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Der Arbeiterkaiser
POLITIK | AUGUST BEBEL (15.08.2013)
Von Frank Fehlberg
August Bebel war im Deutschen Reich von 1871 der "rote Kaiser". Er einte die Sozialisten und machte die SPD zur größten Partei im Reichstag. Die wichtigsten Schritte ging er in Leipzig - Sachsen wurde zum Kernland der Sozialdemokratie.

Library of Congress

Wandelte sich vom Liberalen zum Marxisten: August Bebel. (c) Library of Congress

Als Sohn eines preußischen Unteroffiziers wurde August Bebel in Köln-Deutz geboren. Nach der Volksschule und dem Tod der Eltern absolvierte er bis 1857 eine handwerkliche Lehre zum Drechsler. Die an die Lehre angeschlossene Walz des Gesellen - er wollte Meister werden - endete in Leipzig, wo er sich niederließ. Die sozialistische Arbeiterbewegung und ihre Theoretiker hatten ihn bis dahin noch nicht erreicht. Gerade die Liberalen mit ihren Selbsthilfe- und Arbeiterbildungsvereinen seien damals den meisten Arbeitern noch als "Ausbund der Volksfreundlichkeit erschienen", so Bebel in seinen Erinnerungen.

Bebel für Bildung

So schloss er sich 1861 dem Gewerblichen Bildungsverein in Leipzig an, der eine politische Ausrichtung vermied. Beeindruckt von der Mischung aus liberalem Bildungsbürgertum und aufkommender Arbeiterbewegung ließ sich der junge Handwerker von den Angeboten des Vereins locken. Er übte die öffentliche Rede ein und lernte aktive Arbeiter wie Julius Vahlteich und Friedrich Wilhelm Fritzsche kennen. Einer entschieden politischen Ausrichtung des Vereins, wie die beiden sie forderten, konnte Bebel nicht folgen, da er zuallererst weiter von den Bildungsangeboten profitieren wollte. Vahlteich und Fritzsche traten aus - und machten sich mit Ferdinand Lassalle an die Gründung der ersten deutschen Arbeiterpartei (ADAV).

"Arbeiter nicht reif fürs Wahlrecht"

Von Lassalle hatte Bebel bis dahin nichts gehört, doch arbeitete er zunächst weiter mit Vahlteich und Fritzsche zusammen. Hohe tägliche Arbeitsbelastung an der Drehbank habe ihn schließlich zum Rückzug aus den Partei-Vorbereitungen gezwungen. Lassalles Kontakte zu den Konservativen und seine Forderungen nach dem allgemeinen Wahlrecht verstand er in seiner Erinnerung als hintergründiges Manöver Otto von Bismarcks. Der Preußische Ministerpräsident habe sich mit dem "demokratischsten aller Wahlrechte" und arbeiterfreundlichen Geschenken der Liberalen entledigen wollen. Ganz im Sinne dieser äußerte Bebel in einer Rede vor dem Bildungsverein, dass er das "allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht" ablehne, "weil die Arbeiter dafür noch nicht reif seien".

1864 machte sich Bebel als Drechslermeister selbstständig und wurde Vorsitzender des Leipziger Bildungsvereins. 1865 ließ sich Wilhelm Liebknecht in Leipzig nieder, der den in der Abneigung zu Lassalle geprägten Bebel an den Marxismus heranführte. Nun erkannte Bebel, dass der Liberalismus "nur politisch brave und gehorsame Kinder" unterstütze und neigte sich auch dem politischen Sozialismus zu. Mit Liebknecht gründete er 1866 die Sächsische Volkspartei und 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in dem Bestreben, sich vom interessegeleiteten Bürgertum zu lösen. 1867 zog Bebel in den Reichstag des Norddeutschen Bundes ein. Er sollte das Parlament bis zu seinem Tod 1913 nicht mehr dauerhaft verlassen. Sein Mandat erhielt er jedoch nie aus Leipzig selbst.

Zwei Jahre in Festungshaft

Zusammen mit Liebknecht wurde er 1872 in Leipzig auf Betreiben Bismarcks wegen Hochverrat zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Beide hatten die Zustimmung zu den Kriegskrediten für den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 verweigert und sich mit der Pariser Kommune solidarisch erklärt. Es sollte nicht Bebels letzte Gefängnisstrafe und Gelegenheit zu umfangreichem Selbststudium bleiben.
1875 gründete Bebel die Sozialistische Arbeiterpartei in Eisenach mit, in der sich ADAV und SDAP vereinigten. In der Zeit des "Sozialistengesetzes" gegen die Sozialdemokratie (1878-1890) profilierte sich Bebel im Reichstag als scharfer gesellschaftlicher Kritiker. Er verfasste eigenständige Schriften, die nun stark marxistische Züge trugen. 1881 führte seine polizeiliche Überwachung zur Ausweisung aus Leipzig. Er zog zunächst nach Borsdorf vor die Tore der Stadt, später nach Dresden.
Die erniedrigende Behandlung von Sozialdemokraten durch die Regierung trug oft erst zu ihrer Radikalisierung bei. Doch wurde die SPD nach 1890 unter Bebel mit "wachsendem Sinn für realistische Staatlichkeit" (Theodor Heuss) geführt. Die Partei befand sich auf der Linie ihres marxistischen Vordenkers Karl Kautsky, der 1893 schrieb: "Die Sozialdemokratie ist eine revolutionäre, nicht aber eine Revolutionen machende Partei." Diese Position zwischen "staatsfrommen" Lassalleanern und marxistischen "Berufsrevolutionären" ermöglichte Bebel die Vermittlerrolle zwischen den Parteiflügeln. Ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg und der beginnenden äußeren Spaltung der Partei starb August Bebel.


Daten: Drechsler, Mitglied des (Norddeutschen) Reichstages (1867-1881 u. 1883-1913), Mitglied des Sächsischen Landtages (1881-1890), Mitgründer der Sächsischen Volkspartei (1866), der SDAP (1869), der SAP (1875), Vorsitzender der SPD (1892-1913)

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