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Viele Völker unter einer Flagge
POLITIK | IDENTITÄT UND MACHT (10.11.2010)
Von Martina Hempel
Auch wenn meistens von „den Kenianern“ die Rede ist – Kenias Bevölkerung ist bunt gemischt und setzt sich aus cirka 40 Volksgruppen zusammen. Einige von ihnen sind miteinander verwandt, andere grundverschieden. Gefährlich wird es, wenn sie zum Spielball der Politik werden.

M. Hempel

Das Gemälde "The Fruits of Independence" von den Künstlern Oduya und Sukuro hängt im Nationalarchiv in Nairobi. Es wurde vom ehemaligen Staatspräsidenten Daniel Arap Moi gestiftet. (c) M. Hempel

Die ethnische Zugehörigkeit spielt für die meisten Kenianer eine große Rolle. Sie ziehen daraus ihre Identität und grenzen sich von anderen ab. Wie tief dieser Mechanismus in den Menschen steckt, zeigte sich im Jahr 2007 auf tragische Weise. Der Kampf um die Präsidentschaft zwischen Amtsinhaber Mwai Kibaki, der dem Volk der Kikuyu angehört und Herausforder Raila Odinga, einem Luo, geriet nach Ungereimtheiten bei der Auszählung von Wählerstimmen zu einem ethnischen Konflikt. Bei den blutigen Unruhen, die sich hauptsächlich gegen die Kikuyu richteten, wurden rund 1500 Menschen getötet. Hunderttausende flohen aus ihrer Heimat im Nordwesten des Landes. Viele strandeten in den Slums der Hauptstadt Nairobi.
Erst durch Vermittlung des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan konnte das Land wieder befriedet werden. Präsident Kibaki und Premierminister Odinga teilen sich seitdem die Macht. Eine Sonderkommission der Vereinten Nationen versucht bis heute aufzuklären, wie es zu Mord und Totschlag kommen konnte. Hartnäckig hält sich das Gerücht, Politiker haben die Bevölkerung dazu angestiftet.

Massai in der Unterzahl

Mit rund 6,6 Millionen stellen die Kikuyu einer aktuellen Volkszählung zufolge die größte Gruppe im Land. Es folgen Kalenjin (5,3 Mio.), Luhya (5 Mio.) und Luo (4 Mio.). Das berühmte Nomadenvolk der Massai zählt weit weniger als eine Million Angehörige in Kenia. Insgesamt leben rund 43 Millionen Menschen in dem ostafrikanischen Staat, der im Jahr 1963 seine Unabhängigkeit erlangt hat. Fast alle Ethnien haben ihre eigene Sprache. Doch viele Kenianer wachsen zwei- oder sogar dreisprachig auf. Sie lernen zunächst ihre Muttersprache, in der Schule kommen dann die beiden Amtssprachen Swahili und Englisch hinzu.
Swahili ist eine Bantusprache, die an der Ostküste Mittelafrikas gesprochen wird und in die viele Wörter aus anderen Kulturkreisen eingeflossen sind. Den größten Anteil macht das Arabische aus, aber auch Sprachfetzen der ehemaligen Kolonialherren sind hängen geblieben.

Die ethnische Zersplitterung des Landes ist nicht erst seit der Regierung Kibakis zu beobachten. Hatte es während des Unabhängigkeitskampfes noch das klare Feindbild der weißen Kolonialherren gegeben, gegen das es sich zu vereinen galt, setzte unter Jomo Kenyatta (ebenfalls Kikuyu), dem ersten Präsidenten Kenias, eine Ethnisierung der Politik ein. Politische Posten wurden mit Vertretern bestimmter Volksgruppen besetzt, bevorzugt „eigene Leute“.
Kenyattas Nachfolger Daniel Arap Moi, Angehöriger der Kalenjin, versuchte zunächst, diesem Phänomen entgegen zu wirken. Er verbot ethnisch motivierte Organisationen und Gruppierungen. Außerdem rechtfertigte er mit dem Ziel der „nationalen Einheit“ das bereits unter Kenyatta eingeführte Einparteiensystem. Erst auf internationalen Druck hin wurde 1991 das Mehrparteiensystem etabliert. Seit dem 27. August 2010 hat das Land nun eine neue Verfassung. Diese lässt die Kenianer von mehr Demokratie und einer besseren Zukunft träumen, in der alle Volksgruppen zu ihren Rechten kommen.

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