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Poesie des Radfahrens
KULTUR | LEKTÜRE (27.06.2012)
Von Boje Maaßen
Sachbücher und Reiseberichte rund ums Fahrrad gibt es erfreulicherweise im ausreichenden Maße. Das neue Buch von Bettina Hartz "Auf dem Rad. Eine Frage der Haltung" ist aber mehr als das - man kann ohne Überzuckerung von einer Poetisierung des Radfahrens sprechen.

DVA

Dieses Buch ist eine Liebeserklärung. (c) DVA

Und darin liegt der eigentlich große Wert dieser bisher beispiellosen Arbeit: Das Rad wird sich erst dann als sinnvolle Mobilitätsform angemessen durchsetzen, wenn zu den medizinischen und ökologischen Argumenten, die poetische Erfahrung hinzukommt. Das geschieht in dem Moment, wenn der Leser erkennt, dass die Poesie des Rades nicht nur für Bettina Hartz gilt und wichtig ist, sondern jede Leserin und Leser an dieser Poesie teilnehmen kann, wenn er denn den Autositz mit dem Sattel des Rades tauscht.
Durch die Poetisierung erscheint Welt in subjektiver Perspektive und damit in einem helleren und bedeutsameren Licht. Sie eröffnet eine alternative Bedeutungswelt, die ungewöhnlich ist und sich von dem Mainstream der Bewusstseinsindustrie unterscheidet. Bettina Hartz poetisiert ihr Thema, indem sie ihre Praxis des Fahrens selbst reflektiert oder stellvertretend Gedanken von Dichtern und Philosophen zitiert, nicht als Ornament, sondern genau treffend. Ihre lebendige Subjektivität äußert sich auch in unzensiert ausgedrückten Wünschen und Ablehnungen. So scheut sie sich nicht, ihr dezidiertes Ja zum Rad und ihr ebenso dezidiertes Nein zum Auto zu formulieren. Durch dieses Verfahren gewinnt der Text Leichtigkeit und lässt Platz für eigene Gedanken, auch für eine Kritik der Kritik. So wird aus der Sicht des Rezensenten zwischen Radfahrer und Fußgänger zu sehr das Trennende betont und bei einigen Formulierungen besteht die Gefahr der Fetischisierung des Rades. Aber vielleicht ist gerade die Einseitigkeit ihrer Position der notwendige Grund für die Entdeckung des Fahrrades für eine eigene Mobilitätspraxis.
Wenn Lebenskraft und Lebensfreude nicht ganz aus dem Leser getilgt sind, wird er nach dieser Lektüre zwangsläufig aufs Rad steigen müssen - "zwangsläufig", so wie Spiegelneuronen bei Kindern einen Zwang zur Nachahmung auslösen.
Und: Dieser Dreiklang aus eigenen Erfahrungen, Wissen und Poesie bewirkt, dass Radfahren eine Würde und eine Bedeutung erfährt, wie es so meines Wissens bisher noch nicht geleistet worden ist, aber es schon längst verdient hätte.

Bettina Hartz "Auf dem Rad. Eine Frage der Haltung" Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012, ISBN 978-3-421-04479-2

Weiterführende Links
http://www.randomhouse.de/Buch/Auf-dem-R...na-Hartz/e347403.rhdAuf dem Rad. Eine Frage der Haltung - Verlagsseite

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