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Aufstieg, Krise und Fall der Atomwirtschaft
WIRTSCHAFT | INTERVIEW mit Joachim Radkau (28.04.2013)
Von Michael Billig
27 Jahre nach dem GAU von Tschernobyl: ein Gespräch mit dem Bielefelder Technik- und Umwelthistoriker Joachim Radkau über Aufstieg, Krise und Fall der deutschen Atomwirtschaft.

M.Billig

Joachim Radkau sah die Atomwirtschaft bereits Anfang der 1980er Jahre in der Krise. Von ihm ist nun das Buch "Auftstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft" erschienen. (c) M.Billig


Herr Radkau, welche Erinnerungen haben Sie an den GAU von Tschernobyl?

Radkau: Einige Bekannte hatten regelrecht Panik und sagten, dass wir nicht mehr lange zu leben hätten. In einem Essay warnte ich öffentlich, eine vergleichbare Katastrophe sei auch in der Bundesrepublik nicht auszuschließen. In meinem privaten Umfeld geriet ich in der Folgezeit eher in eine abwiegelnde Rolle. Ich versuchte die Leute zu beruhigen. Kurze Zeit darauf unternahm ich mit meiner Frau eine Radtour durchs Wendland und stellte fest, dass die Gaststätten ihre Wildbraten nicht mehr loswurden. Dabei konnte man sich leicht ausrechnen, dass das Wild noch vor Tschernobyl geschossen worden sein musste und somit nicht kontaminiert war. Deshalb habe ich voll zugelangt, denn durch Radeln wird man hungrig.

In ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass die deutschen Atommanager ihren Kindern nicht mehr in die Augen schauen konnten.

Ein Siemens-Direktor hat mir mal gesagt, dass er jetzt aussteigen und in die Solar-Branche wechseln würde. Dass er seine kleinen Kinder nicht mehr in den Garten lassen könne, sei zu viel. Ein anderer sagte mir, alle fünf Jahre würde es ein neues Tschernobyl geben, die Kernenergie habe keine Zukunft mehr. So ein Pessimismus breitete sich nach der Katastrophe aus.

Sie widersprechen der immer noch weit verbreiteten These, dass die Katastrophe von Tschernobyl auf menschliches Versagen zurückzuführen ist.

Das ist immer dasselbe: Bei einem nuklearen Versagen wird zuerst alles auf die Bedienmannschaft geschoben, nach dem Motto "Den Letzten beißen die Hunde". Darüber hat sich mir gegenüber sogar Ludwig Merz, ein langjähriges Mitglied der Reaktorsicherheitskommission, im Gespräch mokiert. Das Desaster in Tschernobyl hat im Kern technische Ursachen: Es ist durch einen Graphit-Brand entstanden. Der Reaktor hatte eine geringe inhärente Sicherheit.

M.Billig

Radkau in seinem Garten: "Dem Hightech-Land Japan hatte man Schlampereien wie bei Fukushima auch nicht zugetraut." (c) M.Billig

War die Katastrophe vorhersehbar?

Eine Katastrophe von derartigem Ausmaß hatte man nicht erwartet. Die Sowjetunion gehörte in der Eroberung des Weltraums zur Weltspitze. Da hatte man selbst im Westen auch die technische Kompetenz auf anderen Gebieten weit überschätzt. Man machte sich ähnliche Illusionen wie bei Japan. Dem Hightech-Land Japan hatte man Schlampereien wie bei Fukushima auch nicht zugetraut.

Warum hat es nach Tschernobyl noch mehr als 20 Jahre gedauert, ehe sich Deutschland auf einen Ausstieg aus der Atomenergie einigen konnte?

Ein latenter Ausstieg ist im Grunde schon seit langem gelaufen. Seit 1982 ist in der Bundesrepublik kein neues Atomkraftwerk mehr in Auftrag gegeben worden. In der DDR zwar schon, in Stendal, aber daraus ist nichts geworden.

Was sind die Ursachen des schleichenden Ausstiegs?

Da spielte eine Rolle, dass die Energiewirtschaft mit Überkapazitäten zu kämpfen hatte. Dass die Proteste aus den 1970er Jahren Wirkung zeigten und die Genehmigungsbehörden einen ganzen Strom von Sicherheitsauflagen an die Kraftwerksbetreiber richteten, was die Produktion verteuerte und somit den Kostenvorteil gegenüber der Kohle zunichtemachte. Nach Tschernobyl waren die erneuerbaren Energien noch keine ernstzunehmende Alternative zur Kernkraft.

Welche Rolle spielte die Atombombe bei der Etablierung der Kernkraft in Deutschland?

Die alte Garde der deutschen Atomphysik kam aus dem Uranverein. Sie sollten Hitler eine Bombe bauen. Später stellten sie es gern so dar, als ob sie die Kerntechnik schon immer für zivile Zwecke erforscht hätten. Dass sie nach 1945 versuchten, Kernkraftwerke in Gang zu bringen, war ein Akt der Selbstentlastung. Das habe ich bei meinen Studien über Werner Heisenberg festgestellt. Er wollte den Makel von Hitlers Bombenbauer abstreifen, favorisierte den Schwerwasserreaktor. Das ist der Reaktortyp, bei dem man am schnellsten an bombenfähiges Plutonium gelangt und der deswegen in anderen Ländern bevorzugt wird, auch deshalb, weil er mit Natururan betrieben werden kann und die sehr kostspieligen Urananreicherungsanlagen nicht braucht. Unter Adenauer und Strauß hat die Option auf eine bundesdeutsche Atombombe eine Rolle gespielt. Später, mit den Durchbruch der Leichtwasserreaktoren, dann nicht mehr.

Während Deutschland den Ausstieg bis 2022 vollendet, ziehen andere Länder neue AKW hoch. Stimmt Sie das nicht nachdenklich?

Ja, aber die Atomeuphorie, wie sie Mitte der 1950er Jahre entfacht wurde, ist längst vorbei.

Was macht Sie da so sicher?

Ich komme ein bisschen in der Welt herum und habe diesen Eindruck gewonnen. Auch die USA haben seit Ende der 1970er Jahre kaum noch ein AKW gebaut. Ein anderer wichtiger Punkt: Die Euphorie der 50er Jahre gründete sich wesentlich auf die Hoffnung, dass auf die konventionellen Reaktoren die Schnellen Brüter und die Fusionsreaktoren folgen würden. Die Atomkraft weckte Hoffnungen, die heute die regenerativen Energien auf sich vereinen.

Von welchen Hoffnungen sprechen Sie?

Eine unendliche Energiequelle ohne rauchende Schlote, eine, die auch für kohlearme Länder der Welt leicht erreichbar ist. Aber der Fusionsreaktor war immer nur eine Hoffnung am fernen Horizont und ist in den gesamten vergangenen fünfzig Jahren kaum näher gerückt. Da gibt es eine lange Geschichte der Fehlprognosen. Die Brüterentwicklung wurde fast überall in der Welt eingestellt. Die Kernenergie ist heute so oder so nur noch eine Übergangsenergie.

Bedauern Sie diese Entwicklung ein wenig?

Ach Gott, ich fühlte mich hin- und hergerissen. In den frühen 80er Jahren wurde erstmals vor der globalen Erwärmung durch den Treibhauseffekt gewarnt. Damals war Kernenergie die reale Alternative zur Kohle. Es gehörte zwar schon zum guten Ton, sich zur Wind- und Solarenergie zu bekennen. Aber wirklich ernsthaft daran zu glauben, war damals noch nicht leicht. Daher sympathisierte ich damit, Alternativen innerhalb der Kerntechnik zu erproben.

M.Billig

Radkau in seinem Haus: "In den Chefetagen der Energiekonzerne wurde tagelang hemmungslos gefeiert und gesoffen." (c) M.Billig

Welchen Reaktortyp favorisierten Sie?

Ich hatte ein vertrautes Verhältnis zu dem genialen Nuklearphysiker Rudolf Schulten. Schulten hatte den Kugelhaufen-Hochtemperatur-Reaktor erfunden. Unter bestimmten Aspekten erschien der mir wie das Ei des Kolumbus. Doch auch bei diesem Reaktortyp lag der Teufel im Detail, wie ich später einsehen musste. Ich habe mich innerlich nicht leicht von der Kernenergie getrennt. Die Kohle war schon vordem Klima-Alarm wegen ihrer ungerechten Verteilung auf dem Planeten und der Endlichkeit der fossilen Rohstoffe keine befriedigende Alternative. Es ist übrigens eine Ironie der Geschichte, dass RWE, das in den 1970er zur Speerspitze der Atomindustrie avancierte, bis in die 1960er Jahre als Kohleproduzent der größte Bremsklotz der Atomenergie war. Wenn man kernkraftskeptische Argumente von früher sucht, findet man sie in den Archiven von RWE.

Dachte in der Atomeuphorie der 1950er Jahre niemand an das Endlager-Problem?

Doch, doch. Es wurde sogar sehr offen darüber geredet. Im führenden Handbuch der Reaktortechnik von Friedrich Münzinger hieß es, dass radioaktive Gifte 1000 bis eine Millionen Mal so giftig sind wie chemische Gifte. Das ist vermutlich sogar übertrieben. Doch damals waren noch keine Milliarden investiert worden, da gab es nicht den normativen Zwang des Faktischen. Ausgerechnet Robert Gerwin, der spätere Chef-Propagandist der Atomlobby, schrieb 1960, dass es eine Unverschämtheit sei, was man den Nachkommen mit dem Atommüll aufbürdet.

Aber?

Er schlug damals in der Sputnik-Euphorie vor, den ganzen Schmodder in den Weltraum zu schießen. Dann gab es Pläne, den Atommüll auf dem Grund der Weltmeere zu versenken.

Verlag

Die Geschichte der gescheiterten Atomkraft auf 416 Seiten, Euro 24,95. (c) Verlag

1983 schrieben Sie noch von der "Krise" der Atomwirtschaft, jetzt von ihrem "Fall". Haben Sie diese Entwicklung erwartet?

Nein, ich habe es damals bewusst offen gehalten. Ich wollte zehn Jahre später nicht als Naivling dastehen. Dass anschließend in Deutschland keine AKW mehr errichtet wurden, konnte ich nicht vorhersehen. Mein Buch kam heraus, als es relativ ruhig um die Atomenergie geworden war. Deswegen verkaufte es sich anfangs auch schlecht. Das änderte sich mit Tschernobyl.

Die Energiekonzerne wollen bei ihrem "Fall" möglichst weich landen und verklagen die Bundesrepublik auf Schadensersatz in Milliardenhöhe. Wie beurteilen Sie dieses Vorgehen?

Ich finde es unverschämt und illoyal gegenüber Angela Merkel. Die Energiewende ist doch allzu sanft und profitabel gestaltet. Und es war nichts anderes als die Wiederherstellung eines Zustandes, der noch ein halbes Jahr davor bestanden hatte, vor dem Ausstieg aus dem Ausstieg. Wie ich hörte, ist damals mit Blick auf mühelose Milliardengewinne in den Chefetagen der Energiekonzerne tagelang hemmungslos gefeiert und gesoffen worden. Insofern ist der Katzenjammer nach dem erneuten Ausstieg nach Fukushima psychologisch nicht unverständlich.

Kann man überhaupt von einem Ausstieg sprechen, wenn in Gronau Uran für Kernkraftwerke angereichert wird?

Es ist ein Ausstieg mit erheblichen Einschränkungen. Eine Urananreicherungsanlage ist essentiell für die Atomindustrie. Doch diese Anlagen werden öffentlich kaum wahrgenommen. Es fehlt auch an kritischer Literatur.

Von dem Atomausstieg könnten nicht nur die erneuerbaren Energien profitieren. Was halten Sie von der Fracking-Technologie zur Förderung von Erdgas?

Bei dem Gedanken an Fracking bekomme ich fast schon nostalgische Gefühle für die Kerntechnik. Die Gefahren für das Grundwasser sind haarsträubend. Die Übernutzung und Verschmutzung des Grundwassers dürfte ohnehin global eine besonders tückische Zeitbombe werden.

Bleibt es beim Atomausstieg oder wird die Atomkraft eines Tages ein Comeback feiern?
Als Historiker blickt man auf so viele Fehlprognosen zurück, dass man selbst kaum eine Prognose wagt. Aber ich bin mir ziemlich sicher: Wenn wir die Energiewende überzeugend hinkriegen, wird es kein Comeback der Atomkraft geben.

Vielen Dank für das Gespräch!


Joachim Radkau, geboren 1943, habilitierte sich mit einer Studie über Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft. 1981 wurde er Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. Gemeinsam mit Lothar Hahn, dem langjährigen Leiter der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit, hat er nun ein Buch über den "Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft" im Oekom Verlag veröffentlicht.

Weiterführende Links
http://joachim-radkau.de/Internetseite von Joachim Radkau

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