Zur aktuellen Ausgabe    
   
 
   
Bunte Liga - Wo Fußball noch gearbeitet wird
SPORT | MITTENDRIN (22.06.2009)
Von Sascha Baier
Kommentare lesen
Der Schweiß perlt nicht, er strömt. Wo echte Typen noch ihre Kräfte im sportlichen Wettkampf messen, geht es zur Sache, bis zur totalen Erschöpfung und über die körperlichen Grenzen hinaus. Der Ball rollt nicht, er holpert.

Wo Jung und Alt noch gemeinsam einer der beliebtesten Ballsportarten frönen, den Fußball über den Platz dreschen oder mit der Hacke weiterleiten, da ist Bunte Liga, da ist noch Fußball, da wird noch gearbeitet.

(Selbst-)Organisation ist alles!

Losgelöst vom DFB, dem Deutschen Fußball-Bund, werden schon seit fast 40 Jahren deutschlandweit Freizeitligen organisiert und die schönste Nebensache der Welt mehr oder weniger talentiert zelebriert. Die bereits in den 1970er Jahren entstandene Grundidee einer selbst organisierten Fußball-
Philipp Schmidt

Die Spielweise der Bunten Liga: die Coerheide-Arena. In der gerade zu Ende gegangenen Saison musste vermehrt auf einen Ascheplatz ausgewichen werden. (c) Philipp Schmidt

Freizeitliga lebt auch heute noch weiter. Erst im Jahre 2007 gegründet, erfreut sich die Bunte Liga Münsterland wachsender Beliebtheit und weckte auch bei neutralen Zuschauern in seiner am vergangenen Samstag abgeschlossenen, dritten Saison großes Interesse. Mannschaftsnamen wie Maschine, Poison, Graswurzeltornados oder Dynamo Plattendeck zeugen von der Kreativität und der betonten Lockerheit, mit der in der Liga trotz eines gesunden Ehrgeizes zur Sache gegangen wird. Zwar haben die Schieds- und Linienrichter, gestellt von jeweils anderen Mannschaften, nicht immer den leichtesten Job, wenn die Emotionen auch mal hochkochen, doch Zwistigkeiten werden spätestens beim Bierchen danach mit den gewohnten Fachsimpel”a”ien geklärt.

Ein Tag, fünf Spiele

Der gute Zusammenhalt und der freundschaftliche Umgang untereinander wird vor allem dadurch begünstigt, dass jeweils alle fünf Spiele eines Spieltages hintereinander auf demselben Rasen- oder
Ascheplatz in Coerde, einem Stadtteil von Münster, ausgetragen werden. Der einzige, der unter dieser engen Staffelung leidet, ist der Platz. Organisiert und geleitet werden die Spieltage von ständig wechselnden Mannschaften in Form einer Tagesleitung, was bei stark unterschiedlichem Engagement der Orga-Teams bereits zu manch frustrierendem Ergebnis führte.
Wenn Schiedsrichter, bei denen man den Eindruck bekam, sie wären nur Staffage oder hätten ihre Karten und Pfeifen vergessen, wenn Linienrichter mit einem Bier in der Hand an der Mittellinie Kaffeeklatsch betreiben, und wenn Spielberichtsschreiber, deren Aufmerksamkeit und Schreibwut offensichtlich bereits vor langer Zeit zu Grabe getragen wurden, für den reibungslosen Ablauf eines Spieltages verantwortlich sein sollen, muss man starke Nerven haben. Warum in der Bunten Liga Münsterland überhaupt auf – fast ausnahmslos unerfahrene – Schiedsrichtergespanne gesetzt wird, während man in den meisten Freizeitligen Deutschlands problemlos ohne eine offizielle Spielleitung auskommt, bleibt wohl ein Mysterium. Die Spieltage besitzen trotz der Schwierigkeiten bei der Tagesleitung, die neben Schiedsrichtern und Spielberichtschreiben, auch den Bier- und Würstchenverkauf sowie den Auf- und Abbau beinhaltet, einen schönen Event-Charakter, der sowohl zum Beobachten und Analysieren der anderen Spiele als auch zum Dialog mit anderen Spielern einlädt. Durch die direkte Aufeinanderfolge der Spiele kommt es auch zustande, dass die ganz Harten und Durchtrainierten immer wieder gerne in anderen Mannschaften aushelfen, sollte mal wieder Spielermangel herrschen. Vor allem die wenigen Torhüter sind heiß begehrt und stehen bei diesen
spontanen Wechselspielchen ständig im Fokus, so dass diese auch mal mehrere Spiele hintereinander absolvieren.

Titel werden auch im Hobbyfußball in der Abwehr gewonnen

Doch nun ist die Saison wieder zu Ende. Was bleibt? Ein neuer Meister, das Team von Frei:Gespielt, nachdem in den ersten beiden Saisons jeweils Barrio Hansa, schon als Serienmeister gefeiert, den Titel davon tragen konnte. Ein neuer Meister, der den Titel in der Abwehr gewonnen hat. Torgefährlicher und attraktiver spielten über weite Strecken andere Mannschaften, konzentrierter und abgeklärter in der Defensive aber niemand und so darf man durchaus zu Recht den Jungs von
Frei:Gespielt dazu gratulieren, was sie in ihrem gerade mal ersten Jahr in der Bunten Liga bereits geleistet haben.

Die neue Saison beginnt erst im Herbst und hält dann sicher wieder viele schöne, einige hart geführte und auch ein paar total verrückte Spiele bereit, aber ganz bestimmt wird der Schweiß wieder strömen, der Ball wieder holpern und auch wieder in die Botanik gedroschen werden. Doch bis dahin wird natürlich nicht auf der faulen Haut gelegen, sondern weiter gespielt, auf Asche, auf Rasen oder auf Äckern. Hauptsache Fußball!

Weiterführende Links
http://www.bunteliga-ms.deBunte Liga Münsterland

Kommentare:Alle Kommentare zu diesem Artikel als RSS
marvin23.06.2009
schöner artikel! die bunte liga sollte viel mehr in der öffentlichkeit auftauchen! vielleicht kommen dann auch ein paar mehr "fans" um dem eventcharakter beizuwohnen! eine kleine kritik an dieser stelle von einem fairen gegner: frei: gespielt war total dominant, sturm, mittelfeld und vor allem abwehr waren klasse und sie haben mit +35 toren das beste torverhältnis. deren problem war einzig und allein, dass sich alle anderen teams so sehr hinten rein gestellt haben, dass da kein durchkommen für noch mehr tore war! marv

Kommentieren Sie diesen ArtikelKommentarfunktion anzeigen/verbergen

Empfehlen Sie diesen Artikel per E-MailEmpfehlungsfunktion anzeigen/verbergen
   



      
Unsere Texte nach Ressorts
GESELLSCHAFTPOLITIKKULTURREISEUMWELTWIRTSCHAFTSPORT
Ein sächsisches Dorf kann auch andersNewtons zweiter SiegWo Nachbarn zur Familie gehörenNur kein zweites KreuzviertelLiebe über den Tod hinausJede Fahrt eine DrogenfahrtEine Million Euro für die Cannabis-LobbyArmutszuwanderung? Eine Untergrunddebatte!Mails verschlüsseln leicht gemachtVerschlüsseln - eine Notlösung Bedingt verhandlungsbereitDas vergessene Massaker von AndischanDas Ende von Lüge und SelbstbetrugGeteiltes Volk einig im Kampf gegen IS-TerrorDie Urkatastrophe und wirDas Ende rückt immer näherNeue Regierung, neue Krisen, neue FehlerMerkels neues WirHausfotograf der deutschen SozialdemokratieDer Realo Liebeserklärung eines Linksträgers. Oder...Mit der Lizenz zum AusrastenDer beste Mann für Afghanistan"Weil sie auch nur Opfer sind"Gestatten, Gronausaurus!Missratenes PashtunenporträtDie Band LilabungalowWo Leibniz und Wagner die Schulbank drücktenHitler in der Pizza-SchachtelDie Freiheit des Radfahrens In der Wildnis vergessenStau in der FahrradhochburgMitfahrer lenken selbstÜber Wroclaw nach Lwiw - eine verrückte TourIm Frühjahr durch den Norden Polens - Teil 2Im Frühjahr durch den Norden Polens - Teil 1Sounds of KenyaDie 41-Euro-SündeRive Gauche vs. Rive DroiteOranje im Freudentaumel Drei Naturerlebnisse in einemDas Gegenteil von KollapsDas Gift von KöllikenDas große Pottwal-PuzzleBio bis in die letzte FaserDer WonnemonatKlimakiller sattDer Monsun - vom Quell des Lebens zum katastrophalen NaturphänomenR136a1 - Schwerer und heller als die SonneDie Rückkehr zur Wildnis Wie die Hausverwaltung GMRE ihre Mieter abzocktWachstum und BeschäftigungSo schmeckt der SommerMakler der LuxusklasseGeburtshelferinnen vom Aussterben bedrohtVersenkte Milliarden und eine verseuchte BuchtWohnungen als WareAufstieg, Krise und Fall der AtomwirtschaftDie längste Brücke Deutschlands entstehtDie Geschichte der 'Alternativlosigkeit' - Teil 2 Fußballtempel MaracanãGlanz und Niedergang der Fanclubsiley.de drückt Maschine Münster die DaumenUnsere Veranstaltungsreihe im Web TVFrankreich ist ein heißer Kandidat fürs FinaleSpanien wird den Titel verteidigenFür Deutschland ist im Halbfinale SchlussPolen hat das Zeug für eine ÜberraschungForscher, Fans und PolizeiFußball im Würgegriff der Mafia