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Missratenes Pashtunenporträt
KULTUR | BUCH & DOKTORARBEIT (25.03.2013)
Von Christian Sigrist †
"Segmentäre Sozialstrukturen und demokratische Staatsbildungsprozesse: Ein politisch-soziologisches Portrait der Paschtunenstämme im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet" - Diesem jüngst im Promotionsverlag Dr. Kovač erschienen Buch liegt eine Doktorarbeit zugrunde, die trotz eklatanter Mängel mit "summa cum laude" benotet wurde. Unser Rezensent deckt die Schwachstellen auf und stellt Fehler richtig.

In dem Buch der Politikwissenschaftlerin Katrin Lehmann sollen die Pashtunen den Antagonismus von Stammesstrukturen und state building veranschaulichen. Zugleich soll ihre Bedeutung für regionale und internationale Konflikte dargestellt werden. Das soziologische "Porträt" der Pashtunen zeichnet Lehmann auf 30 Seiten. Sie führt es fort auf weiteren 40 Seiten, in denen der "machtpolitische" Rahmen, in dem sich die Stämme bewegen, abgesteckt wird. Ihre Abhandlung schließt mit politikwissenschaftlichen Bemerkungen über den "Demokratiefrieden". Damit wird das "Demokratietheorem", das Lehmann bereits zu Beginn thematisiert, noch einmal behandelt. Das gesamte Buch zählt 155 Seiten Text, einige Karten und eine unbrauchbare Bibliographie.

Dem "Porträt" fehlt freilich jede Anschaulichkeit - auch weil die Verfasserin sich aus "Sicherheitsgründen" auf keine Besichtigung des "Feldes" eingelassen hat. Diese Begründung stimmt zwar für Afghanistan, sie gilt jedoch nicht für große Teile Pakistans einschließlich der pashtunischen Siedlungsgebiete (ausgenommen die FATA, die tribal agencies). Katrin Lehmann hat auch nicht die Möglichkeiten empirischer Annäherung in Deutschland mit rund 80.000 Immigranten genutzt; dabei wäre sie auf die von mir betreute Dissertation der ersten afghanischen Botschafterin Maliha Zulfacar (Afghan Immigrants in the USA and Germany) gestoßen. Sie hätte auch für den von einem Ex-BW-Piloten gegründeten Hilfsverein für pakistanische Katastrophenopfer tätig werden und so eine Mitflugmöglichkeit finden können...

Bibliographische Fehler und Lücken

Das Buch ist vor seinem Erscheinen als politikwissenschaftliche Dissertation an der Universität Münster angenommen worden. Die Gutachter, die Professoren Meyers und Eickelpasch, erteilten das Prädikat summa cum laude. Meyers fehlt die fachliche Kompetenz, um ein solches Thema zu betreuen. Die folgende Kritik polemisiert nicht gegen die Promovierte, sondern gegen beide Gutachter, die unglaubliche bibliographische Fehler und Lücken passieren ließen:
Max Weber wird nur im Text sekundär erwähnt, ebenso Schumpeter. Das bis heute grundlegende Buch von Mountstuart Elphinstone über das Kabuler Königreich (1815) findet sich ebenfalls nicht in der Bibliographie, dafür wird dieser Diplomat und Wissenschaftler mit falsch geschriebenem Namen im Text sekundär erwähnt (S. 84); Olaf Caroes The Pathans wird überhaupt nicht aufgeführt. Das Gleiche gilt für James Spain, der die auch von Lehmann übernommene Formel vom größten Gürtel freier Stämme geprägt hat.
###bild00000511###Unverständlich ist, dass der Ex-Minister Rangin Spanta, der die segmentäre Theorie in die afghanische Debatte einbrachte, ebenso übersehen wird wie Zirakyars Dissertation über den Pashtunistan-Irredentismus. Auch Vogelsangs meisterliches Werk The Afghans scheint unbekannt, ebenso wie Max Klimburgs von der UNESCO herausgegebenes Afghanistan-Buch.
Diese Lücken können auch nicht durch die von mir veröffentlichten und von der Verfasserin angegebenen drei Texte geschlossen werden. Schon gar nicht durch Steuls brav-deskriptives Pashtunwali-Buch.
Skandalös ist, dass ein wichtiger Autor über das Ethnizitätsproblem in Afghanistan, Conrad Schetter, durchgängig als Schettler vorkommt und sein Hauptwerk nicht in der Bibliographie auftaucht.
Ein durchgehender Mangel ist die unzureichende Kenntnis bedeutender Monographien. Statt dessen werden Kurztexte aus Aufsatzsammlungen benutzt, ohne dass das erforderliche Grundwissen für eine sinnvolle Verwendung solcher Auszüge gegeben ist. - Offensichtlich wurden der Verfasserin wichtige "handwerkliche Grundlagen" nicht vermittelt. Das hätte spätestens dem Betreuer und dem Zweitgutachter auffallen müssen.

Elphinstone übersehen

Das Pashtunenkapitel beginnt schwungvoll mit einem Rekurs auf Ibn Khaldun. Aber übersehen wird, dass dessen Analyse der Stadt-Land-Verhältnisse im Maghreb entstanden ist und sich nicht ohne Weiteres auf Zentralasien übertragen lässt. Nicht zuletzt deshalb, weil die historische Dynamik sich auch hier nicht mit einem zyklischen Modell einfangen lässt. Es wird auch nicht versucht, einen Bogen zu schlagen zu Fredrik Barths Swat Pathans-Monographie, in der die segmentäre Theorie von ihrer regionalen (Afrika-)Fixierung befreit wurde. Die Affinität von Ibn Khalduns asabiya zur "mechanischen Solidarität" Durkheims wird ebenfalls übersehen.
Die Verfasserin verpasst die Chance, den im Titel angegebenen Zusammenhang der Themenkomplexe auf der Basis von Elphinstones grundlegendem Buch über das Kabuler Königreich darzustellen. Sie hat, wie viele andere, nicht begriffen, dass Elphinstone der erste Theoretiker segmentärer Gesellschaften gewesen ist, auch wenn er diesen später von Durkheim gebildeten Begriff nicht kennen konnte. Durkheims Division du travail social wird zwar in der Bibliographie als französischer Originaltitel angegeben; die Interpretation schließt sich aber eng an die Regulierte Anarchie an, der darin formulierte Verweis auf die organische Solidarität fehlt aber bei Lehmann.

Das state building in Afghanistan ist gescheitert, aber das ist nicht neu

Die Pashtunen werden entsprechend den Kategorien der segmentären Theorie (genealogische Strukturen, solidarische Verwandtschaftskollektive, komplementäre Opposition) richtig dargestellt; auch die Aporie von Staatsbildung in einem von segmentären Stämmen bestimmten Milieu ist richtig elaboriert. Akephalie und Egalität werden als zentrale Kategorien der politischen Anthropologie vermittelt. Nur: dieser gesamte monographische Teil enthält außer einigen Fehlern überhaupt keine neuen Informationen. Im Übrigen hätte zur Vermeidung rassistischer Assoziationen die Übersetzung von tribal als "stämmisch" unterbleiben sollen.
So richtig die negative Einschätzung der Kompatibilität von segmentären Strukturen und Zentralstaatlichkeit ist (S. 153), sie kann nicht als innovativ eingeschätzt werden. Spätestens seit 2006 ist das Scheitern des state building in Afghanistan mithilfe externer Impulse offensichtlich. Wer Elphinstone gründlich gelesen hat, konnte dies schon zu Beginn der alliierten "Befriedungs"kampagne erkennen. Bei der Analyse der Zentralstaatsproblematik hätte die Kenntnis von Marcel Mauss' Differenzierung von Nationalstaat und Reich - nur im 3. Bd. der ¼uvres auf Französisch zugänglich - für größere Klarheit sorgen können. Ebenso hätte Southalls Begriff des "segmentären Staates" berücksichtigt werden müssen.

Das Swattal - mehr als eine Fußnote!

Ein rein auf Pashtunen fokussiertes Porträt ist nicht realistisch: Die Pashtunen haben in konfliktreicher Symbiose mit anderen Völkern gelebt. Die isolierende Darstellungsweise Lehmanns stellt die "Ghilzai"-Pashtunen als die "Generäle" in den Kämpfen mit Invasoren dar; die überragende Rolle des Pamir-Tajiken Ahmed Shah Masud wird "übersehen" - der Verlauf des Krieges gegen die Sowjetarmee wurde entscheidend durch das Panjirtal bestimmt (Unmöglichkeit einer dauerhaften Besetzung dieses Tals; Möglichkeit, von hier aus den Salangpass zu blockieren).
Zur pashtunischen Gesellschaft im weiteren Sinne gehörten neben den rituell hervorgehobenen Sadat Wanderhandwerker, die in einem naturalwirtschaftlichen System arbeiteten, deputatmäßig entlohnt wurden und durch Endogamieschranken von Internubium und Landbesitz ausgeschlossen waren: Schmiede, Barbiere, Wäscher, Musikanten etc.
Lehmann übergeht die von Barth gegebene Analyse der Sozialstrukturen im Swat-Tal. Das ist der seltene Fall, dass ein pashtunischer Stamm (die Yusufzai) eine nicht-pashtunische Bevölkerung überlagert und sie ökonomisch ausbeutet, während die herrschende Ethnie die egalitären Normen unter sich praktiziert. Die Begründung eines charismatischen Walitums und die Autonomie, die das Tal während der Kolonialherrschaft genoss, tauchen im Text nicht auf. Obwohl das Swat-Tal eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der segmentären Analyse einnimmt, geht die Verfasserin nur kurz in einer Fußnote (Nr. 367 auf S. 120) auf dieses Tal ein, und dies nur im Zusammenhang mit dem Scharia-Konflikt und dem Aufstand gegen den pakistanischen Staat im Jahr 2007. Sie berichtet nicht davon, dass dieses - wie sie selbst schreibt - "einzigartige Urlaubsparadies" vom pakistanischen Staat und von ihm geförderten Unternehmen wirtschaftlich ruiniert wurde (definitiv 1969).

Der Grundmangel der Literaturaufbereitung liegt in ihrer extremen Lückenhaftigkeit. Es fehlt eine solide historische Fundierung der Analyse. Gravierend sind die Fehler in der Darstellung historischer Zusammenhänge. Obwohl die Verfasserin die Rivalität der Ghilzai und der Durrani als sehr wichtig herausstellt, wird der Ghilzai Mir Wais Hotaki nicht als erster pashtunischer König in Iran und Afghanistan erwähnt. Statt dessen wird irrigerweise der turkmenische Heerführer Nadir Khan Afshar als erster pashtunischer Herrscher angegeben. Er hatte mithilfe des Abdali-Stammes 1747 die Ghilzai besiegt. Erst nach Nadirs Ermordung durch seine Qisilbash-Garde wird Ahmed Shah Abdali Durrani in Kandahar zum König gewählt. Lehmann gibt hier die richtige Darstellung von Martin Ewans (den sie in der Bibliographie "Evans" schreibt) falsch wieder. Sie kennt auch nicht die außerhalb Afghanistans liegenden pashtunischen Herrschaftsgebiete der Lodi und Suri, die auch zu den Ghilzai gezählt werden.

Unbedacht schreibt die Autorin von der "afghanischen Niederlage" gegen die Briten (S. 69). In Wirklichkeit errangen die Afghanen entscheidende Siege im Kampf gegen die Auferlegung eines Kolonialstaates.

Pashtunen wollten den König und nicht Karzai

Die Bezeichnung des aus den Petersberger Verhandlungen hervorgegangenen Regimes als "liberal-demokratisch" (S. 12) ist abwegig. Sein Repräsentant Hamed Karzai war als Pipeline-Agent in US-Diensten bekannt geworden. Seine Familie war und ist extrem korrupt. Es hätte erwähnt werden müssen, dass die Mehrheit der Pashtunen statt der Einsetzung von Karzai als Interimspräsident die Rückkehr des Königs Zaher Shah, und sei es auch nur auf die Position des Interimspräsidenten, wünschte. Zaher Shah galt den US-Strategen wegen seiner früheren Bündnispolitik mit der UdSSR als unzuverlässig. Der afghanische Soziologieprofessor Sayid Bahruddin Majruh, der nach dem Saur-Putsch nach Peshawar ins Exil ging und dort ein Informationszentrum gründete, hatte eine Befragung unter afghanischen Flüchtlingen durchgeführt, die eine große Mehrheit für die Rückkehr des Königs ergab. Wegen dieser Befragung wurde Majruh im Februar 1988 von Hekmatyar-Anhängern - und wohl mit Billigung des ISI - ermordet, nicht einfach wegen seiner "moderaten Ansichten", wie Adamec (Historical Dictionary of Afghanistan) meint.

Pashtunisher Verhaltenskodex

Die in einer Überschrift formulierte Behauptung, das Pashtunwali sei ein "Weltbild" (S. 90) ist falsch. Weltbilder finden die Pashtunen wie andere Muslime auch im Koran oder beispielsweise in Sufi-Traditionen. Das Pashtunwali ist ein Verhaltenskodex, der im Kern Regelungen auf der Ebene des Stammesrechts enthält. Ihm entspricht ein Gesellschaftsbild, das aber nicht mit einem Weltbild zu verwechseln ist. "zan, zar, zamin" (Frauen, Gold, Land) ist nicht einfach eine Wertetrias. Im Kontext des Pashtunwali bezeichnet sie die hauptsächlichen Bereiche, in denen es zu gewaltsamen Konflikten kommt.
Irrig ist Lehmanns auch von anderen Autoren vertretene Meinung, dass "kaum ein Widerspruch zwischen islamischem Recht, Gewohnheitsrecht und sozialer Identität gesehen wird" (S. 96).
Lehmann zählt zwar die Differenzen von Scharia und Pashtunwali auf (S. 97 f.), behauptet aber: "Die Pashtunen selbst halten diese Unterschiede nicht für gravierend." (S. 98) - Woher weiß sie das? - Die Ergebnisse meiner Befragung zum Pashtunwali zeigen eindeutig, dass Differenzen vor allem im Sexualstrafrecht als erheblich und "belastend" eingeschätzt werden.

Fehlende Regionalerfahrung macht sich bemerkbar

Als Folge fehlender Regionalerfahrung finden sich zahlreiche falsche Darstellungen im Buch, wie z.B. der Behauptung, "dichte Wälder" würden in Pakistan die landwirtschaftliche Nutzfläche begrenzen (S. 119). - Das war einmal. Inzwischen ist die Abholzung im gesamten Norden des Subkontinents so weit fortgeschritten, dass die Erosion regelmäßig zu Flutkatastrophen führt. Auch die Behauptung, die Infrastruktur in den FATA und den NWFP seien genauso schlecht wie in Afghanistan gewesen, ist falsch. Die Briten haben schon aus Kontrollinteresse eine ausreichende Infrastruktur geschaffen, z.B. die Khyberpass-Eisenbahnlinie und andere ###bild00000513###Eisenbahnstichlinien bis an die Grenzen der Agencies. Im Gefolge des Krieges gegen die sowjetische Armee wurden die Highways in der Grenzregion (z.B. nach Quetta) ausgebaut. Als Folge der zunehmenden Korruption hat das Eisenbahnsystem freilich erheblich gelitten. Lehmann kann die wirtschaftlichen Potenziale Afghanistans nicht realistisch einschätzen. Sie schreibt, das Land verfüge über Vorkommen an Bodenschätzen, die mithilfe des entsprechenden Know-hows abgebaut werden könnten (S. 146). Offenbar ist ihr nicht bekannt, dass seit Jahrzehnten keine Möglichkeit gefunden wurde, diese Ressourcen abzutransportieren oder vor Ort in über 3000m Höhe zu verarbeiten - einzig der chinesischen Manpower und Technologie könnte dies vielleicht gelingen.

Demokratietheorem, Transitionstheorien und Regime-Hybridtypologien

Lehmann hat dem Teil über die Pashtunen drei Kapitel über das Demokratietheorem, und die daran anschließenden Transitionstheorien und Regime-Hybridtypologien vorangestellt. Sie beginnt mit der kritischen Wiedergabe der schon früh als irrige Meinung erkennbaren Fukuyama-These vom Ende der Geschichte, das mit dem Ende des Kalten Krieges angesetzt wird. Hier hätte die Verfasserin einen Bogen zur Implosion des Sowjetsystems, das durch die Entzauberung der Sowjetarmee in Afghanistan beschleunigt wurde, schlagen können. Sie hat aber auch nicht registriert, dass mehr als eine Mio. Afghanen starben, bevor die Mauer gewaltfrei fiel.
Stattdessen räsoniert sie über das Demokratiefriedenstheorem und gibt Kants Definition des Republikanismus falsch wieder (S. 21). Die Autorin wagt sich auf ein theoretisches Niveau, für das sie nicht ausgerüstet ist.
Es ist grotesk falsch, wenn behauptet wird, dass die Modernisierungstheorie aus Luhmanns Theorie autopoietischer Systeme hervorgegangen ist und deren prominentester Vertreter M. S. Lipset sei. Begründer der Modernisierungstheorie ist bekanntlich Max Weber, der von Parsons übernommen wurde; der liberalkonservative Lipset hat sich als Demokratieforscher und empirisch fundierter Theoretiker (Klassen, Schichten und Status) einen Namen gemacht. Weder Luhmann noch Lipset stehen in der Bibliographie.
Im Übrigen übergeht der allgemeine Theorieteil die Tatsache, dass auch in demokratischen Staaten unbeschadet ihrer geringen Bellikosität untereinander gewaltsame, teils sogar militärische Konflikte stattfinden (Baskenland, Nordirland, USA); das Gewicht massiver Kriege der USA und ihrer Verbündeten gegen periphere Staaten (Guatemala, Vietnam, Irak, Afghanistan etc.) wird ebenso verkannt wie die verheerenden Kriege gegen nationale Unabhängigkeitsbewegungen in Afrika.
Auf den ersten Seiten wird der Begriff "Hybridregime" erläutert. Er bezeichnet politische Systeme, die Demokratie-Ansprüche mit dazu konträren politischen Praktiken und extremer gesellschaftlicher Ungleichheit verbinden. Zugleich wird das Modell einer zwangsläufigen Demokratisierung als Folge von Modernisierung zurückgewiesen. Diese Überlegungen beziehen sich auf Transformations- und Transitionsmodelle. Bei der Auseinandersetzung mit den Hybridregimen versäumt es die Verfasserin, die naheliegende Parallele zur Landwirtschaft zu ziehen: Hybridsorten beim Mais, Weizen etc. sind unfruchtbar und begründen daher eine dauerhafte Abhängigkeit der Nutzer von den Agrarkonzernen, ebenso wie z.B. die afrikanischen Hybridregime dauerhaft auf Subventionen angewiesen sind.
Die Autorin möchte schlicht sagen, dass es zwischen "autoritären" Regimen und demokratischen Staaten eine Grauzone mit verschiedenen Regimetypen gibt. Hybride Regimetypen erscheinen als Folge von Demokratisierungsbestrebungen (S. 159). In dieser Grauzone kann nicht erwartet werden, dass sich "Westminster-Demokratien" entwickeln. Dem stehen "traditionelle" Sozialstrukturen im Wege. Als Beispiel sollen die segmentären Pashtunen herhalten.
Die Verfasserin behauptet, das Beispiel der Pashtunen zeige, dass der Kompromis als Kern demokratischer Willensbildung kein gültiges Konzept der Entscheidungsfindung für das freie, gleichberechtigte und selbstbestimmte pashtunische Individuum darstelle (S. 19) . Die Institution der jirga besteht aber im Aushandeln von Kompromissen, insbesondere von gewaltfreien Lösungen.

China führt keine Kriege mehr

Richtig ist zwar, dass es zwischen demokratischen Staaten keine Kriege mehr gibt. Umgekehrt gilt aber auch: China führt seit dem Koreakrieg und der gescheiterten Intervention in Vietnam keine Kriege mehr. China hat eine starke Militärmacht aufgebaut; sie soll Ansprüche auf erdölreiche Inseln sowie den Anspruch auf die "Reintegration" Taiwans sichern. Militärische Einsätze finden innerhalb der VR (Tibet, Kashgar, Tianmen 1989) statt. Indien als "größte Demokratie der Welt" hingegen ist kriegsbereiter als seine Nachbarstaaten. Indien hat bereits drei Kriege gegen Pakistan geführt und befindet sich in Kaschmir in einem immer wieder auch militärisch zugespitzten Dauerkonflikt mit Pakistan. Obendrein ist die erste indische Atombombe 1974 primär aus innenpolitischen Gründen zur Explosion gebracht worden. Erstaunlicherweise übergeht die Verfasserin die Paradoxien der greatest democracy of the world, in der eine elektorale Demokratie mit Trennung von Militär und politischen Institutionen sowie einer beachtlichen Pressefreiheit gleichzeitig mit der Geltung traditioneller Kastendiskriminierung, Verfolgung und Enteignung von Minderheiten, Sklavenhaltung und Unterernährung des unteren Drittels einhergeht. Hier hätte sie ihr Konzept hybrider politischer Systeme anwenden können, statt sich im Anschluss an Huntington auf den Konfuzianismus als Bedrohung des Weltfriedens zu fixieren.

Die Verfasserin verweist auf die Schwäche der Zivilgesellschaft in Afghanistan. Sie hätte diese Defizitmeldung modifizieren können, wenn sie die Entwicklung des Bildungswesens in Afghanistan, wie sie mit großer Gründlichkeit von Craig Naumann (Books, Bullets, and Burqas) dargestellt wurde, zur Kenntnis genommen hätte. Gerade im Hinblick auf Afghanistan wäre eine Information über die Instrumentalisierung der Sozialwissenschaften durch den US-Imperialismus erforderlich gewesen. Die Universität Kabul wurde weitgehend durch die Asia Foundation finanziert. Ein von dieser Stiftung bezahlter US-Professor kontrollierte die Forschungsprojekte westlicher Länder. Während der Campus-Revolten in den USA ermittelten Studenten die Tatsache, dass diese Stiftung eine reine CIA-Gründung war. Auf der anderen Seite scheint die Ethikresolution der US-Anthropologen von 1971 unbekannt.

Lehmann wiederholt am Schluss ihre Befürwortung der Betrachtung von Integrationsmöglichkeiten traditionaler Herrschaftsmuster und plädiert für eine Befreiung der Demokratieforschung von ihrem normativen Ballast. Zuvor leistet sie sich jedoch eine obskure Einschätzung: "So verständlich die [...] Friedenssehnsucht nach dem sich abzeichnenden Wegfall der atomaren Drohkulisse des Kalten Krieges ist, so fatal [sic!] wäre doch ihr Eintreten für die Menschheitsentwicklung. Die andauernde Suche nach systemischen Veränderungen und Ergänzungen ist es letztlich, was Stabilität in das Fließgleichgewicht staatlicher Systeme und des internationalen Systems bringt." (S. 161)

Bereits vor Lehmanns Bändchen war die Münsteraner Dissertation Die Pashtunen und ihre Bedeutung für regionale und internationale Konflikte von Robert Haag (2012) erschienen. In Anbetracht der vielfältigen Literatur über pashtunische Gesellschaften ist eine Analyse ohne vorhandene regionale Kenntnisse aussichtslos. Ein Professor hätte die Autorin nie für dieses Thema engagieren dürfen. Mit dieser Dissertation sollte wohl dem Militär, mit dem man laut Meyers lernen sollte, eine Dienstleistung erbracht werden. Herausgekommen ist ein Danaergeschenk.

Weiterführende Links
http://www.verlagdrkovac.de/3-8300-6820-4.htmWie der Verlag das Buch von Katrin Lehmann anpreist
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17574Quo vadis Bundeswehr? - Christian Sigrists Kritik an der Kooperation zwischen dem Institut für Politikwissenschaft der Uni Münster und der Bundeswehr (Neue Rheinische Zeitung, 15.2.2012)

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