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Menschen - Konstruktionen
KULTUR | FILMFESTIVAL (15.06.2005)
Von Michael Billig
Von Menschenhand geschaffene Menschen sind künstliche Menschen. Sie heißen Frankenstein, Robocop oder Golem und sind in der Geschichte des Films schon immer ein Thema. Längst sind sie auch außerhalb der Kinos anzutreffen

... und die Grenzen zwischen einem "echten" und einem "künstlichen" Menschen fließen dahin. Eine Computerstimme erteilt uns am Telefon Auskunft, digitale Charaktere werben für Produkte und animierte Figuren führen uns durch eine Computerspielewelt.

Sie wurde am 25. Dezember 1968 in Wimbledon geboren, hat die Blutgruppe AB, brünette Haare, braune Augen, ist 1,75 Meter groß und 58,9 Kilogramm schwer. Wer ihr in die Quere kommt, wird kurzerhand erledigt. Ihr Name: Lara Croft. Sie vereint körperliche Reize mit Kraft und Intelligenz. Die Schauspielerin Angelina Jolie stellt dieses Wesen aus einer virtuellen Welt auf der Leinwand dar und transportiert sie in die Realität. Es geht um die perfekte Frau. Eine künstliche Frau? Sind nicht auch durch Schönheitsoperationen veränderte Menschen künstliche Menschen? Oder gar Klone: könnten sie noch "echte" Menschen sein? Was ist künstlich, was natürlich? Wohin wird diese Entwicklung führen? Ist auch ein künstlicher Mensch ein Individuum? Oder: Wodurch wird eine digitale Figur im Film glaubwürdig? Worin besteht ihre Faszination?

Diese und andere Fragen stellen die Macher des 6th eDIT Film Award. In einem 30-Sekunden-Streifen können junge Talente bis zum 7. September ihre Antworten darauf geben. Festivalsleiter Sebastian Popp, ein "echter" Mensch in seinem Sinne, schrieb in einem E-Mail-Interview mit iley noch über "künstliche" Menschen ganz anderer Art:

Wie sind Sie auf das Thema "Künstliche Menschen" gekommen?
Wenn man sich wie wir seit vielen Jahren mit den digitalen Möglichkeiten des Produzierens von Bewegbild beschäftigt, liegt eine Thema wie "künstliche Menschen" bzw. "digitale Charaktere" ziemlich auf der Hand. Es ist außerdem für den Nachwuchs ein sicherlich spannendes aber auch sehr ambitioniertes Wettbewerbsthema. Weil so einfach es ist mit "digitalen Sets" jede Sorte von Räumen, ganze Städte oder was auch immer am Computer nach zu bauen, so schwer sind die "natürlichen" Dinge wie Menschen zu machen. Wobei es sicher auch einen großen Anteil an Einreichungen geben wird, der sich eher im Sinne von Robotern mit dem Thema auseinandersetzen wird.

Wenn Sie an künstliche Menschen denken, an welche Filme denken Sie da auch?
Und an welche Begegnungen in der Realität?

Für mich ist nach wie vor Frankenstein der Vater aller künstlichen Charaktere. Als ich noch jünger war, war ich auch ein großer Fan von R2D2. Die meisten Jungs stehen wohl irgendwie auf Roboter und auch ich hätte manchmal gerne einen, der mir einen Teil der immer wiederkehrenden Routinearbeiten abnimmt.
Leider bin ich bisher noch keinem wirklich künstlichen Menschen im wahren Leben begegnet. Ich weiß auch nicht, ob ich das wirklich wollen würde. Es gibt unter normalen Menschen schon ausreichend Personen, die irgendwie künstlich wirken. Diese Spezies ist doch stärker vertreten, als man gemeinhin so denken sollte.

Werden Schauspieler irgendwann überflüssig sein?
Das ist eine spannende Frage, die in der VFX-Community (VFX=Visual Effects, Anm.d.Verf.) auch immer wieder gerne diskutiert wird. Und es ist tatsächlich so, dass an einigen Ecken der Welt an der Lösung dieser Frage gearbeitet wird. Mit dem Stand von heute würde ich aber dennoch klar sagen: nein. Es gibt (und wird mehr und mehr geben) künstliche Welten, die von künstlichen Figuren bespielt werden. Es ist auch sicher ein Traum vieler Produzenten, sich ihre Stars am Rechner zu bauen und dann mit diesen digitalen Schauspielern ohne jede Form von Begrenzungen arbeiten zu können. Keine Überstunden, immer verfügbar, einmal entwickelt für immer im Besitz usw. Auch durch den Kinder- und Jugendschutz komplizierte Produktionen wären so aus produktionstechnischer Sicht leichter zu machen. Aber wer will das sehen? Zu einem echten Star gehört halt doch eine Menge mehr - und Kino braucht Stars. Die müssen sich aber im wahren Leben bewegen: lieben, leben, Seitensprünge machen, Emotionen haben und am Ende auch noch rauchen - heimlich. Eben all diese Sachen, die einen "echten" Menschen ausmachen, müssen Stars machen, um Stars zu sein.

Was ist Ihrer Meinung nach natürlich am Menschen?
Wow, jetzt wird's philosophisch. Ich würde zunächst einmal sagen, es gibt ja (noch) keine "falschen" Menschen - also keine Avatare, Roboter mit menschenähnlichen Eigenschaften oder ähnliches. Aber sicherlich sind eine Menge Menschen "falsch" im Sinne von unnatürlich oder unauthentisch. Was an Menschen allerdings natürlich ist, dürfte sehr stark von der Position des Betrachters abhängen. Ich finde es zum Beispiel völlig natürlich, dass Menschen gerne Zigaretten rauchen. Es dürfte aber eine ganz Menge Menschen geben, die das überhaupt nicht natürlich finden. Ähnlich dürfte es sich mit dem Konsum von Fleisch oder dem Tragen von landesüblichen Trachten verhalten, denke ich. Ich finde die Menschen natürlich - um mich nicht völlig dieser Frage zu entziehen-, die wissen, was sie wollen im Leben. Mit wem sie etwas bewegen wollen, auf welche Art sie das zu machen wünschen - und die sich nicht eine Rolle suchen, die sie dann nur mäßig spielen können.


Weiterführende Links
http://www.eD-ward.deThe 6th eDIT Film Award

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