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Nur kein zweites Kreuzviertel
GESELLSCHAFT | GENTRIFIZIERUNG (24.04.2014)
Von Michael Billig
In Münster werden jährlich mehr Eigentumswohnungen gehandelt als Sozialwohnungen vermittelt. Investoren verdrängen alteingesessene Bewohner aus ihren Vierteln. Rund um den Staufenplatz kann man der Gentrifizierung beim Fortschreiten zusehen.

M. Billig

Der Staufenplatz - beliebt bei Anwohnern und Investoren. (c) M. Billig

Ein sonniger Aprilnachmittag auf dem Staufenplatz: Vor der neueröffneten "Roestbar" treffen sich die Mütter des Erpho-Viertels und trinken Café Latte. Zwei Teenager bespielen die Tischtennisplatte am anderen Ende des Platzes. Das "Kling-Klang" macht gleich auf. Vor der Kneipe wischt die Bedienung eilig die Tische ab. Fahrradfahrer halten an der Bäckerei Krimphove und kaufen sizilianischen Zitronenkuchen. Wenige Schritte weiter teilen sich drei Männer eine Bank und zwei Flaschen Pils. Die Menschen genießen den Feierabend und die Frühlingssonne im eigenen Quartier. Sie lieben ihr Viertel. Doch nicht nur sie.
Auch Investoren haben sich in diesen zentrumsnahen Teil Münsters verguckt. Sie wittern lukrative Geschäfte mit Immobilien. Bewohner fürchten Luxussanierungen und unbezahlbare Mieten. Sie wollen kein zweites Kreuzviertel. Doch der Wandel hat längst eingesetzt. Schleichend schreitet er voran.
Wann es begonnen hat, weiß Sylvia Landsmann nicht genau. Die Verkäuferin blickt weit zurück.
Seit 18 Jahren arbeitet sie in der Bäckerei am Staufenplatz, die "Gute-Laune-Filiale", wie sie lachend sagt. Landsmann hat viel gesehen und gehört. Das Viertel, das von der Fürstenbergstraße im Westen bis zum Schifffahrter Damm im Osten reicht, sei schöner geworden, aber auch teurer. "Die Mieten sind ziemlich gestiegen", so die Verkäuferin. Sie schaut durch das Fenster der Bäckerei auf ein Mehrfamilienhaus in der Erphostraße und sagt: "Das sind jetzt alles Eigentumswohnungen."

Zentral und damit teuer

Die Preisspirale dreht sich, so viel steht fest, auf dem gesamten Wohnungsmarkt in Münster immer weiter. Es gibt nur wenige Ausnahmen an den Rändern der Stadt. Das Erpho-Viertel zählt zu den zentralen und somit teuren Gegenden. Grundstücke kosten einen Quadratmeterpreis von inzwischen bis zu 1000 Euro, wie der "Wohnungsverein von 1893" in seinem neuen Geschäftsbericht schreibt. Darin heißt es weiter: "Auf solchen Grundstücken ist die Errichtung teurer Eigentumswohnungen wirtschaftlich darstellbar, Geschosswohnungsbau für Bürger mit normalen Einkommen rechnet sich nicht mehr."
Auch Kneipenchef Karsten Franek versucht sich zu erinnern. Seit mehr als zwei Jahrzehnten steht er im "Kling-Klang" hinter der Theke. "Die Veränderungen haben schon vor 15 Jahren begonnen", sagt er nach kurzem Grübeln. Damals war das Viertel noch fest in Studentenhand und das "Kling-Klang" eine Studentenkneipe. Heute zählt Franek zunehmend Familien zu seinen Gästen.

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Berenike Gais (l.) sieht das bunte Miteinander im Viertel bedroht und fordert Milieuschutz. (c) M.Billig


"Wir haben eine schöne Mischung im Viertel", sagt Berenike Gais. Jüngere und Ältere, Studenten und Familien, Menschen mit kleinem Einkommen und Wohlhabende lebten harmonisch zusammen. Gais wohnt mit ihren beiden Söhnen seit vier Jahren in dieser Gegend. Sie schwärmt für das Viertel und seine Bewohner. Im Sommer holten Studenten ihre Couches nach draußen und grillten auf der Straße. Beim Viertel-Fest öffneten die Menschen ihre Haustüren und Gärten. "Es ist ein buntes Viertel", so Gais. Die Harmonie aber, die ist gefährdet.

260 Millionen Euro mit Eigentumswohnungen

In Münster werden jährlich mehr Eigentumswohnungen gehandelt als Sozialwohnungen vermittelt. Die Zahl der Neubauten steigt stetig. "Gebäude, die man vielleicht noch hätte bewohnen können, werden abgerissen, um auf den Grundstücken Eigentumswohnungen zu bauen", sagt der städtische Vermessungsdirektor Karl Wendland. Wendland ist Mitglied im Gutachterausschuss, der jährlich den Grundstücksmarktbericht für Münster herausgibt. 2012 wurden mehr als 400 Erstverkäufe von Eigentumswohnungen erfasst. Daneben wechselten rund 900 Objekte aus vorhandenem Bestand die Besitzer. Insgesamt wurden bei Geschäften mit Eigentumswohnungen circa 260 Millionen Euro umgesetzt. Die neuesten Zahlen sollen sich auf einem ähnlich hohen Niveau bewegen, wie Karl Wendland aus dem noch unveröffentlichten Marktbericht für 2013 verrät. Die Verkaufspreise erreichten mit durchschnittlich rund 3500 Euro für den Quadratmeter einen neuen Höchststand.
Das Idyll um den Staufenplatz hat schon einen dunklen Fleck. Der Fahrradladen im Eckhaus in der Gereonstraße 33 steht leer. Ende vergangenen Jahres ging dort das Licht aus. Der Händler wurde vom neuen Miteigentümer des Hauses vor die Tür gesetzt.
Gleiches fürchteten Bewohner, als sich ihnen die Firma in einem Brief als neuer Hausbesitzer vorstellte und noch im selben Schreiben ankündigte, die Wohnungen sanieren und verkaufen zu wollen. Für das Mietverhältnis habe dieses Vorhaben keine Bedeutung, hieß es beschwichtigend. Um misstrauisch zu werden, genügte aber ein Blick in die Nachbarschaft, wo ein anderes, von derselben Firma übernommenes Haus bereits leer gezogen war. "Die wollen uns am liebsten hier raushaben", ist sich ein Bewohner sicher.

Wer kauft, will Rendite

Was sich in der Gereonstraße 33 abspielt, bezeichnen Experten als Umwandlung. Eine Wohnung zur Miete wird aufgehübscht und in Eigentum umgewandelt. Das passiert in Münster rund 200-mal im Jahr. Die Käufer sind wie bei vielen Immobiliengeschäften längst nicht immer Eigennutzer. Oftmals handelt es sich um Anleger, die eine Rendite auf ihre Investition erwarten. In der Folge können Mieten steigen und neue Bewohner einziehen.
M.Billig

In diesem Eckhaus in der Gereonstraße 33 werden Wohnungen zur Miete in Eigentum umgewandelt. (c) M.Billig


Berenike Gais befürchtet, dass die "schöne Mischung" durcheinander geraten und das Erpho-Viertel sich zu einem Reichen-Quartier verändern könnte. Münsters teuerstes Pflaster, das Kreuzviertel, dient ihr als warnendes Beispiel: "Alles wurde modernisiert und verdichtet." Ein wohlhabendes Viertel entstand, aber die Vielfalt verschwand, wie Gais findet.
Im Oktober 2013 versammelten sich Mieter der Gereonstraße 33 und Nachbarn im "Kling-Klang" . Sie beschlossen, sich nicht so einfach vertreiben zu lassen und sammelten Unterschriften für den Erhalt des Fahrradladens. "So eine Initiative hat es noch nie im Viertel gegeben", sagt Verkäuferin Sylvia Landsmann. Doch seitdem ist es um das Eckhaus wieder ruhig geworden. Der Radhändler ist weg. Auch die ersten Bewohner ziehen aus. "Sie wollen sich den Stress mit der Sanierung nicht antun", erzählt eine junge Frau im Treppenhaus.
Im Sommer sollen die Bauarbeiter kommen, berichten Bewohner. Ob sich diejenigen Mieter, die bleiben wollen, ihre alte Wohnung nach der Modernisierung noch leisten können, ist unklar. Um die zunehmende Verdrängung Alteingesessener zu stoppen, fordert Berenike Gais von der Lokalpolitik sogenannten Milieuschutz für das Erpho-Viertel. "Luxussanierungen müssen eingeschränkt und günstiger Wohnraum erhalten werden", sagt sie. Es klingt wie eine leise Hoffnung.

Dieser Text ist auch in der Münsterschen Zeitung erschienen.

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