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Oranje im Freudentaumel
REISE | AUS HOLLAND (07.07.2010)
Von Caterina Metje
Wer in Grenznähe wohnt, kann die WM gleich doppelt genießen – vorausgesetzt, beide Länder nehmen daran teil. Also sind wir in den Zug gestiegen und nach Enschede gefahren, zum Public Viewing auf dem Oude Markt.

Schon unterwegs treffen wir eine Gruppe Erasmus-Studenten: Zwei Niederländer, ein Brite, ein Deutscher, eine Italienerin. Der Brite ist geknickt – verständlich: Das zweite Tor der Three Lions hätte gegeben werden müssen, natürlich, aber er weiß auch, dieses Spiel hätten die Deutschen so
C. Metje

Mittlerweile jubeln sie über den Einzug ins Finale. (c) C. Metje

oder so gewonnen. Tapfer erklärt er: „Unser Ziel ist 2014.“ Er zählt auf, welche deutschen Spieler er nicht leiden kann: Klose, Podolski, Schweinsteiger, Lahm, Müller, Boateng, es sind mindestens zehn. Aber so richtig hasse er nur die Italiener. Leider, fügt er in Hinblick auf seine Mitreisende leicht entschuldigend hinzu.

Der Deutsche hat gleich einen Tip für ihn: „Warum bürgern die Engländer nicht mal 'n ausländischen Torwart ein?“ Er doziert weiter: „Das deutsche Spiel hat sich in den letzten Jahren extrem verändert, vom zerstörerischen Spiel hin zum modernen Fußball. Die Argentinier sind 'n bisschen zu selbstsicher, zu arrogant. Die werden morgen aufs Maul gehauen.“ Die anderen finden: „Die deutsche Nationalmannschaft ist immer sooooooo arrogant.“

Einer der beiden Niederländer sagt, er sei in diesem Jahr für die Deutschen, jetzt wohne er ja nun mal hier. Heute trägt er aber dennoch ein T-Shirt in orange und eine blau-weiß-rote Fahne. Er hofft, dass Deutschland und sein Heimatland sich nicht im Finale gegenüberstehen: „Dann müsste ich ja nach Hause fahren, um das Endspiel zu gucken.“

Jogis Berater

Wir sind in Enschede nicht die einzigen Deutschen. Während unser deutscher Student aus dem Zug sich heute nur als Mitläufer bezeichnet, treffen wir auf dem Marktplatz einen Mann in einem T-Shirt, das ihn als Jogis Berater ausweist. Sein Handgelenk zieren Bänder in den Farben schwarz, rot und gelb, er trägt ein Sonnenhütchen in orange und die Königsflagge mit dem niederländischen Löwen.

Man gibt sich international, Samba wird gespielt, eine brasilianische Tanzgruppe tritt auf, vereinzelt Fans in der grün-gelb-blauen Flagge. Doch die dominante Farbe ist orange, die Fans tragen Trikots aus allen Epochen, vor allem aus den 70er Jahren, als Oranje Vizeweltmeister wurde, und aus dem Jahr 1988, als sie die Europameisterschaft gewannen.

Applaus beim Antritt der Mannschaft. Den „Wilhelmus“, die niederländische Nationalhymne, brummeln die Fans eher pflichtschuldig mit, die Melodie ist nicht gerade ein Ohrwurm und auch nicht unbedingt mitreißend. Kurios: Im Text der ersten Strophe werden genau die drei europäischen Staaten erwähnt, die auch im Viertelfinale stehen.

Beim Anpfiff regnet es Konfetti in der Farbe des Königshauses, ein hübscher Kontrast zum strahlend blauen Sommerhimmel.

Danach erhält die gute Stimmung mit dem ersten Tor der Brasilianer schnell einen Dämpfer. In der Pause herrschen Skepsis und Hoffnungslosigkeit. Später erfährt man, daß in der Kabine keiner mehr an den Sieg geglaubt hat.

In der zweiten Halbzeit das genaue Gegenteil: Aus Lethargie wird Raserei. Vollkommen unvermittelt fällt das Ausgleichstor, eine Viertelstunde später steht es plötzlich 2:1 für die Niederlande, weitere fünf Minuten später kassiert der Brasilianer Felipe Melo Rot für einen beherzten Tritt in die Kniekehlen von Arjen Robben. Fäuste recken sich gen Himmel, Konfetti und Bier fliegen durch die Luft, ein Fan besprenkelt sein erhitztes Umfeld mit Wasser aus einer Sprühflasche aus dem Floristenzubehör.

Hardcore-Kirmestechno

Wir sehen noch einige gefährliche Szenen, zweimal schafft Brasilien fast noch den Ausgleich, Robben spielt den kürzesten Eckball aller Zeiten, dann endlich der Schlußpfiff und schäumende Euphorie in Orange. Einige Stunden lang wird jetzt auf dem Oude Markt getanzt – zu fürchterlichem Hardcore-Kirmestechno, den man eigentlich keine Viertelstunde am Stück ertragen kann. Etwa alle drei Minuten schreit der DJ ins Mikrofon: „Nederland staat in de halve finale, NL heeft 2:1 van Brazilie gewonnen!“

Bis in die Seitenstraßen dringt der Beat, auch die orangefarbene Beflaggung findet man hier allenthalben, doch die Freude ist hier wesentlich beschaulicher: Als wir im Restaurant sitzen, kommt ein in Orange gekleideter Mann vorbei und versucht, die Menschen mit einem aufmunternden "Kom op, wij zijn in de halve finale!" zu Begeisterungsstürmen zu animieren - erfolglos.

Einen Tag später steht fest: Auch Deutschland und Spanien stehen im Halbfinale – en wie weet... . Karl V., wenngleich selbst überaus unsportlich, wäre wahrscheinlich stolz gewesen.

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