenden Zahlen sprechen, dann bemerken wir als einzige Veränderung des Börsenteils einen abfallenden Graphen sowie die epidemieartige Ausbreitung der eben genannten negativen Vorzeichen über die Gesamtheit der Zahlenmatrix, welche bis zu fünf Seiten zu füllen vermag. Und dann sprechen sie plötzlich alle von Spekulationsblasen, die zu Platzen vermögen, als hätte jemand zu fleißig Kaugummi gekaut oder als befänden wir und auf dem Grunde des Meeres. Es wird von flüchtenden Investoren berichtet, die die ganze Zeit in der realen Welt ihren Platz nicht verlassen und nun einzig und allein ihre Zahlen abziehen. Das ist wenig spektakulär. Wenn die Investoren flüchten, passieren sie heutzutage nicht mehr die Grenze. Man sieht in den Bankenvierteln keine Konvois mit reichen Mitbürgern, die ihre Siebensachen in ihrer Autosammlung außer Landes zu schaffen versuchen. Still und heimlich werden die Zahlen rot. Wie unspektakulär und wenig anschaulich eine Rezession doch ist.

Es fing alles ganz unscheinbar an. Zu Beginn nannten wir es noch nichts ahnend die "US-Immobilienkrise. Ganz so als würde es sich nur auf Amerika und nur auf die dortigen Immobilienmärkte beschränken. Es ging dabei zunächst um die Überbewertung der Immobilienwerte und den damit einhergehenden Gewährungen von zu hohen und zu vielen Krediten/Hypotheken, welche als Sicherheit eben diese Immobilien boten. Millionen von Hauseigentümern sitzen nun auf Bergen von Schuld, die sie selbst dann nicht begleichen können, wenn sie ihre Eigenheime verkaufen- Denn der Wert ist gefallen. Der Markt für Gebäude ist übersättigt. Doch es blieb nicht bei dieser einen Wirtschaftssparte, bei diesem einen Staat. Heute, wenn wir in Zeitungen immer öfter das Wort Finanzkrise und Schwarzer Montag lesen, wenn Krisensitzungen der Staatsspitzen an der Tagesordnung sind. Wenn die Vereinigten Staaten, das Land, welches die Herrlichkeit und Vollkommenheit der Selbstregulierungskräfte der Finanzmärkte verkündigte, wenn dieses Mekka des Wirtschaftsliberalismus die Verstaatlichung von Banken sowie eine stärkere Regulierung der internationalen Finanzmärkte fordert- Dann hat sich etwas verändert. Etwas Großes ist geschehen und wir sind diesmal dabei und sehen sprachlos zu, wie die Zahlen rot werden.

Man vergleiche die Immobilienkrise mit einem Stein, der in einen See geworfen wird. Die erste Welle führte zum Werteinbruch von amerikanischen Immobilien. Die zweite Welle entstand bei den auf Immobilienfinanzierung spezialisierten Banken. Diese konnten ihre Kredite plötzlich nicht mehr zurückholen. Jedoch hatten sich diese Banken bei anderen Banken durch die Ausgabe von Wertpapieren abgesichert und somit das Risiko nicht zurückgezahlter Kredite ausgelagert. Und so kam auch schon die nächste die nächste Welle. Die großen Banken stolperten und einige fielen. Sie alle hatten zu sehr darauf vertraut, dass der amerikanische Immobilienmarkt sich auch weiterhin als Goldgrube erweist. Nun sind Banken aber essentielle Intermediäre innerhalb einer Volkswirtschaft. Sie stellen die Zirkulation einer ausreichenden Menge an Finanzierungsmitteln sicher. Sie vergeben Kredite und legen Vermögen an. Sie stellen das Schmiermittel einer jeden Wirtschaft, das Geld bereit. Dies ist notwendig, damit Investitionen getätigt werden können, damit die Wirtschaft weiter wächst, damit Unternehmen Finanziers neuer innovativer Geschäftsideen finden, damit es weitergeht - irgendwie. Bricht nun aber eine Bank zusammen, kann sie den Zahlungsforderungen nicht mit ausreichender Liquidität entgegenkommen, kommt es zu einer Kettenreaktion. Einerseits gehen reale Werte für die Anleger und Eigentümer durch diese Insolvenz verloren. Andererseits wird das Vertrauen der Anleger in die Stabilität der Wirtschaftsstrukturen zutiefst erschüttert. Als Reaktion auf dieses steigende Unbehagen wird Kapital vermehrt abgezogen. Damit geraten die übrig gebliebenen Banken weiter in Zugzwang genügend Liquidität gewährleisten zu müssen, um diese neuen Forderungen begleichen zu können. Wir müssen dabei bedenken, dass bei der Berechnung der Rücklagen immer davon ausgegangen wird, dass nicht alle Geschäftspartner auf einmal ihr Geld ausgezahlt bekommen wollen. Um den Gewinn zu maximieren ist es Rentabel die Rücklagen auf ein Minimum zu reduzieren. Nun kommen sie aber doch und wollen ihr Geld. Doch dort, wo die Bank es angelegt hat ist der Wert geschrumpft. Man hat sich verspekuliert. Das Rad fängt sich an zu drehen. Die Aktienkurse brechen ein. Eine Krise ist geboren.

Derivate sind die neuen Verkaufsschlager der internationalen Finanzgemeinschaft gewesen. Sie ermöglichen es, sich gegen Risiken abzusichern sowie mit Risiken zu handeln. Dabei war für den Wert eines Derivates kennzeichnend, dass er sich aus anderen Werten, welche am Markt gebildet wurden, wie dem Zinssatz, dem Aktienkurs oder auch Rohstoffpreisen ableiten ließ. Es war kein Wert an und für sich. "derivare" ist lateinisch für ableiten. 2007 betrug der Wert aller gehandelten Derivate rund 516,4 Billionen Dollar. Wie bereits erwähnt handelt es sich um einen ehemaligen Verkaufsschlager. Verändert sich nun der Basiswert, von dem der Kurswert des Derivats abgeleitet wird, so macht sich ein Hebeleffekt bemerkbar. Wertschwankungen werden verstärkt an die Derivatinhaber weitergegeben. Diese Wirkungsweise konnte noch vor einigen Monaten zu astronomischen Gewinnen mit dem Einsatz von minimalen Mitteln führen. Nun lässt er die Finanzwelt beben. Fondsinhaber, die sich gegen eventuelle Kursschwankungen durch Hedginggeschäfte absichern wollten und daher Derivate und Optionen taktisch einkauften, welche nun wertlos sind, trauern um ihre verlorenen Mittel. Doch Hedgefonds wurden nicht nur zur Absicherung realer Fonds benutzt. Sie waren auch ein Instrument zur Spekulation mit den Möglichkeiten der Kursentwicklungen. Ungeahnte Gewinne konnten so erzielt werden, astronomische Rendite durch Inkaufnahme eines hohen Risikos. Die Hebelwirkung machte es möglich. Nun fallen die Kurse weltweit, der Hebel sorgt nun für nie für möglich gehaltene Verluste. Ein Trauerspiel. 2006 lagerten 1,6 Billionen Dollar in diesen hochspekulativen Anlageformen- Hedgefonds waren der letzte Schrei. Der Warnhinweis : "Der Bundesminister der Finanzen warnt: Bei diesem Investmentfonds müssen Anleger bereit und in der Lage sein, Verluste des eingesetzten Kapitals bis hin zum Totalverlust hinzunehmen!", bewahrheitet sich nun als Massenphänomen.

Reale Werte sind gefragt wie nie zuvor. Der Goldmarkt sprengt sein durch die Terroranschläge im Jahr 2001 eingeleitetes Hoch und steigt unaufhaltsam weiter. Wer einen Goldbarren zwecks Vermögenssicherung in seinen Besitz bringen möchte, muss sich auf hohe Preise und lange Wartezeiten gefasst machen. "Gewinn durch Immobilien", versprechen Finanzratgeber. Die altmodische Art seine Investitionen an greifbare Werte zu binden erlebt eine Renaissance. Auch der gute alte Sparstrumpf wird von der Bevölkerung wieder entdeckt. Trotz der auf diese Weise entgehenden Zinsgewinne heben die Deutschen vermehrt ihr Geld ab- und entziehen den Banken hierdurch noch mehr Liquidität. Auf das Versprechen der Kanzlerin, der Staat werde die privaten Spareinlagen garantieren, wagt sich niemand recht verlassen.

So oder so wird die Finanzkrise die Weltwirtschaft verändern. Die erlebten erdrutschartigen Kurseinbrüche werden der Wirtschaftspolitik ihren Stempel aufzwingen. Jene Grundparole des freien Marktes, der umso besser gedeihe, je weniger der Staat die unsichtbare Hand des Marktes in die Quere komme, hat an Aktualität eingebüßt. Die privaten Finanzinstitute schreien laut um Hilfe und der Staat greift ein. Er kauft auf. Von den Banken dringend benötigte Kredite, um weitere drohende Insolvenzen durch Liquiditätsengpässe abwenden zu können, werden von den Nationalstaaten gegen Sicherheiten bereitgestellt. Diese Sicherheiten bestehen aus Anteilen an eben diesen Finanzinstituten. Wenn diese die Finanzkrise überstehen, werden sich dort die Strukturen wohl oder übel langfristig ändern: Die Politik hat nun ein Mitspracherecht. Und das fast weltweit. Neue Gesetze werden verabschiedet werden und zwar ohne die Gegnerschaft der sich vehement dagegen aussprechenden Vereinigte Staaten. Ganz im Gegenteil - die von Finanzkrise, wirtschaftlicher Stagnation, kostspieligem Krieg gegen den Terrorismus sowie einem waghalsigen Haushaltsdefizit geplagte Weltmacht wird die Neustrukturierung der internationalen Finanzmärkte in eigenem Interesse vorantreiben. Die Waagschale wird sich wieder etwas in Richtung staatlicher Kontrolle drehen, da auf die Selbstregulierungskräfte der Märkte einmal mehr kein Verlass war.

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