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'BP wollte mit mir Werbung machen'
KULTUR | INTERVIEW mit Ruppe Koselleck (12.02.2011)
Von Bartholomäus Nowak und Dirk Schneider
Der Künstler Ruppe Koselleck sammelt weltweit angeschwemmte Rohöl-Reste ein und verwandelt sie in teure Kunst. Vom Erlös seiner Bilder kauft er BP-Aktien. Sein Ziel: Den britischen Ölkonzern übernehmen – und zerschlagen.



Herr Koselleck, Sie haben sechs Wochen lang in Münster Ihre Bilder ausgestellt. Es sind Exponate, die mit jenem Erdöl bemalt sind, das bei dem Untergang der Plattform "Deepwater Horizon" in den Golf von Mexiko entwichen ist und an die Strände gespült wurde. Wie haben die Münsteraner auf Ihre Bilder reagiert?

Ruppe Koselleck: Sie haben gekauft. Und von den Erlösen konnte ich allein während der Ausstellung 300 weitere Aktien von BP erwerben. Mein Ziel ist es ja, eine feindliche Übernahme dieses Ölkonzerns durchzuführen. Deshalb kaufe ich deren Aktien. Es gab aber auch Besucher, die Kritik übten: Sie meinten, ich würde mit dem Aktienkauf den Konzern unterstützen. Ich glaube eher, dass sich meine paar Aktien bisher nur homöopathisch auf den Kurs von BP an der Börse auswirken. Meine Ölmalereien wirken sich hingegen ungleich negativer auf das Image des Konzerns aus.

Wo malen Sie Ihre Bilder – am Strand?

Ja, genau dort. Drei Monate nach der Katastrophe bin ich in die USA geflogen und habe eine Tour entlang des Golfes von Mexiko gemacht. Jeden Morgen ging es mit einer Leinwand zum Strand, wo ich im Sand nach Ölresten gesucht habe. Man wurde schnell fündig. Derzeit male ich natürlich im Atelier, dort lagern Rohöl-Proben von verschmutzten Stränden in aller Welt: von Tel Aviv bis Eckernförde, von Sankt Peter Ording bis Alabama.

Die Ölkatastrophe hat Sie deutschlandweit bekannt gemacht. Kann man sagen, dass Sie ein Krisengewinnler sind?

Als die Katastrophe geschah, riefen mich plötzlich alle möglichen Medien an, ZDF, RTL, Sat1, Stern. Die Journalisten waren auf eine meiner Websites gestoßen. Die hatte ich vor neun Jahren lanciert. Es war eine Frage der Zeit, bis die nächste große Öl-Katastrophe stattfindet. Aber man
MAZ

Der Künstler Ruppe Koselleck, Jahrgang 1967, will den Ölkonzern BP zerschlagen. (c) MAZ

muss mit Interviews vorsichtig sein: Manche Medien haben mich benutzt, um eigene politische Aussagen zu ventilieren. Deshalb habe ich bisher darauf verzichtet, den großen US-Medien Interviews zu geben. CNN muss warten. Ich möchte nicht, dass die mich als einen Obama-Kritiker darstellen. Mir folgen zwar schon etliche USA-Amerikaner über Twitter, der Bilderverkauf in den USA läuft jedoch deutlich schleppender als in Europa.

Hat sich BP bei Ihnen gemeldet? Vielleicht um Sie zu engagieren?

Sie waren die ersten. Ich war gerade am Strand in Florida, um Öl einzusammeln. Da klingelte das Telefon. BP wollte mit mir Werbung machen. Sie bieten eine Menge Geld und sind auch sonst sehr geschickt. Weit gewiefter als all die anderen Erdölgesellschaften wie Exxon oder Total. Aber wenn BP ein Bild von mir kaufen will, dann müsste das Unternehmen neun Milliarden Aktien hinblättern. Das wollte es dann doch nicht. BP würde dann nämlich mir gehören.

Sie wollen den BP-Konzern übernehmen, um ihn zu zerschlagen. Wie kommt man auf so eine Idee?

Das war 2001. Ich war mit meiner Familie auf einem Badeurlaub in Holland. Als wir eine Sandburg gebaut haben, ist meine Tochter in einen Teerklumpen getreten. Das Zeug war so fest an der Haut, dass wir ein Taschenmesser nehmen mussten, um es abzuschaben. Mehr als zwanzig Jahre zuvor ist mir so etwas ebenfalls passiert, an der dänischen Küste. Mein Vater kratzte damals das Öl von meinen Füßen. Irgendwann kam schließlich die Idee, dass ich einen Konzern übernehmen muss, der solchen Dreck verantwortet.
Es ist ein vergnügliches wie vergebliches Projekt. Es muss scheitern.
Aber mir gefällt die Vorstellung: Es gibt da einen, der läuft den Strand entlang, sammelt rohes Öl und versucht die Ölmultis mit ihren eigenen Mitteln – ihrem eigenen Dreck - zu schlagen.

Warum ausgerechnet BP?

BP ist einer der ganz Großen. Und sehr verlogen: Seit 2001 macht der Konzern massiv Werbung mit Windrädern und Wasserkraft. Er tut so, als wäre er Greenpeace. Im Vergleich zum Gesamtumsatz des Unternehmens sind die Investitionen in erneuerbare Energien verschwindend. BP ist natürlich nur der Anfang. Danach übernehme ich Total, Shell und Exxon.

Wenn BP übernommen ist, werden dann alle Mitarbeiter entlassen?

Als erstes werde ich mir einen Porsche kaufen. Nein, im Ernst: Ich werde verhindern, dass nach Erdöl in riesigen Meerestiefen gebohrt wird. Aber ich bin nicht grundsätzlich gegen Erdöl. Wir bestehen ja gewissermaßen alle aus Erdöl: Unsere Pullover, Schuhe, Hosen sind zu mehr als zwanzig Prozent aus dem Stoff. Nicht zu vergessen: der Transport über Autobahnen und Seewege. Wir haben ein merkwürdiges Verhältnis zum Erdöl: Wir sind abhängig, und sobald wir unsere Ölreserven verschwendet oder im besten Fall sparsam aufgebraucht haben, werden wir in einer anderen Gesellschaft leben. Wie die aussieht, weiß niemand.

Ist es also so, dass Sie diese Wirtschaftsordnung überwinden wollen?

Es mag paradox klingen, aber ich will eigentlich den Kapitalismus zähmen. Es gibt kein Gegenmodell. Der Kapitalismus funktioniert nur, wenn die Konzerne eine gewisse Größe nicht überschreiten. Wir brauchen also ein Instrument, um zu große Unternehmen zu zerschlagen. Es ging mir bei meinem BP-Projekt von Anfang an nicht nur um den Umweltgedanken, sondern auch um Wirtschaftskritik.

Wie viele Bilder müssen Sie noch verkaufen, bevor Sie BP übernommen haben?

Es gibt neun Milliarden BP Aktien, und ich habe mal ausgerechnet, dass 13 Gramm Ölreste am Strand einer Aktie entsprechen. Für jedes verkaufte Bild ersteigere ich rund 200 Anteile. Das ist 50 Prozent vom Verkaufserlös, der Rest wandert in die Familienkasse. Der Erwerb kleiner und sogar kleinster Rohölbilder führt zum Ankauf von mindestens zwei Aktien. Mit zehn Euro ist man schon dabei. Jetzt gerade besitze ich 1340 Aktien. Ich muss also noch einige Bilder malen.

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Dieser Beitrag ist jüngst schon in der MAZ (Münsters Alternative Zeitung) erschienen. Das Onlinemagazin iley und das Printprodukt MAZ, herausgegeben von den Grünen in Münster, kooperieren auf unbestimmte Zeit. Die Idee: Onlineartikel gehen bei der MAZ in den Druck und Printartikel wandern bei iley ins Netz.
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