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Ein ganz gewöhnlicher Tag
GESELLSCHAFT | DEPESCHE VON NIAS (15.03.2006)
Von Catharina Weule
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Es ist Freitag morgen, acht Uhr, ein ganz normaler Tag. Es klingelt an der Tür. Das erste Mal als Weihnachtsmelodie, das zweite Mal als piepsende Version eines Uralt-Schlagers. Ganz normal?

Ganz normal auf Nias, der vom Erdbeben im März letzten Jahres so schwer getroffenen indonesischen Insel. Und es ist NGO-Alltag.
Yusuf (Foto) steht vor der Tür. Seines Zeichens Niasse und Fahrer für eine der vielen NGO's, die sich hier, auf dieser Insel im indischen Ozean tummeln.
Für gewöhnlich trägt er sein blaues, viel zu großes Hemd mit Leopardenmuster und bunten Vögeln bedruckt, eine fesche Sonnenbrille, Hose und Gummilatschen. So steht er lässig, an den Türrahmen gelehnt und wünscht schmunzelnd allen einen "Selamat Pagi", einen "Guten Morgen". Nach dem wir alle in unserem Auto versammelt sind, wird erst einmal die gerade aktuelle Lieblingskassette eingeworfen. Wir starten dann, von "Queen", "Bob Marley" oder "Nirvana" begleitet in unseren ganz normalen Tag.

Von Leuchttürmen, die laufen können
An manchen Tagen sieht so ein ganz normaler Tag vor, Einrichtungsgegenstände für Haus und Büro zu erwerben. An Yusufs Seite schleppe ich mich dann also, umgeben von einer natürlichen Sauna (es ist extrem heiß und meistens beträgt die Luftfeuchtigkeit 95 Prozent und mehr) als wandelnder Leuchtturm, schweißgebadet, von Geschäft zu Geschäft, weil entweder die Preise zu hoch, oder die Qualität zu schlecht ist, bis zu dem Laden, wo entweder der Preis stimmt oder er den Besitzer kennt, wohlmöglich mit ihm verwandt ist. In seinem Beisein bin ich aber noch nie, wie sonst schon übers Ohr gehauen worden.
Auf Grund meiner weißen Hautfarbe, der blonden Haare, der geraden, langen Nase, Piercings und blauen Augen steche ich überall hervor, ob ich will oder nicht. Meine Körpergröße ist sicherlich auch nicht unwichtig, weil ich so gut wie alle Menschen hier um mindestens einen Kopf überrage.
Immer dabei: eine Schar Neugieriger, die mit einem "Hello Mister" ein Gespräch anfangen, oder einfach nur mal was sagen wollen. Es spielt auch generell keine Rolle, ob der Angesprochene ein Mann oder eine Frau ist. Fast jeder versucht mit irgendeiner Art von verbalem Ausdruck, auf sich aufmerksam zu machen. Anscheinend hat irgendwer, irgendwann mal irgendwo gehört, wie irgendwer zu einem irgendjemand anderen "Hello Mister" gesagt hat. Seit dieser Zeit hält sich das Gerücht hier auf Nias hartnäckig, dass man Weiße mit "Hello Mister" anspricht und die wenigsten wissen, dass sich dies eigentlich nur auf Männer bezieht. So benutzen es Niassen eben für jeden. Egal ob Mann oder Frau. Das "Pssst" gehört in die selbe Kategorie von Anreden. So zischen sie (meist Männer) einem ins Ohr, vielleicht mit der Hoffung, ich würde mich umdrehen und ein Gespräch anfangen. Ich weiß ehrlich gesagt selbst oft nicht, was genau das bezwecken soll. Allerdings kann ich mir mittlerweile selbst nur zu gut vorstellen, wie sich die ersten Ausländer in Deutschland gefühlt haben müssen.
Hin und wieder entstehen etwas unangenehme Situationen, beispielsweise umringt von halbstarken, neugierigen, leicht angetrunkenen vorwiegend männlichen Niassen. Yusuf passt auf mich auf, darauf kann ich mich immer verlassen und ehe man sich versieht, mischt er sich ein und manövriert mich aus solch unpässlichen Lagen, ohne Anwendung irgendwelcher Gewalten wieder heraus.

Hüter der Viecher
An manchen Tagen gibt es auf einmal besonders viele Katzen, Hunde und Hühner in unserem Büro und das, obwohl wir weder Katzen, Hunde oder Hühner hier halten. Woher kommen die? Und dazu klingen sie, wie erkältet. Auf dem Hof steht des Rätsels Lösung: Yusuf. Auf die Frage, warum er miaut, bellt oder kräht gibt er die logischste aller Antworten: "Ich hatte einfach Lust dazu." Wir müssen dann beide lachen. Fester Bestandteil eines ganz normalen Tages!

Ist der Tag dann dem Ende nah, chauffiert Yusuf uns à la Rock'nRoll behutsam über die Straßen, die mehr aus Löchern, als aus Straße bestehen, nach Hause, um am nächsten ganz normalen Tag unsere Morgenroutine mit den kitschigen Klingeltönen zu erhellen.

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Zvetonina08.10.2010
Durch Deine Artikel überzeuge ich mich wieder, dass ein globales menschliches Gleichgewicht nie existieren wird, solange es Macht, Gier, Konkurrenz letzendlich zu viel Reichtum und zu viel Armut gibt..denn ein Naturereignis kann sehr schlimm sein..aber besonders schlimm ist es an den ärmsten Orten, wo die Menschen früher ! (von den grossen) versklavt, erobert, kolonisiert wurden und noch Diktatur erleben mussten..AIDS und und ...
Und ja, ich überzeuge mich auch immer wieder dass es auch Menschen gibt, die sich nicht nur sagen, ja ich möchte gerne helfen, sondern es wirklich tun: die alles zu Hause stehen lassen und den Mitmenschen helfen..
JA, und nochmal wenn Du nicht wärest, hätte ich mir jetzt um diese Uhrzeit oder ehrlich überhaupt in meinem jetzigen Alltag im ZAR keine Gedanken darüber gemacht.

Zvetonina07.10.2010
Zdravei Kak si ? ;)

Es ist doch unfair..Die sehr gut entwickelten Länder beitragen sehr viel für die Naturkatastrophe,die meistens in den ärmsten Ländern ausbricht..
"PSst psst" :) ,kenne ich auch von den Gangs in Wedding..aber als einzige blonde und dazu sympathische Frau..es ist natürlich nicht zu vergleichen..
LG
die TH2 ;)

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