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Umweltschutz im Aufwind – oder alles nur heiße Luft?
UMWELT | HINTERGRÜNDLICH (15.04.2007)
Von Janita Tönnissen
Die Erkenntnis wächst, dass sich manche Probleme auch durch die beste nationale Umweltpolitik allein nicht werden lösen lassen. Ist also die Zeit gekommen für eine neue Umweltpolitik der Vereinten Nationen?

Die Podiumsdiskussion zum Thema Umweltschutz im Rahmen des Münsteraner UN-Planspiels MUIMUN brachte es auf den Punkt: Genauso komplex wie die Welt ist die Entwicklung und Umsetzung einer internationalen Umweltschutz-Strategie.
Es gibt erfolgreiche Beispiele für einen globalen Umweltschutz: die Ozonpolitik. Innerhalb von zehn Jahren konnten sich die Vertragspartner auf ein wirkungsvolles Protokoll zur FCKW-Reduzierung einigen. Die USA spielte dabei übrigens im Gegensatz zur Europäischen Union (EU) eine aktive Rolle.
Das Kyoto- Protokoll allerdings, das konkrete Vorgaben zu einer globalen Klimapolitik enthielt, wurde von vielen Staaten wie den USA, China oder Australien boykottiert und damit ausgehöhlt. Der Erfolg der Ozonpolitik ist aber nicht ohne weiteres übertragbar auf andere Umweltprobleme, denn damals empfand die Bevölkerung die erhöhte UV-Strahlung als unmittelbare Bedrohung. Zudem gab es nur einige wenige FCKW-produzierende Unternehmen, die schnell ihren Widerstand aufgaben.

Globale Probleme – globale Politik?

Für globale Umweltprobleme wie dem Treibhauseffekt kann nur eine global konzipierte Politik zielführend sein. Dagegen müssen universell auftretende Umweltprobleme wie die Wasserknappheit und das Müllproblem lokal gelöst werden, auch wenn es dazu einer international koordinierten Strategie bedarf.
Das Grundproblem der derzeitigen internationalen Umweltpolitik besteht darin, dass ihre Ziele durch freiwilliges Handeln von Staaten, Unternehmen und Institutionen verwirklicht werden müssen. Es gibt größtenteils noch keine Mechanismen, um Nationalstaaten zur Durchsetzung international vereinbarter Umweltpolitik zu verpflichten.

Zudem haben in der internationalen Politik immer noch die industriestärksten Nationen die größte Macht, nicht etwa die bevölkerungsreichsten Staaten. Diese große Ungerechtigkeit ist zugleich Problem und Chance für eine globale Umweltpolitik: Wenn endlich gleiche Rechte für alle Menschen bestehen, könnten so genannte Entwicklungsländer, die am stärksten von den vielen kleinen Klimakatastrophen betroffen sind und sein werden, Industriestaaten wie die USA, den EU-Ländern, China und Australien unter Druck setzen.

Ursachen der Klimaveränderung

Das zurzeit meist diskutierte globale Umweltproblem ist die stattfindende Klimaveränderung. Klimawirksame Gase wie Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und Stickoxide (N2O) stören den Wärmehaushalt der Erde, indem sie die Wärmestrahlung in den Weltraum zum Teil blockieren. Den größten Anteil an der Erderwärmung hat das CO2, dessen Ausstoß stark mit dem Niveau und Wachstum des Bruttosozialproduktes korreliert. Das CO2-Problem ist daher insbesondere ein Nord-Süd-Problem.
Ein Süd-Nord-Problem ist dagegen die Menge des Methanausstoßes. Methan entsteht in großen Mengen beim Reisanbau und bei dem Verdauungsvorgang der Rinderherden.
Das industriell produzierte FCKW konnte durch Ersatzstoffe schnell verringert werden; für CO2 und Methan sind diese schnellen Lösungen nicht in Sicht.

Janita Tönnissen

Juan Carlos Villagran de Leon, Dozent an der United Nations University (c) Janita Tönnissen

"Derzeit wird die Welt drei- bis viermal so stark belastet, wie sie es eigentlich vertragen könnte. Wir haben noch maximal 50 Jahre Zeit, um eine drastische Kehrtwende einzuleiten", so Prof. Udo Simonis vom Wissenschaftszentrum Berlin. Der Appell scheint nicht übertrieben. Vor einigen Tagen hatten das IPCC, der Weltklimarat der UN und der Weltorganisation der Meteorologie im zweiten Teil ihres Weltklimaberichts vor katastrophalen Folgen der globalen Erwärmung für die unterschiedlichen Weltregionen gewarnt. Der Klimawandel wird demnach auf allen Kontinenten viel früher zu weit verheerenderen Schäden führen als bislang angenommen. Der Bericht prognostiziert unter anderem eine dramatische Zunahme von Hungersnöten in Afrika und Asien auf Grund der Erderwärmung. Außerdem drohe vielen dicht besiedelten Küstengebieten eine dauerhafte Überflutung durch den Anstieg des Meeresspiegels. Die reichen Industrieländer, Hauptverursacher der globalen Erwärmung, können sich wohl mit hohem Aufwand im Treibhaus Erde einrichten. "Unter Dürre und Wassermangel dürften vor allem die ärmsten Länder in Mittelamerika, Asien und Afrika leiden", sagt Dr. Juan Carlos Villagran de León von der United Nations University in Bonn. Eine neue Gerechtigkeitsdebatte ist ausgebrochen: Nicht mehr nur die Globalisierung, verschlossene Märkte oder die Folgen der Kolonialisierung rauben den Armen ihre Chancen, sondern auch der Treibhauseffekt.

Gute Aussichten für die Wirtschaft

Gerade für ein Land wie Deutschland sind Umweltschutz und industrieller Wohlstand kein Widerspruch: Der Spiegel titelte vor einigen Tagen. "Boom der Ökobranche: Deutschland vor grünem Wirtschaftswunder". Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete: "2020 wird die Umweltbranche mehr Mitarbeiter ernähren als der Maschinenbau oder die Autoindustrie."
Eine Weltumweltpolitik ist in Grundzügen vorhanden, aber erst ansatzweise umgesetzt. Laut Simonis muss das personell und finanziell äußerst schlecht ausgestattete UN-Umweltprogramm (UNEP) dringend gestärkt und fortentwickelt werden. Eine Diskussion darüber ist im vollen Gange, doch eine Lösung ist angesichts der Widersprüchlichkeit der entsprechenden Reformvorschläge bisher nicht in Sicht.
Es gilt zu begreifen, dass hinter Abkommen wie dem Kyoto- Protokoll ein riesiges Gerechtigkeitsproblem steht: Wie werden die Emissionsrechte in Zukunft fair verteilt? Wie lassen sich gleiche Rechte für alle Menschen durchsetzen? Wer kommt für die vielfältigen Schäden des nicht verhinderten Klimawandels auf? Wie gelingt es, die Ökologie vor den destruktiven Wirkungen der wirtschaftlichen Globalisierung zu bewahren?

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