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PID - eine Frage der Moral
GESELLSCHAFT | INTERVIEW mit Medizinethikerin (15.04.2011)
Von Michael Billig
Dürfen im Reagenzglas erzeugte, menschliche Embyronen vor Einpflanzung in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersucht und je nach Befund aussortiert werden? Das sei keine medizinische, sondern eine moralische Frage, sagt die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert.

M. Billig

Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert befürwortet einen Gentest an Frühembryonen. (c) M. Billig

Der Deutsche Ethikrat ist gespalten. Der Bundestag auch. Die Bundesärztekammer sagt, die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID) sei unter "bestimmten Voraussetzungen" ethisch vertretbar. Welche Voraussetzungen müssen Ihrer Meinung nach gegeben sein?

Bettina Schöne-Seifert: Eltern mit hohen genetischen Risiken sollte PID erlaubt sein. Ganz wesentlich ist die Selbstbestimmung der Eltern. PID ist keine medizinische Frage, sondern eine moralische. Die muss jeder für sich allein beantworten. Außerdem sollte ein PID zulassendes Gesetz zunächst zeitlich begrenzt sein. Nach drei oder fünf Jahren kann man dann nochmal schauen, wie es gelaufen ist. Und man sollte im Gesetz verlangen, dass es eine medizinische und psychosoziale Begleitforschung gibt. Dass man dokumentiert, wer aus welchen Gründen PID in Anspruch nimmt.

Sie nehmen die Perspektive der Eltern ein. Was ist mit dem Embryo und seinem Recht auf Leben?

Schöne-Seifert: Diese Frage spielt eine ganz zentrale Rolle. Es werden drei wesentliche Argumente gegen PID vorgebracht. Das erste Gegenargument pocht auf das Lebensrecht der befruchteten Eizelle. Wir reden bei der PID von der ganz frühen vorgeburtlichen Lebensphase, drei bis fünf Tage nach der Befurchtung der Eizelle. Ein Frühembryo ist ein Pünktchen auf der Nadelspitze. Auch das ist Leben, das ist unstrittig. Die Frage der ethisch und rechtlich gebotenen Schutzwürdigkeit aber ist völlig strittig. Ich denke nicht, dass eine befruchtete Eizelle auch nur annäherend das Lebensrecht und die Würde eines geborenen Menschen hat. Wer das aber denkt, der kann über ein Zulassen von PID gar nicht mehr nachdenken.

Wer mit diesem Argument PID ablehnt, müsste auch Abtreibungen verbieten wollen?

Schöne-Seifert: Ja, das müsste er - und auch die "Pille danach" und die Spirale.

Wie könnte PID dazu beitragen, dass Kinder gesund auf die Welt kommen?

Schöne-Seifert: Unter den Einschränkungen, die erwogen werden, würde PID nur ein paar hundert Fälle im Jahr betreffen. Es geht also nicht um ein generelles Screening-Verfahren. PID macht möglich, dass man von den untersuchten Embyronen nur die verpflanzt, die von der bestimmten Krankheit nicht bedroht sind.

Können Sie ein Beispiel anführen?

Schöne-Seifert: Etwa Familien mit Mukoviszidose, wo die Eltern zwar nicht krank, aber Träger dieser Stoffwechselerkrankung sind. Wenn die Gene zusammenkommen, besteht ein Risiko von 25 Prozent, dass der Nachwuchs Mukoviszidose hat. Die Krankheit verläuft unterschiedlich schwer, manchmal ist sie schon in jungen Jahren tödlich. Eine Familie, die bereits ein Kind verloren und zusätzlich eine Abtreibung in der zwölften Woche hinter sich hat, wäre ein typischer Fall, in dem man PID erlauben sollte.

Besteht die Gefahr, dass Embryonen bei der PID geschädigt werden?

Schöne-Seifert: Die Technik selbst hat keinerlei Risiko. Der schlechteste Fall für den Embryo wäre aber, dass er wegen der Krankheit ausgesondert wird und abstirbt.

Ist eine PID-Zulassung mit dem Embryonenschutzgesetz überhaupt vereinbar?

Schöne-Seifert: Ich halte Embryonenschutzgesetz und PID-Erlaubnis für nicht vereinbar. Schließlich steht sinngemäß im Gesetz, dass man nichts mit einem Embyro tun darf, was nicht seinem Weiterleben dient. Aber viele, auch berufene Juristen sehen das anders. Auch der Bundesgerichtshof. Nach dessen Rechtsspechung aus dem Sommer 2010 muss die PID jedenfalls in einem eigenem Recht geregelt werden.

Trotz aller angekündigten Restriktionen - Gegner befürchten eine stetige Ausweitung der PID.

Schöne-Seifert: Das ist das zweite Gegenargument. Man hat Angst vor stetiger Ausweitung: Wenn man einmal anfange, PID für gravierende Erkankungen zuzulassen, werde diese Diagnostik später auch für einfachere Erkrankungen gestattet.

Und irgendwann kommt man zum Designer-Baby. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Schöne-Seifert: Das Designer-Baby ist mit dieser Mehode illusionär.

PID wäre dann ja nur ein Teil in der Reproduktionsmedizin.

Schöne-Seifert: Alle komplexen Eigenschaften, an die man bei Designer-Babys denkt, sind durch ganz viele Gene mitbestimmt. Sie entstehen außerdem in der Interaktion von Genen und Umweltbedingungen. Es ist gar nicht vorstellbar, danach zu suchen, welcher Embryo mal zu dem wie auch immer gewünschten Menschen werden würde. Man müsste außerdem so unendlich viele Embryonen untersuchen, um dahin zu kommen. Da ist Genmanipulation vorstellbarer, aber auch das ist eine Art Utopie, die steht aktuell überhaupt nicht zur Debatte steht.

Beim dritten Gegenargument geht es um Menschen, die mit Handicaps leben. Der gesellschaftliche Druck auf sie und ihre Diskriminierung könnten zunehmen. Sehen Sie diese Gefahr nicht auch?

Schöne-Seifert: Wenn Menschen mit Handicaps in unserer Gesellschaft wegen PID schlechter behandelt werden würden, müsste man diese Diagnostik verbieten. Doch in den letzten 30 Jahren sind wir auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft ein erhebliches Stück voran gekommen. Gleichzeitig haben wir die Pränatale Diagnostik auf den Weg gebracht. Die befürchtete Zunahme der Behindertenfeindlichkeit ist da offensichtlich ausgeblieben. Das heißt aber nicht, dass ich die Augen davor zumache, dass es furchtbare Situation gibt. Etwa wenn Leute in den Kinderwagen hinein gucken, ein behindertes Kind sehen und sagen: Das muss doch heute nicht mehr sein. Das erzählen Ärzte, die behinderte Kinder behandeln. Das sind unglaublich taktlose Entgleisungen einzelner Menschen. Die sind nicht zu entschuldigen, aber sie sind nicht der Maßstab, an dem man das Klima in einer Gesellschaft messen kann.

Ist es Gottesfurcht oder eine Last aus der NS-Zeit - woher kommen die Bedenken gegen PID?

Schöne-Seifert: Die Schatten der Nazi-Greueltaten spielen in allen bioethischen Debatten eine große Rolle. Ich finde es vollkommen richtig, dass wir diese Dinge auch im 21.Jahrhundert in unserem Gedächtnis behalten. Doch wir können die Morde an Behinderten unter den Nazis weder gleichsetzen mit Sterbehilfe - wenn schwerstkranke, urteilsfähige Menschen diese für sich erbitten - noch die mörderische Selektion der Nazis mit der PID vergleichen. Diese Kontinuitätsbehauptungen sind da nicht angebracht. Wir leben glücklicherweise in einer ganz anderen Gesellschaft.

Wie ist es mit der Religion: Spielen wir uns zum Schöpfer auf?

Schöne-Seifert: Religiöse Überzeugungen in der Frage des richtigen Umgangs mit uns und anderen Menschen am Lebensanfang und am Lebensende haben zweifellos großen Einfluss. Die Katholische Kirche lehnt PID konsequent ab. Die Protestanten sind da vielstimmiger. Etliche erlauben PID und haben sich auch für eine begrenzte Stammzellforschung stark gemacht. Wir müssen lernen, die Überzeugungen zu respektieren und immer darum zu ringen, wo Freiheiten zulässig und wo sie schädlich sind. Wären wir auf dem Weg zu einer inhumanen Gesellschaft, die zu Behinderten auch nur unfreundlicher werden würde oder ihnen gar die Unterstützung verweigerte, dann sollten wir PID nicht erlauben. Aber ich sehe die Gefahr eben nicht.

Die drei großen deutschen Wissenschaftsakademien haben sich öffentlichkeitswirksam, in der Bundespressekonferenz in Berlin für die PID ausgesprochen. Ging es dabei um den Dienst am Menschen - oder war das ein Dienst an der Wissenschaft?

Schöne-Seifert: Es kann den Akademien nicht darum gegangen sein, ihren Medizinern nun wissenschaftliche Freiheiten zu verschaffen. Die Akademien wollten die Aufgabe der gesellschaftlichen Beratung wahrnehmen.

Was, wenn der Bundestag die PID mehrheitlich ablehnt?

Schöne-Seifert: Dann wird es weiterhin 100 bis 200 Paare geben, die dafür ins Ausland fahren. Es bestünde auch weiterhin der Wertewiderspruch, dass man in Deutschland PID verbietet und Pränatale Diagnostik mit nachfolgendem Schwangerschaftsabbrüch zulässt.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Prof. Bettina Schöne-Seifert ist geschäftsführende Direktorin des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität Münster. Schöne-Seifert ist außerdem Mitglied in der Leopoldina - der Nationalen Akademie der Wissenschaften.
   





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