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Ein Film kann die Welt nicht verändern, aber...
KULTUR | ETHNO-FILMFEST (15.09.2006)
Von Jörg Rostek
Das 3. Ethno-Film-Festival im Programmkino Cinema in Münster zeigte vom 13. bis 16. August 2006 elf Dokumentarfilme aus aller Welt. Joachim Wossidlo, der Kurator des Filmfestes und selbst Dokumentarfilmer, führte die knapp 200 Zuschauer durch bemerkenswerte Kultur- und Lebenswelten.

Der politische Dokumentarfilm in Deutschland befindet sich in einer Krise. Dementsprechend gering ist die Neugier des Publikums. Dabei gibt es viel zu sehen. "Ein Film kann die Welt nicht verändern, aber er kann zeigen, dass sie veränderbar ist", sagt Peter Heller, der Regisseur des Dokumentarfilmes "Mutterjahre". Dieser und die weiteren zehn Filme im Überblick:

1. "Anni from Paanajärvi" (Russland)

Das Budget eines Dokumentarfilmers ist klein, der Zeitaufwand aber recht groß. Vor allem dann, wenn man langfristig Ereignisse verfolgen möchte. Sechs Jahre lang begleitete der Finne Lasse Naukkarinen die Bewohner der kleinen karelischen Stadt Paanajärvi in Russland. Dabei musste er mit 60 000 Euro auskommen. Karelien ist das Herz der finnischen Kultur. Die Teilung Kareliens zwischen Russland und Finnland sind das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges. Die deutsche Taktik der verbrannten Erde fügte der finnischen Architektur erheblichen Schaden zu. Deshalb steht Paanajärvi auf der Liste des Weltkulturerbes. Als aber der Planungsentwurf der russischen Behörden für einen Atommeiler die Überflutung der karelischen Stadt heraufbeschwört, müssen die Bewohner handeln. So erlebt der Zuschauer die Restauration der Stadt. Wie dort ein Sägewerk entsteht und damit Arbeitsplätze. Wie einzelne Häuser wiederbelebt werden. Wo sich einst, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das Ende der wirtschaftlichen Tätigkeit einstellte, regt sich was. Alte mit Rücken, von Arbeit und Sorgen gekrümmt, nehmen die Säge in die Hand. Junge träumen vom eigenen Haus, von einer Zukunft mit Frau und Kindern. Dabei singen sie Lieder, die das Leben lieben und Hoffnung auf bessere Zeiten versprechen. Zusammen ein Haus bauen, aus Holz, und der Herbst drückt die Wolken. Bäume zu Brettern, so soll es sein. Bretter, die die Welt bedeuten. Dann fällt der Schnee. Ohne Gummistiefel geht hier gar nichts. Das Land der Gummistiefel. Die Zeit verrinnt, immer noch ist das Dorf in Gefahr.
Ausgelassenheit und Tradition. Gesänge, Speise der Heimat. Und Alkohol. Lieder über die geliebte Familie. In Zeiten des Schnees schafft Familie Behaglichkeit. Dann kehrt der Frühling wieder. Die jungen Männer haben ihre Dorfkleidung gegen Blaumänner eingetauscht. Vergangenheit tritt in Form verstaubter Gegenstände zutage. So gleicht die Modernisierung einer verfallenen Hütte, einer archäologischen Expedition. Vergangenheitsgegenwart. Dann kommt der Sommer. Die Kleider werden kürzer. Karelien geht es nun besser. Alles verlief nach Plan. Man kann es kaum glauben. Mit vereinten Kräften konnten sie das Dorf bewahren.

2. "My Uncle, the Patriarch? (Iran)

Plötzlich im Iran. Das Publikum hat sich vervielfacht. Iran ist aktuell. Vor allem Iranerinnen haben es sich in den roten Kinosesseln des Cinema bequem gemacht. Unter Anwesenheit des Regisseurs Abbas Yousefpour sieht das Publikum einen Film über iranische Familienverhältnisse und was mit ihnen geschieht, wenn das Familienoberhaupt strauchelt oder gar fällt. Der Onkel des Regisseurs ist Familienoberhaupt und Schuhgroßhändler auf einem Basar in Boroundjerd. Dann kam der Autounfall. Vor der Kamera zeigt sich die Familie gelassen, geradezu ausgeglichen. Vergangenheit ist, dass der Patriarch einst drohte seine Frau zu enthaupten in der Nacht. Und es scheint bereits viel in dieser Familie geweint worden zu sein. Nun ist der Patriarch ans Haus gefesselt, wie früher die Kinder es waren. Weil er seine Kinder immer um sich haben wollte, verhinderte er ihre Studienpläne. "Ist es nicht schöner, wenn alle Verwandten sich lieben und sich ständig treffen", sagt er.
Davon hält die iranische Jugend allerdings wenig. "Das Schuhgeschäft ist tot", sagt sein Sohn, "ich will nicht wie mein Vater handeln. Die Leute haben kein Vertrauen mehr zueinander."
Also wandert man aus. Die materiellen Bedürfnisse überlagern die emotionalen. Da helfen auch keine Familienfeste. "Ich finde jeder sollte in seinem Land bleiben. Das Regime ist nicht gut, aber ich bin bescheiden", spricht der Patriarch.
Berufswünsche der Enkel: Physikerin, Anwältin, dem Land dienen, Computerfachkraft, Essen und Schlafen gehen, Lebenskünstler. Wie schwer ist es einen Film über die eigene Familie zu drehen? Was will man zeigen, was lässt man im Verborgenen? "Iranische Filmemacher werden vom Regime unterdrückt und haben deshalb auch große finanzielle Probleme. Das Staatsfernsehen ist parteiisch und möchte die Filme unabhängiger Filmemacher nicht zeigen", sagt Abbas Yousefpour. Später erfahre ich von einer iranischen Studentin, dass sie vor dem Regime geflohen sei, weil Studierende, die sich in der Opposition befinden, erschossen werden.

3. "Just Married" (Palästina/Israel)

Israel/Palästina. Ehe, Bräutigam in schwarz, Braut in weiß vor der israelischen Schutzmauer. Beide wirken als sei gerade ein naher Verwandter gestorben. Beide senken mitleiderregend den Kopf, dabei werden sie fotografiert. Die Regisseurin Ayelet Bechar zeigt den Alltag zweier palästinensischer Paare, die unter dem israelischen Staatsbürgerschaftsgesetz leiden: die Bewohner der palästinensisch verwalteten Gebiete dürfen nicht mehr nach Israel einreisen, auch dann nicht, wenn ein Ehepartner Israeli ist. So wird ein gemeinsames Leben nur durch Beantragung von "Familienwiederzusammenführung" möglich, ist aber bei weitem nicht garantiert. Durch die israelische Schutzmauer gibt es kein drunter und kein drüber. Bevor die Mauer zuende gebaut ist, müssen sich viele Menschen entscheiden, auf welcher Seite der Mauer sie leben wollen. Das zerreißt Familien. Ein Visa kostet ungefähr 1 000 US-Dollar. So wird die Geburt eines Kindes zu einem Politikum. In welchem Hospital soll die Ehefrau niederkommen? In einem palästinensischen? In einem israelischen, die besser ausgestattet sind? Auch deshalb wandern Paare nach Deutschland aus. Hier jedoch, in der Fremde heißt es, sich zurecht finden. Eine Ausländerbehörde in Deutschland. Es herrscht reger Andrang. Das Paar bekommt einen Termin, an dem es alle weiteren Papiere mitbringen soll. Kaum haben sie die Behörde verlassen, beginnt die Frau zu weinen, weil ihr alles unbekannt ist, in diesem Land. "Weine nicht", sagt ihr Mann, "es gibt Menschen, die Leben seit über hundert Jahren hier und kennen sich nicht aus."

4. "The Veil Unveiled" (Jemen)

Der Schleier ist, das sei wohlbemerkt, ein modisches Accessoire. Das Verschleiern ist eine Kunst. An der Art ein Kopftuch anzubringen, erkennt man den sozialen Status. "Tatsächlich habe ich mir den Schleier nicht ausgesucht. Das hat meine Familie für mich getan", spricht eine Muslima. Was trägt die Frau von heute unter der Burka? Jeans und Turnschuhe? Diese und ähnliche Fragen werden in dem Film von Vanessa Langer beantwortet. Die Art, wie der Schleier über die Haare fällt, wie er gebunden ist, das alles spricht eine eigene Sprache, die nur Eingeweihte verstehen können. Was ist, wenn Wind aufkommt? Werde ich dann entschleiert? Ist meine Burka dann lang genug? Die Burka, der Vollkörperschleier ermöglicht den Frauen Emotionen zu verstecken. Nur die Augen und die Hände sind sichtbar. Männer fürchten sich hierbei besonders vor den Augen. "Jetzt bin ich zehn, wenn ich zwölf bin, werde auch ich die Burka tragen und so schön sein wie meine Mutter." Eine unkomplizierte Auseinandersetzung mit einem komplizierten Thema.

5. "Misafa Lesafa - Language to Language" (Israel)

Ist Sprache Identität? Was ist meine Sprache? Meine Heimat? Wenn ein Mensch vielsprachig aufwuchs, sich ständig auf der Flucht befand, welche Sprache wird er dann sprechen und warum wird er sich für genau diese eine Sprache entscheiden?
Es sind zehn Dichter, Musiker, Schauspieler, Schriftsteller und Philosophen, die von ihrem Leben erzählen. Ein Leben, das sie irgendwann zur hebräischen Sprache führte, so dass sie sich dafür entschieden, sie zu sprechen und das obwohl sie nicht ihre Muttersprache ist. Sie wuchsen mit Büchern auf. In französisch, ungarisch, russisch, deutsch. Sprachgänger sind sie. Nurith Aviv hat einen Film geschaffen, der im Zuschauer den Eindruck erweckt, das einsprachig aufgewachsen zu sein, ein Makel ist, ein Versäumnis. Möchte man mit ihnen deshalb tauschen? Mit Menschen, die soviel Leid und Unsicherheit erlebt haben und schließlich im Hebräischen ihre Heimat, ihr Ruhelager fanden? Sprache ist die Heimat des Geistes und die Menschen in diesem Film beweisen, dass man sie sich aussuchen kann. Sprache ist Geschenk und Bürde. Ebenso können Sprachen im menschlichen Bewusstsein Kämpfe führen. Die Siegersprache gewinnt den Menschen als Verbündeten.

6. "On Edge" (Portugal)

Bemalte Hauswände und Kinderfüße auf Gras. Tanzende Mädchen und rangelnde Jungen. "Manchmal verhauen wir die Kinder aus den Reichenvierteln", sagt ein Mädchen in die Kamera. Es ist Fußballeuropameisterschaft in Portugal. In Lissabon hängen Fahnen. Es ist aber nicht der Fußball, der in diesem Film von Catarina Mourao im Mittelpunkt steht, sondern es sind die Kinder.
Sie spielen Fußball, verfolgen gebannt die Spiele der portugiesischen Nationalmannschaft. Sie sammeln und tauschen Sticker und dann... Tor! Kinderlachen, Kinderjubel! Dann reden sie über ihr Leben am Rande der Gesellschaft. Ihr Leben in der Hochhaussiedlung in einem der ärmeren Viertel der Stadt Porto. Sie sprechen über ihre erste Liebe, Freundschaften. Schüchtern sind sie nicht. Vor allem Rui nicht. Rui hat heute Geburtstag. Nun ist er dreizehn. Tamara ist gleichaltrig. Sie sagt: "Wenn die Jungen versuchen mich anzufassen, dann gebe ich ihnen eine Ohrfeige. Das wichtigste für mich ist das Lernen." Sie lügt, ihr Gesicht verrät sie. Es ist die Aufgabe eines Dokumentarfilmers, genau diese Momente einzufangen. Ein anderer Junge wollte immer schon Torwart werden, war aber nie erfolgreich. Besonders im letzten Spiel hat er versagt, so dass viele Tore fielen und seine Mannschaft haushoch verlor. "Wenn man einen Traum nicht verwirklichen kann, dann muss man ihn vergessen", sagt er.
Halbstarke stehen am Straßenrand. "Portugal ist ein kleines Land. Es wird immer das kleine Land am Meer bleiben. Man sieht die Kinder der Reichen, die immer reicher werden. Hauptsache wir haben hier keine Kriege." Das Portugal im Finale steht ist gut für unseren Stolz", so sagen sie. Leider wird die portugiesische Nationalmannschaft gegen Griechenland verlieren. Das Entsetzen ist groß. Auch bei den Kindern Tränen über Tränen. Aus der Traum.

7. "Kommune der Seeligen" (Deutschland)

Gute Regisseure recherchieren gründlich. So zeichnet es den nächsten Film aus, das seine Entstehungszeit fünfundzwanzig Jahre beträgt. Der Regisseur war dabei des Gutdünken des Ältestenrates der Hutterer ausgeliefert. Die Hutterer sind die direkten Nachfahren der Wiedertäufer der Reformationszeit. Heute leben sie, die Städte meidend in wohlhabenden Gemeinden. In Klaus Stanjeks Film erfahren wir Genaueres, denn die Hutterer haben nicht nur ihren Glauben, sondern auch einen "Manager". Der Manager der Gemeinden teilt Pakete aus. "Eins für jede Seele", sagt er. "Wir haben 181 Seelen." Ebenfalls haben die Hutterer 7 000 Hektar kanadisches Land. Das bewirtschaften sie, um die Gemeinde zu versorgen - und zwar durchaus nach ausgefeilten ökonomischen Prinzipien. Da sind gute Beziehungen zur Regierung wichtig. Sowie auch das Kennen der Getreidepreise.
Den Namen Hutterer haben sie sich nicht selbst gegeben. Sie wurden so genannt. "Wir sind Christen", sagt der Manager. Hutterer lernen deutsch. Sprechen deutsch mit starkem englischen Akzent. Sie arbeiten hart - wie auch ihre Kinder. Sie säen und ernten, produzieren Milch, Seife und Fleisch. Tiere werden maschinell geschlachtet. Der Weg der Hutterer sei der schmale Weg, das schlechte im Menschen hinter sich lassen, seinen Feind lieben und für ihn beten.
"Gott hat uns aus der Rippe des Mannes gemacht, damit wir ihm zur Seite stehen", meint eine Frau. "Den Hutterern etwas über Sexualität oder Dinosaurier beizubringen, ist tabu", meint die Lehrerin aus dem Nachbarort. "Ich bin schon einmal weggelaufen. Bin aber wieder zurückgekommen", berichtet eine weiteres Gemeindemitglied, und schnell wird deutlich, dass auch hier Probleme nicht weggebetet werden können, sondern konkreten Lösungen bedürfen. "Practice what you preach. Das ist ein großes Ding?, meint ein Prediger der Gemeinde. "Ein Glaube, ein Sinn, alles eins. Nun werden wir nicht mehr verfolgt von der Welt. Jetzt werden wir verfolgt von unserem eigenen Fleisch und Blut."

8. "Ghanaien Video Tales" (Ghana)

"Video ist ein Segen für Afrika und der Produzent verdient Geld", sagt der Produzent. Filmemacher aus Ghana erzählen ihre Geschichte - wie sie zum Film kamen, wie sie überhaupt auf die Idee kamen, Filme zu machen. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten schaffen sie Filme, die in erster Linie unterhalten sollen. "Die meisten Leute glauben, Geld könnte ihre Probleme lösen und das Geld Frauen fängt. Es ist aber die Frau, die Dich fängt."
Auf den afrikanischen Märkten stapeln sich die Videos und warten auf Käufer. In Ghana ist Video zugänglicher als Kino. Das lohnt sich für die Videoindustrie, die dort Handarbeit ist. Als wäre es Wahlkampf fahren Lastwagen durch die Stadt, nur dass sie nicht um Stimmen werben, sondern Videos zum Kauf anbieten. Im Wagen spielt die Blaskapelle. Sex und Geld, Aberglaube und Religion, vermischen sich in den ghanaischen Filmen. Teufel, Dämonen, Schlangen und schöne Frauen.
Da ist zum Beispiel die Geschichte von Diabolo. Als Diabolo noch ein kleiner Junge war, schloss seine Mutter mit dem Teufel einen Pakt - um keine Prostituierte mehr sein zu müssen und um Köchin zu werden. Der Teufel gewährte ihr die Bitte, aber nur unter der Bedingung, dass sie niemals eine ihrer Speisen zu sich nehmen darf. Da eines Tages das Essen besonders gut roch, an einem Tag, an dem die Mutter ihre Vorsicht vergaß, passierte es trotzdem. Auf der Stelle verwandelte sich der kleine Junge in eine Schlange. Seitdem verwandelt er sich immerzu. Aber wenn er im Körper einer Schlange in die Vagina einer Frau eindringt und sich danach zurückverwandelt hat, spuckt die Frau Geld. Jeder in Ghana kennt "Diabolo", genauso wie "Judgement Day - The Prince of Doom" oder "Abbadon Eins und Zwei". Allesamt Horrorfilme, allesamt erfolgreich, alle mit System. Sie sind Metaphern für die Ausbeutung der Frau. Das Geld, das dabei verdient wird, blutet. Dabei werden die Annehmlichkeiten des Geldes nicht verheimlicht, aber die damit zusammenhängenden Probleme betont. Die Zuschauer glauben, dass das, was sie in den Filmen sehen, die Wahrheit ist. Der Aberglaube ist tief verwurzelt. "Der chinesische Film kam und ging, der indische Film kam und ging, der Cowboyfilm kam und er ging. Aber der Film aus Ghana wird bleiben, weil er von Ghana für Ghana mit Ghana durch Ghana gemacht ist", spricht der Produzent.

9. "Mutterjahre" (Deutschland)

Peter Heller, der berühmte Dokumentarfilmer, ist anwesend. Der Film beginnt. "Tach, Mama, und sonst? Bequem da unten?" Ein Grab in Köln. Und ein Sohn. "Aber irgendwie sehen wir uns alle wieder, in einer besseren Welt", so sagt er, denn Mama hatte Krebs. Neun Kinder hat sie zur Welt gebracht und umsorgt, während Papa zum Wohle der Familie schuftete. Von der kleinen Papapagaiensiedlung in die Mietwohnung im Mehrfamilienhochhaus war es ein großer Schritt. "Ein Häuschen, das ist mein Traum und dass ich eines Tages im Lotto gewinne", sagt er. Statt eines Lottogewinns hat die Familie allerdings Fernsehen. Das Fernsehen ist das Fenster zur Außenwelt. Peter Heller, der Regisseur, kennt die Familie gut, schließlich hat er sie jahrelang begleitet, in guten wie in schlechten Zeiten. Er hat mit ihr gelitten und sich mit ihr gefreut.
Aber Familienmitglieder sterben. Zuerst war es die Mutter, danach Hansi, der Sohn und Bruder. Hansi starb an schwachem Herzen und den Folgen des Drogenmissbrauchs. Besonders hart jedoch traf die Familie der Tod der Mutter. Danach waren sie paralysiert. "Mutterliebe kann Glück und Gefängnis zugleich sein", meint Peter Heller. Wenn das Liebste stirbt, stirbt die Welt. Der Mutter Grab wird täglich von ihrem Mann und den Kindern besucht und gepflegt.
"Bildung hilft gegen Arbeitslosigkeit", sagt Peter Heller, denn ursprünglich sollte Mutterjahre ein Film über Armut in der Wohlstandsgesellschaft werden. Schließlich wurde es nicht nur das, sondern auch ein Film über große Gefühle, in dem das politische zwar mitschwebt, aber nicht offensichtlich ist. Der deutsche politische Dokumentarfilm hat bereits großes hervorgebracht, jedoch unbeachtet von einem breiteren Publikum.

10. "The Age of Reason" (Indien)

Das Doon School Project, das anerkannteste Elite-Internat Indiens ist Thema von David MacDougalls Film. Man erlebt Kinder, nur Jungen, die mit dicken Koffern durch die Türe des Internats in ein neues Leben eintreten. Sie kommen aus allen Teilen Indiens. Morgen ist der erste Schultag. "Habt keine Angst vor mir", sagt der Lehrer. "Ich kann euch höchstens den Kopf abreißen. Bei mir gibt es keine Tests und keine Noten, weil ich nicht glaube, dass sie Eure Intelligenz messen. Ihr seid nicht in Konkurrenz miteinander, aber Ihr könnt Euch selbst überbieten. Stürmt zur Tafel und schreibt, wenn Ihr eine Antwort wisst."
Nach der ersten Schulstunde erhalten die Schüler eine Führung durch die Bibliothek. "Ihr nehmt Euch jetzt alle ein Buch, egal welches, aber nehmt Euch ein Buch", spricht die Bibliothekarin. Jeder einzelne Junge bekommt von der Schule ein "Schulbuch" in das er seine Gedanken schreiben kann. Das Taschengeld der Kinder liegt auf der internateigenen Bank. Die Jungen benötigen eine Kontokarte, um ihr Geld abheben zu können. Im Krankheitsfall, ab auf die Krankenstation. Unterrichtssprache ist Englisch. In den Ferien fahren die Schüler nach Hause. "Familie ist die erste Schule, in die man geht", spricht kleiner indischer Junge und wirkt dabei mit seinen zehn Jahren sehr weise. Und er hat einen Grundsatz: "Ich will nichts lernen, was mich nicht interessiert."

11. "Sisters in Law? (Kamerun)

Der elfte und letzte Dokumentarfilm des Ethno-Film-Festes 2006 stammt von Kim Longinotto, deren Lebensaufgabe es ist, hinter den Vorhang und hinter die gesellschaftliche Kulisse zu blicken. Warum sind die Zustände, in denen Frauen weltweit leben, so schlecht? Dieser Film, war in dieser Form, nie geplant. Die Röntgenmaschine am Flughafen hatte die ursprünglichen Aufnahmen zerstört. Das Filmteam kehrte aber um und drehte erneut. "Guten Morgen, Rechtsabteilung K.", spricht die Sekretärin der Anwaltskanzlei Woman Lawyer Association kurz und knapp in den Telefonhörer, denn sie haben viel zu tun.
Er gab ihrem Vater 50 000 Franc und ein Schwein. "Damit sind die nicht verheiratet. Nur weil sie Geld geben und ein Schwein, sind sie nicht verheiratet. Es ist ihr Kind und sie hat das Sorgerecht. So seid ihr Männer, setzt Kinder in die Welt, aber heiratet die Mütter nicht", weist die Anwältin Madame Ngassa einen Mann zurecht. Eine alltägliche Szene im Büro der Rechtsanwältin. Ein anderer Mann schlägt seine Frau. Auch das ist ein Fall für die Rechtsabteilung. "Ich kann nicht zurück", sagt die Ehefrau. "So habe ich mich entschieden. Er hat mich immer nur beleidigt." In Kamerun ist es schwer derartige Entscheidungen gegen den Willen der Familienangehörigen durchzusetzen. Aber zum Glück gibt es Ngassa. Sie zerreißt sogar Heiratsurkunden.
Ein kleines Mädchen berichtet Madame Ngassa, wie es vergewaltigt wurde. Ein Mann, der in ihrer Nähe wohne, so sagt sie, habe sie gebeten für ihn einen Schwamm zu kaufen. Nachdem sie wiedergekommen war, band er sie auf das Bett und dann, so sagt sie, "war alles voller Blut." Später wird sie ihre Geschichte in einem Gerichtssaal wiederholen. Der etwa dreißig Jahre alte Mann wird entgegnen, dass alles gelogen sei. Er habe den ganzen Tag in der Bibel gelesen. Die Richterin wird den Angeklagten zu neun Jahren Gefängnis und Zwangsarbeit verurteilen. Danach soll er als illegaler Einwanderer nach Nigeria ausgewiesen werden. Die Richterin sagt in ihrem Schlusswort, der Angeklagte sei ein Pädophilier, der sich hinter der Bibel verstecke. "In unserer Gesellschaft sind Männer immer noch brutal", sagt sie nach der Gerichtsverhandlung.
"Meine Tante hat mich geschlagen", spricht eine Sechsjährige. Am ganzen Körper hat sie blaue Flecke. Ihr rechtes Auge ist blutunterlaufen. Sogar einige Äderchen sind geplatzt. "Bringen sie mir die Frau und wenn sie nicht will, nehmen Sie sie fest." Die Narben auf dem Rücken des Kindes, so stellt sich bald heraus, wurden ihr mit einem Kleiderbügel zugefügt. Sie sind unzählbar und hässlich. Das Mädchen heißt Monka. Sie ist sehr still. So pocht dieser Film auf die Rechte der Frauen. Besteht darauf, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben. Dafür kämpft die Woman Lawyer Association in Kamerun. Eine klare Botschaft an die Männer.

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