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Was würde Jesus sagen?
GESELLSCHAFT | ESSAY (02.04.2010)
Von Denis Mohr
Sozialpolitik – Bürde zweier Welten. Ein Blick auf die Schnittstelle zwischen Machtmathematik und Christen-Moral, am Beispiel des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Unter freundlicher und totaler Nichtberücksichtigung von Guido Westerwelle, Peter Sloterdijk und anderer derzeit populärer Top-Down-Krakeler.

Findus

(c) Findus


1606 beschloss das Pariser Parlament, alle Erwerbslosen und Bettler, die sich dreisterweise dabei erwischen ließen, arm zu sein, mögen auf einem öffentlichen Platz ausgepeitscht, mit einem Brandmal gekenntzeichnet, kahlgeschoren und aus der Stadt gejagt werden. Um diese ökonomische und gesellschaftliche Gesundungsmaßnahme zu zementeiren, wurden im darauf folgenden Jahr Bogenschützen an den Stadttoren postiert, die alle Mittellosen an der Rückkehr hindern sollten. 1656 erging ein Edikt zur weiteren Eindämmung öffentlich zur Schau gestellter Besitzlosigkeit. Paragraph neun des Papiers erklärte: "Wir verbieten ausdrücklich allen Personen, gleich welchen Geschlechts, wie alt und woher, welcher Abkunft und welches Standes sie auch sein mögen, seien sie Invaliden oder nicht, krank oder gesund, heilbar oder unheilbar, in der Stadt und den Faubourghs von Paris, ebenso in den Kirchen und vor den Toren, an Haustüren und auf den Straßen oder an anderen öffentlichen Stellen bei Tag und bei Nacht, zu betteln. [...] Bei Zuwiderhandlung droht Auspeitschung beim ersten Mal, beim zweiten Mal für Männer und Knaben die Galeeren, für Frauen und Mädchen die Verbannung."
Es bedarf keiner überregen Fantasie, sich vorzustellen, dass dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch bei dieser Idee ein wohliger Schauer durch den Spinalkanal zittert. Roland Koch, wendiger Rechtsausleger mit dem Hang zu kurzen, hart geschlagenen Geraden, hat im Laufe seiner politischen Karriere schon oft unter Beweis gestellt, dass er sich darin gefällt, mit schwerem Schuhwerk nach den Schwächsten und Angreifbarsten der Gesellschaft zu treten, sie an den Pranger zu stellen und sich aus ihren kahlgenagten Schädeln ein goldenes Podest zu errichten. Lächelnd greift er zur Verbalkeule und fühlt sich selten gehemmt, mit gewaltigen Axthieben tiefe Kerben in alles zu treiben, was in einem Sozialstaat mit humanistischer Grundausrichtung als selbstverständlich zu gelten versucht. Dabei verfügt er über das charmante Auftreten eines großen Leberegels (Fasciola hepatica), die Moral eines tollwütigen Dachses und die hirnweiche Angriffslust eines galleschäumenden, vom Leibhaftigen besessenen Kreuzritters auf dem Weg nach Jerusalem. Keine schelchten Basisqualifikatinen für einen Politiker von Format.

Das Abschreckungselement

Im Jahr 1999 tankt sich Koch, im hessischen Wahlkampf auf vermeintlich aussichtlosen Posten gegen Amtsinhaber Hans Eichel, mit einer Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft der rot-grünen Bundesregierung an die Macht. Im Wahljahr 2007/08 gerät er, diesmal als amtierender Ministerpräsident, wieder in Bedrägnis. Die Umfragen zeigen: Nicht nur seine absolute Mehrheit ist dahin, möglicherweise reicht es nicht einmal zur Wiederwahl. Angeschlagen bläst er zum Angriff und adressiert mit seinen Attacken erneut die in Deutschland lebenden Migranten. Zunächst fordert er ein Burkaverbot für muslimische Schülerinnen, was ihm allerdings noch keinen Zugewinn einbringt. Dann, wie gerufen, überfallen am 21. Dezember '07 ein 20-jähriger Türke und ein 17-jähriger Grieche in einer Münchner U-Bahn-Station einen Rentner, verletzen und beschimpfen ihn. Mit beiden Händen schöpft der Wahlkämpfer Koch aus dem Pool xenophober Ressentiments und poltert gegen "multikulturelle Verblendung" und "zu viele junge kriminelle Ausländer".
Januar 2010: Dank der hessischen SPD, die 2008 eine mögliche rot-rot-grüne Regierungsbildung versaubeutelte, sitzt Koch, anstatt sich wie ein geprügelter Hund noch immer die Wunden zu lecken, als Ministerpräsident wieder relativ sicher im schwarz-gelben Sattel und kann erneut den Säbel zücken. Doch Ausländer und Muslime sind erstmal passé. Der Rechtskonservative und Wirtschaftsliberale, der für seine radikale Kantigkeit sogar in den eigenen Reihen gefürchtet wird, will dem faulen, nutzlosen Pack an den Kragen. In einem Gespräch mit der "Wirtschaftswoche" fordert Koch rigorose Arbeitspflicht für Hartz IV-Empfänger. Unter allen Umständen müsse verhindert werden, dass die Existenz auf Hartz IV-Niveau als "angenehme Variante" des Lebens empfunden werde. Wenn es jemals des Beweises für betriebsblinde Realitätsferne ab einer gewissen politischen Blickhöhe bedurft haben sollte, finden wir ihn hier, im Phantasma vom angenehmen Leben als Empfänger staatlicher Leistungen im Deutschland dieser Tage. Aber nicht angenehm ist noch nicht jedem unangenehm genug: "Wir müssen jedem Hartz-IV-Empfänger abverlangen, dass er als Gegenleistung für die staatliche Unterstützung einer Beschäftigung nachgeht, auch niederwertiger Arbeit, im Zweifel in einer öffentlichen Beschäftigung". Ein Arbeitslosenhilfe-System könne nicht funktional sein, ohne ein „Element der Abschreckung“ zu enthalten. Abschreckungselement - Ein Wort, unter dessen Oberfläche man die Peitschen knallen und die Brandeisen zischen hört. Die Bogenschützen beziehen Posten an den Stadttoren. „Mittelalterlich“ nannte Klaus Ernst, stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion der Linkspartei, Kochs Vorstoß.

Sammelbecken billiger Arbeitskräfte

Am 27. April 1656 wird in Paris das Hôspital général gegründet, eine gewaltige Internierungsanstalt, deren Aufgabe qua königlichem Edikt von Beginn an lautet „Bettelei und Müßiggang als Quellen jeglicher Unordnung" zu unterbinden. In ganz Europa enstehen Kasernierungsstätten, in denen die Mittellosen zusammengepfercht werden. 1697 schließen sich verschiedene Gemeinden im englischen Bristol zusammen, um das erste "Workhouse" zu errichten. Von da an verbreiten sich ähnlich geartete Ballungshorte des materiellen Elends bald über den gesamten Kontinent - eine Reaktion auf die ökonomischen Gegebenheiten der Zeit. Eine spanische Wirtschaftkrise drückt die Löhne, lässt das Geld knapp werden und treibt die Zahl der Erwerbslosen rasch in die Höhe.
Die Armen werden also nicht mehr als Gezeichnete aus der Stadt gepeitscht. Wegsperren lautet das neue Säuberungscredo. Der nächste Entwicklungsschritt ist folgerichtig. Weshalb die Müßiggänger auf Staatskosten unterbringen und in der Untätigkeit verweilen lassen? John Carey, der das Konzept des ersten Workhouses in Bristol entwickelte, stellt in den Statuten der Einrichtung fest: "Die Armen beiderlei Geschlechts und jeden Alters können als Hanfflechter, zur Flachsbearbeitung und -spinnerei, zum Kardätschen und Spinnen der Wolle benutzt werden." So geschieht es. Die Internierungstätten werden als Sammelbecken billiger Arbeitskräfte erkannt – und genutzt. Die menschlichen Ressourcen haben, ihrer freien Entscheidungfähigkeit verlustig gegangen, Wochensölle im Spinnen, Weben, Holz raspeln etc. zu erfüllen, auf dass sie der Prosperität des geschundenen Wirtschaftssystems dienstbar sein mögen.
Bald schon verfällt man darauf, die Arbeitskraft der Internierten privaten Unternehmen zur Verfügung zu stellen. So auch anno 1708 im Hôspital général. Das Prinzip ist geläufig: Das Unternehmen stellt die Rohstoffe und erhält dafür fertige Produkte zu niedrigsten Fertigungskosten. Der Gewinn wird zwischen Unternehmen und Einrichtung geteilt. 1781 kommt man gar auf die Idee, Internierte statt Pferde in ganztägiger Schichtarbeit zum Fördern von Wasser einzusetzen.

Kostengünstige Hartz IV-Sklaven

Wir nähern uns Kochs Grundintention. Staatliche Entrechtung des Erwerbslosen, um seine Produktivkraft zur Profitmaximierung der Privatwirtschaft zu verleihen. Denn wenig anderes leisten die Hartz IV-Gesetzte schon heute, wenn sie Arbeitslose zwingen, jeden Job zu jedem noch so niedrigen Lohn anzunehmen, um die Differenzsumme zur Höhe des Regelsatzes aus der Staatskasse zu zahlen. Dumpinglohn-Politik, die Privatunternehmern nur Freude machen kann. Aber Koch will es noch doller. Er will auch die immer noch zu teuren Pferde, die die „niederwertige Arbeit“ verrichten, durch kostengünstige Hartz IV-Sklaven ersetzen. Er will es strafender, züchtigender und effizienter für seine politische Klientel. Man mag es als christlich-kapitalistischen Treppenwitz verstehen, dass die staatliche Optimierung der Produktionsverhältnisse zu Gunsten der Arbeitgeber so mühelos mit einer moralischen Sanktionierung der Untätigkeit ineins gebracht werden kann. Bleibt die Frage, ob diese Art des staatlichen Eingriffs in die Wirtschaft noch guten Gewissens dem Laissez-faire-Prinzip zugerechnet werden darf?
Unser kleiner historischer Exkurs neigt sich gen Ende, doch zum Abschluss kann er uns noch einen ökonomischen Ausblick bieten. Der Effekt dieser billigen Produktionstätten, mit denen man der periodisch aufwallenden Armut im Europa des 17./18. Jahrhunderts entgegenzutreten gedenkt, führt in der freien Wirtschaft zur Unterminierung der Entlohungsmoral und damit zur Steigerung der Armut, da der Lohnwert der Leistung eines internierten Zwangsarbeiters dem eigentlichen Wert einer gleichwertigen Leistung nicht entspricht. Daniel Dafoe bemerkte dazu: "Man gibt den einen, was man den anderen nimmt, setzt einen Vagabunden an die Stelle eines anständigen Mannes und zwingt diesen, sich eine andere Arbeit zu suchen, um seine Familie zu ernähren." Selbiges ergibt sich, wo Hartz IV-Empfänger zu Tätigkeiten herangezogen werden, die man, möglicherweise, sinnvoll entlohnen müsste, um reguläre Arbeiter zu gewinnen. Aber die Maxime "Nachfrage bestimmt Angebot" ziert sich schließlich seit je, auch auf das Verhätnis von Arbeitgeber zu Arbeitnehmer angewendet zu werden.

Grundnahrungsmittel der Macht

Lenken wir unsere Blicke zurück auf die Person Roland Koch. Er, am 24. März 1958 in Frankfurt am Main geboren und gerne nach Maul und Manier als legitimer Nachfolger der dicken bayrischen Kampfsau Franz Josef Strauß gesehen, sei "kein Moralpolitiker“ sondern "ein Machtmathematiker", schreibt sein Biograph Hajo Schumacher. Das Spannungsfeld der Begriffskonstellation „Macht – Moral“ findet in Koch eine interessante Implikation. An ihm lässt sich stellvertretend für eine ganze Schar von Akteuren gleichen Typs, innerhalb und außerhalb der Politik, zeigen, wie und wo es zwischen diesen Begrifflichkeiten knistert, wie und wo sie ineinander überschlagen, sich verbeißen, verzahnen, Symbiosen eingehen und sich heimlich und liebevoll an intimen Stellen streicheln. Man könnte die zu Grunde liegende Frage kindlich-naiv formulieren: Wie kann der Christenmensch Roland Koch, römisch-katholisch erzogen und hoher Funktionär einer Partei, die ein einst bedeutungsschwangeres C auf der Kriegsfahne der Bürgerlichkeit führt, wie kann ein Mann, der sich in BILD-Zeitungs-Interviews über kriminelle Ausländer gerne auf „christlich-abendländische“ Werte beruft, an einer derart zynischen Herzensverhärtung leiden? Wie wäre ein solcher Mann, ein solcher Hardliner, politisch mit seinem eigenen Heiland umgesprungen? Mit Jesus Christus, dem eingeborenen Gottessprößling und Menschensohn, der in Fleisch und Blut unter die Sterblichen geboren ward, irdischen Besitz und Gier ablehnte, die Gleichstellung aller vor seinem jenseitigen Thron versprach, vagabundierte statt zu arbeiten, mit sanftem Lächeln gegen irdische Machtstrukturen rebellierte, sich unter die Armen, Aussätzigen und Huren begab, sie vor allen anderen seine Kinder nannte und die Nächstenliebe gegenüber jedem, sei er der niedrigste oder höchste, lehrte? Eine berechtigte Frage, denn zumindest in den kanonischen Schriften lässt Jesus nirgends durchblicken, man möge die Armen und Unglücklichen admnistrativ zu Billiglöhnen an die Industrie verhökern. Wie würde der Machtmensch Koch diesem arbeitsscheuen, sozialrevolutionären Hippie und Zimmermannssohn begegnen?
Sicher, die Verachtung für den Müßiggang, den Koch im Hartz IV-Emfänger wirksam sieht, und die daraus resultierende ethische Verpflichtung zur Arbeit sind bereits in der biblischen Genesis angelegt. Gott gab den Menschen das Leben im Paradis, ohne Mühe, Qual und Arbeit. Doch sie versauten es, wurden hinausgeworfen und ihr Fehl wurde durch die Bürde der Mühsal bestraft. Fortan musste die Frau unter Schmerzen gebären und der Mann den Äckern im Schweiße seines Angesichts die Ernte abringen. Der Mensch verspielte sein Recht auf Müssiggang durch Ungehorsam. Arbeit ist Buße an Gott. Punkt für Koch. Auch in der Frage, ob Christentum mit irdischer Machtmathematik kollidiere oder korreliere, macht er augenscheinlich Boden gut. Die Impulse des Urchristentums liegen schon lange entleibt im Staub. Als der römische Kaiser Konstantin sich, machtstrategisch clever, zum Christentum bekehrte, legte er den Grundstein zur Umformung der erklärten Liebes- und Freiheitsreligion zum Macht- und Herrschaftsinstrument. Ab diesem Zeitpunkt wurde die christliche Moral von der Macht assimiliert und wird in einem bis heute fortschreitenden Prozess stetig in ihr Gegenteil metabolisiert. Moral ist seit je Grundnahrungsmittel der Macht.

Der Großinquisitor

Wir finden den Prototypus Koch, und somit die Antwort auf die Frage, wie ein scheinchristlich aufgeblähter Machtzyniker mit dem leibhaftigen Jesus Christus umgehen würde, in der Weltliteratur präfiguriert. Fjodor Dostojewski, selbst herzentflammter Christ, verhandelt die Thematik in "Der Großinquisitor", dem fünften Kapitel des fünften Buches seines Romans "Die Brüder Karamasow". Iwan, der Atheist, erzählt seinem Bruder Aljoscha, dem Gläubigen, in alkoholseliger Stimmung die Geschichte vom Großinquisitor, die er ersonnen, aber nie aufgeschrieben hat.
Die Handlung trägt sich im Sevilla des 16. Jahrhunderts zu, der Zeit der spanischen Inquisition, "als zum Ruhme Gottes täglich die Scheiterhaufen loderten“. Jesus beschließt, eineinhalb Jahrtausende nach seinem Tod am Kreuz, noch einmal in seiner damaligen Gestalt unter den Menschen zu wandeln. Der Zeitpunkt, den er dafür aussucht, ist nicht ohne Brisanz. Noch am Tag zuvor wurden annährend hundert Häretiker auf Befehl des Kardinal-Großinquisitors dem Scheiterhaufen zugeführt. Doch der erneut Menschgewordene wandelt unbeirrt umher und alle erkennen ihn, folgen ihm, beten ihn an. Er tut Wunder, gibt einem erblindeten Greis unter den Blicken der freudigen Menge das Augenlicht zurück und lässt eine Siebenjährige im Dom von Sevilla von den Toten auferstehen. In diesem Moment überquert der Großinquisitor, ein fast neunzigjähriger Greis, den Domplatz, erblickt den Zurückgekehrten und lässt ihn, ohne vom umstehenden Volk behindert zu werden, verhaften und in den Kerker werfen.
In der folgenden Nacht begibt sich der Greis alleine in die Zelle des Gefangenen, um ihm seine baldige Hinrichtung anzukündigen. Auf die eingangs gestellte Frage "Bist du es? Ja!" fährt der Kirchenmann ohne eine Antwort abzuwarten fort: "Antworte nicht, schweig! Was solltest du auch sagen? Ich weiß genau, was du sagen willst. Und du hast gar kein Recht, dem etwas hinzuzufügen, was du früher schon gesagt hast. Warum bist du gekommen, uns zu stören? Denn du bist gekommen, uns zu stören, du weißt das selbst. Aber weißt du auch, was morgen geschehen wird? Ich bin nicht informiert, wer du bist, und es interessiert mich auch gar nicht, ob du Er selbst bist oder nur eine Kopie von Ihm. Schon morgen jedoch werde ich dich verurteilen und als den schlimmsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrennen, und dasselbe Volk, das heute deine Füße geküßt hat, wird morgen auf einen Wink meiner Hand herbeistürzen und Kohlen für deinen Scheiterhaufen heranschaffen.“ Es folgt eine langer Monolog des Großinquisitors. Jesus selbst spricht die ganze Zeit über kein einziges Wort.
Der Kardinal setzt seinem Gegenüber auseinander, sein neuerliches Erscheinen auf Erden zerstöre die wohlfein ausgesponnene Illusion der Freiheit, die die römsich-katholische Kirche den Menschen in den letzten Jahrhunderten mühsam eingepflanzt habe. Immerhin habe die Kirche die ursprüngliche Lehre von Liebe und Freiheit des Gewissens nicht lediglich zur Vollendung gebracht, sondern durch Verkehrung in ihr Gegenteil sogar verbessert. Jesus habe die Menschen zu hoch eingeschätzt, als er meinte, ihnen durch Erlösung die Freiheit schenken zu können. Der Mensch sei jedoch seiner Veranlagung nach "schwach, lasterhaft, bedeutungslos und rebellisch", weshalb er sich nicht von seinen irdischen Bedürfnissen lösen könne. "Du versprachst ihnen himmlisches Brot, doch [...] Lässt sich das in den Augen des schwachen, ewig lasterhaften und ewig undankbaren Menschengeschlechts mit dem irdischen Brot vergleichen? Hättest du das "Brot" [bei der ersten Versuchung durch den Teufel in der Wüste; Anm. d. A] angenommen, so hättest du damit einem allgemeinen und ewigen menschlichen Sehnen entsprochen, dem Sehnen jedes einzelnen Menschen genauso wie dem der gesamten Menschheit, jenem Sehnen, das sich in der Frage ausdrückt: Wen soll ich anbeten? Es gibt für einen Menschen, der frei geblieben ist, keine unausweichlichere, dauerndere, quälendere Sorge, als möglichst rasch jemand zu finden, den er anbeten kann." Die Kirche habe den Menschen wahre Freiheit geschenkt, indem sie das Verlangen nach irdischer Befriedigung anerkannte und ihn zugleich durch dogmatisches Reglement von der unerträglichen Verantwortung erlöste, selbst zwischen Gut und Böse wählen zu müssen. Der Großinquisitor verdeutlicht, dass in einer derart wohl justierten ethischen Maschinerie ein Glaube, der zur Freiheit anleitet, und auch Gott selbst nur noch Schmuckwerk sein können, da der Mensch ob seiner Fehlbarkeit ohnehin nicht in der Lage sei, das automatisierte Wechselspiel der Setzung und Verwerfung von ordnender Autorität zu durchbrechen. "Sie schufen sich Götter und riefen einander zu: Entsagt euren Göttern und betet unsere an – oder Tod euch und euren Göttern! Und so wird es sein bis ans Ende der Welt, selbst wenn die Götter aus der Welt verschwinden. Das macht den Menschen nichts aus, dann werden sie eben vor Götzen niederfallen."
Das Gespräch endet mit dem Verstummen des Großinquisitors, der nun auf eine Erwiderung wartet. Doch Jesus bleibt wortlos, nähert sich seinem Scharfrichter und drückt ihm als einzige Antwort einen sanften Kuss auf die blutleeren Lippen. Der Greis schreckt zurück, öffnet die Zellentür, entlässt den Gefangenen in die Nacht und ruft ihm hinterher: "Geh und komm nicht wieder! Komm überhaupt niemals wieder! Niemals, niemals!"

Vielleicht glauben sie gar nicht an Gott

Da haben wir ihn also, den christlichen Machtzyniker. Wir haben mit Dostojewskis Hilfe die Typologie eingerahmt, aus deren nur scheinbar bigottem Nährboden die Roland Kochs erwachsen. Diese Jesuiten der Jetztzeit, deren Bestreben Aljoscha konstatiert, als er mit seinem Bruder über die Bedeutung der Geschichte vom Großinquisitor debattiert: "Es handelt sich um das einfachste Verlangen nach Macht, nach schmutzigen irdischen Gütern, nach Ausbeutung, nach einer neuen Art von Leibeigenschaft, wobei sie natürlich selbst die Gutsbesitzer werden möchten. Das ist alles, was sie wollen. Vielleicht glauben sie gar nicht an Gott." Vielleicht glauben sie nicht an Gott - und an die Basismoral der christlichen Lehre ebenso wenig. Müssen sie auch nicht. Nächstenliebe ist durch Prozesse ersetzte worden. Prozesse, in deren innerer Logik es sich nicht verbietet, die Armen, Schwachen, Ausgestoßenen und Bedürftigen zu entmenschen, sie zu ökonomischen Faktoren niederzurechnen und in die Zwecke eines als Gemeinwohl getarnten (Wirtschafts-)Systems einzuflechten. Der an der Oberfläche schillernde Widerspruch von machtmathematischer Menschenjonglage und Christentum ist aufgehoben. Die Tragkraft einer urchristlichen Moral ist invertiert und ohne Effizienzverlust in systemische Mechanismen überführt. Koch und die seinen haben sich einen neuen Götzen errichtet, wie der Großinquisitor es prophezeit hat. Und im Angesicht dieses neuen Totems prangt, grimmig und eitel, die hässliche Sine-qua-non-Fratze eines neoliberalen Leistungsethos. So hören wir den hessischen Ministerpräsidenten, wie er im meckernden Kanzelton dem kahl geschorenen, gebrandmarkten und aus der Stadt gepeitschten Jesus hinterher brüllt: "Geh und komm nicht wieder! Komm überhaupt niemals wieder! Niemals, niemals!"

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