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Die Freiheit des Radfahrens
KULTUR | LEKTÜRE (26.07.2012)
Von Boje Maaßen
Der Autor Kai Schächtele liefert mit seinem Buch „Ich lenke, also bin ich“ ein überzeugendes Plädoyer für das Rad. Gleichzeitig bietet diese Lektüre auch einen lohnenswerten Ausflug in eine vielleicht ungewohnte Gefühls- und Denkwelt.

Heyne

Ein Buch als Bekenntnis zum Radfahren in Berlin. (c) Heyne

In Schächtele regt sich ungebändigte Lebenskraft, die sich erkennbar auf dem Rad ein Stück auslebt. Und er schafft es, diese begrifflich eigentlich nicht zu erfassende Lebenskraft nahezu ohne „Fremdanleihen“ mit eigenen Erfahrungen, Gedanken und Assoziationen darzustellen.
Dieses „Eigene“ ist noch einmal in sich eigen, was erklärt werden muss: Versteht man unter Anarchie Abwesenheit von unnötigen institutionellen Zwängen, so dass Selbstbestimmung möglich und notwendig wird, so kann man Schächteles Fühlen und Denken sehr wohl als einen moderaten Anarchismus bezeichnen, allerdings beschränkt auf seine Welt des Rades – zumindest erfährt der Leser fast nur von dieser.
Die anarchistische Grundierung erklärt auch einige Abweichungen von den Standards dominierender Fahrradkultur: Er lässt und will sich nicht für ökologische Ziele instrumentalisieren; Fußgänger sind nicht seine natürlichen Verbündeten. Geschwindigkeit - allerdings nur auf dem Rad - übt zugestandener Maßen eine große Faszination auf ihn aus. Zu übersehen ist auch nicht seine Zuneigung zu Fahrrädern an sich, man könnte auch von einer verdinglichten Liebe sprechen. Absolut unmöglich für ihn ist ein fahrradmäßig modisches Outfit; auch scheint sein Verhalten nicht immer den allgemeinen Vorstellungen vom Radfahrer zu entsprechen („zur Musik mitgrölen“). Alles das bringt er gleichzeitig dogmatisch und selbstironisch, über- und untertreibend, humorvoll und flapsig-locker rüber. Er versteckt nicht sein Ich, und er ist ehrlich. Einige Aussagen sind grenzwertig, einige etwas gewollt provokant-gedrechselt. Der Titel „Ich lenke, also bin ich“ ist für Schächteles Position treffend, ich halte ihn aber wegen der Verwechselungsgefahr mit dem Autolenker für problematisch, obwohl er mit Autos nicht nur nichts am Hut hat, sondern für ihn sind sie Gegner schlechthin.

Rad-Biotop Berlin

Seine Radwelt konzentriert sich, vom sehr informativen Ausflug nach Kopenhagen abgesehen, auf die Großstadt Berlin. Nach Kai Schächtele gehört diese Stadt zu den wenigen fruchtbaren Rad-Biotopen in Deutschland, wo „der Fahrradverkehr am Gesamtverkehr inzwischen einen Anteil von 13 Prozent hat. Über 500.000 Menschen sind bereits täglich mit dem Rad unterwegs. In einer Stadt wie Berlin ist das Auto dem Fahrrad heillos unterlegen und wird seinen Nimbus als Statussymbol früher oder später ganz verlieren.“
Der Leser ist immer wieder erstaunt, wie viele Facetten, auch ungewöhnliche wie „Meine schönsten Stürze“, Schächtele dem Radfahren abgewinnen kann. Wie eine erlebnisreiche Radtour ist dieses Buch eine abwechslungsreiche und ertragsreiche Lesetour mit dem vielleicht nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass die Leser häufig lachen müssen.
Kai Schächtele ist ein intelligenter und eigenständiger Autor, der – und das wäre ein möglicher Einwand - vielleicht weniger sportliche, weniger begriffsverliebte und nur bedingt an Sprachspielen interessierte Leser auf seiner Tour etwas abhängt. Aber auch hier gilt das Gleiche wie fürs Radfahren: Wer durchhält, gewinnt Beträchtliches. So gesehen wäre es auch eine empfehlenswerte Lektüre für ADAC-Mitglieder.

Kai Schächtele: „Ich lenke, also bin ich. Bekenntnisse eines überzeugten Radfahrers“, Wilhelm Heyne Verlag, München 2012, ISBN 978-3-453-60183-3

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