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Ein Tempel des Konsums
GESELLSCHAFT | KULTURSTADT (15.12.2005)
Von Michael Billig
Wo einst Tausende Weimarer Adolf Hitler ihre Gefolgschaft schwören sollten, gehen sie heute einkaufen.

Turbine

Ein Ausschnitt aus besagtem Prospekt. Der Pressesprecher der Stadt Weimar hielt es für geschmacklos. Was meinen Sie dazu? (c) Turbine

Viele Jahre haben Stadtväter und Einwohner darüber beraten, was aus dem Ungetüm aus Beton, von der Fläche her so groß wie ein Fußballfeld und 25 Meter hoch, an der Jenaer Straße werden soll. Und letztlich haben sie, wie sie finden, eine historisch verträgliche und vor allem wirtschaftlich lohnenswerte Lösung gefunden: ein überdimensional großes Einkaufs- und Erlebniscenter mit Bowlingbahn und über vierzig Geschäften, genannt Atrium.

Damit bleibt das Gebäude, für welches Rudolf Heß vor 40 000 Schaulustigen 1936 den Grundstein legte, in seiner von jeher angedachten Funktion: Menschenmassen zu versammeln - und zu manipulieren. Bereits unter der "Diktatur des Führers" sollten über 30 000 Personen darin Platz finden. Doch die Bauarbeiten an der "Halle der Volksgemeinschaft" kamen wegen der Kriegsfolgen 1944 zum Stillstand. Damals war erst der Rohbau fertig. Unter der "Diktatur des Proletariats" wurde 1968 das Skelett aus Stahl und Beton komplettiert und blieb als "Mehrzweckgebäude" weitgehend ungenutzt. Nach der Wende und speziell in dem Jahr als Europa Weimar zur Kulturstadt krönte, fand man endlich eine sinnvolle Verwendung für die Halle. Besucher aus der ganzen Welt strömten herbei, um die Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne" zu sehen. Das Gebäude als authentischer Ort war Teil der Ausstellungskonzeption, die sich mit offizieller und nicht-öffentlicher Kunst in Nazi-Deutschland und der DDR auseinandersetzte. Am 25. November dieses Jahres wurde es nach dreizehnmonatigen Umbauarbeiten als Kaufhaus neu eröffnet.

Zweifellos ist der Druck wegen der leeren Stadtkassen groß. Doch, dass es einmal einen "Burger King" in Weimars Innenstadt geben würde, hätte sich im Kulturstadtjahr 1999 auch niemand träumen lassen. Das war in der Stadt der Dichter und Denker schlichtweg tabu. Doch der Bann ist gebrochen. "Weimar ist geiler." So heißt es heute auf Plakaten eines großen Technikmarktes, der ebenfalls im Atrium mit Fahnen und Fanfaren Einzug gehalten hat. Die Werbebanner sind sogar am historischen Hauptbahnhof angebracht und erinnern die ankommende Gäste der Stadt daran, was sie eigentlich vom Leben wollen: Konsum statt Kultur. Tausende Besucher bestätigten an den Eröffnungstagen des Atriums diese Tendenz. Der Widerstand scheint gebrochen.

Einzig eine kleine Gruppe von Studenten der Bauhaus-Universität geht mit scharfer Kritik gegen das Atrium vor: "Es wird versucht den geschichtlichen Bezug des Gebäudes zu negieren. Die dadurch entstehende Lücke, wird durch eine italienische Erlebnislandschaft gefüllt, um wieder einmal den Bezug zur verkaufsfördernden Klassik und Schöngeistigkeit Weimars herzustellen." Mit einer Aktion, die an Spaßguerilla antifaschistischer und linker Gruppen und Künstler der 80er Jahre erinnert, sorgten die Bauhaus-Studenten für Aufsehen. 5 000 Prospekte, die wie Werbezeitungen anmuten und "Kanon" "mit Blitzkrieg" oder "K&Z Mode" anpreisen, brachten sie noch vor der Atriumseröffnung in den Briefkästen der Weimarer Bevölkerung unter. "Die im Prospekt gezeigten Produkte nehmen direkten Bezug zum Genozid und anderen Verbrechen Nazideutschlands. So grob und unsensibel unser Prospekt diese Themen behandelt, so unsensibel ist unserer Meinung nach der Bau eines Konsumtempels in ein Gebäude, dass von den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken und zur Massenmanipulation erdacht wurde", begründet die Gruppe, die sich Turbine nennt, ihren radikalen Protest.

Andere Ideen für die Nutzung des Gebäudes, wie etwa eine Spielstätte für Tanz und Theater zu etablieren, was schon beim Kunstfest 2003 spannend umgesetzt wurde oder es in eine Sporthalle umzuwandeln, waren wohl aus ökonomischen Gründen nicht zu realisieren. Es sei hier auch erstmal dahin gestellt, ob der Einzelhandel in der Innenstadt unmittelbar unter der neuen Konkurrenz zu leiden hat oder ob das Atrium langfristig nicht genügend Kundschaft anzieht und verwaisen wird. Dass das Gebäude weiter seinem Zwecke dienlich zu sein scheint, wie die Bauhaus-Studenten zu bedenken geben, ist keinesfalls abwegig. Allerdings haben sich das System und die Begriffe geändert. In der Bundesrepublik Deutschland war der Terminus Propaganda sehr negativ behaftet und galt als etwas, was nur die anderen (die Kommunisten) machen. Stattdessen schuf man Begriffe wie Werbung und Public Relations (PR). Doch selbst den Wissenschaften, welche sich mit Massenkommunikation beschäftigen, fällt es schwer, Propaganda, Werbung und PR voneinander abzugrenzen. Vieles deutet darauf hin, dass das Atrium ein Symbol dessen ist, was wir als "Diktatur des Kapitalismus" bezeichnen können.

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