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Der Zebrastreifen - vom Aussterben bedroht
KULTUR | AUFGEPASST (10.12.2009)
Von Sascha Baier
Es ist ein Naturgesetz. Die Savanne ist ein Geben und Nehmen. Für die Starken weniger Geben denn Nehmen, für die Schwächeren bleibt oftmals nur die Flucht. Die Flucht in Erdlöcher, auf Bäume, über Wald und Wiesen. Doch was, wenn man nicht mehr flüchten kann? Oder es nicht mehr will? Ein altes Zebra kennt seine Bestimmung.

Ausgedörrt, schwach, gebrechlich. Es wartet darauf, sich erlegen zu lassen, um dem ewigen Kreislauf nicht im Wege zu stehen. Dieses alte Zebra begegnet uns alltäglich. Oder zumindest seine Streifen.
photocase.com (codswollop)

Verkehrswesen (c) photocase.com (codswollop)

Auf der Straße. Als „sogenannter“ Fußgängerüberweg. Dieses alte Zebra sollte eigentlich jung sein. Jung und dynamisch. Von allen geachtet, von allen respektiert und angesehen. Doch es kränkelt, verschwindet in der Dunkelheit des Egoismus, macht sich unsichtbar, zieht sich zum Sterben zurück.

Gesetze versus Realität

Laut Paragraph 26 der Straßenverkehrsordnung haben Fahrzeuge an Fußgängerüberwegen den Verkehrsteilnehmern (Fußgänger, Rollstuhlfahrer), welche den Überweg erkennbar benutzen wollen, das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen, indem sie mit mäßiger Geschwindigkeit heranfahren oder entsprechend vor dem Überweg stehen bleiben.

Aber entspricht dies der Realität? Wohl kaum. Beim Überqueren eines Fußgängerüberwegs ist man als verwundbarer Verkehrsteilnehmer aus Vernunftgründen dazu angehalten anzuhalten. Erst bei relativer Sicherheit darf man sich auf die Straße wagen und erst dies scheint für die meisten Autofahrer ein Grund zu sein, das Tempo zu reduzieren. Das nennt man dann „Rücksichtnahme“, weil dem elenden Leben vor der Stoßstange nicht einfach der Gnaden-Umnagler gegeben wird.
Schon lange wird die Geschwindigkeit vor einem Zebrastreifen nicht mehr präventiv gedrosselt. Schon lange wird einem Fußgänger, der „den Überweg erkennbar benutzen“ will, das Überqueren nicht mehr problemlos ermöglicht. Vielmehr muss man sich entweder dieses Recht ohne Rücksichtnahme auf Verluste (sprich: seine Gesundheit) erkämpfen oder sich wie das alte Zebra, krank und einsam, zum Sterben zurückziehen.

Das mächtige Raubtier, welches sich unverwundbar hinter mehreren Lagen Blech durch die Savanne schnauft, bestimmt die Regeln.
Alle anderen haben sich zu fügen.
Sei es die zweirädrige Antilope, die elegant, aber gebrechlich umherhopst oder aber die langsam und gemächlich voranschreitenden Spezies.
Alle anderen haben sich zu fügen.

Drastische Strafen als Rettung?

Doch woran liegt es, dass der Mensch, nach eigener (Fehl-)Einschätzung das intelligenteste Lebewesen auf Gottes Spielwiese, sich den niederen Instinkten der Tierwelt ergibt und den Straßenverkehr entgegen aller humaner Logik und allen in der Straßenverkehrsordnung festgehaltenen Vorschriften widersetzt? Wann hat der Zebrastreifen seine Bedeutung verloren? Ist die Welt hektischer geworden in den letzten Jahrzehnten, so dass niemand mehr die immens kostbare Zeit zu verlieren hat und seien es auch nur magere zehn Sekunden? Ist die Gesellschaft egoistischer geworden, so dass man sein Recht und die eigene Bedeutung entgegen aller geltenden Gesetze über das seiner Mitmenschen stellt? Oder ist durch den Fokus auf Geschwindigkeitsüberschreitung und Ampeln (und die damit verbundenen, erhöhten Strafen) die Bedeutsamkeit des schützenswerten Zebras in den Hintergrund gerückt?

Fakt ist, dass diese Vergehen zu selten geahndet werden, da es sich den üblichen Blitzgeräten entzieht, die persönliche oder visuelle Überwachung zu teuer oder aufwendig auszuwerten ist und es sich bei einem Bußgeld von 50 Euro und 4 Punkten nur ansatzweise „lohnt“, mal genauer hinzuschauen. Während die Missachtung einer roten/gelben Ampel bis zu 200 Euro, 4 Punkte und 1 Monat Führerscheinentzug bedeuten kann, erscheint es zu unrentabel, dieses schlichte Vergehen gezielt zu kontrollieren. Aber würden drakonische Strafen für die Missachtung einer unauffälligen, blauweißschwarzen Tafel mit seltsamen Morsezeichen auf der Fahrbahn die Menschen abschrecken? Vielleicht, denn zumindest würden die Menschen mal wieder daran erinnert, auch alten, kränkelnden Zebras den ungefährdeten Lebensraum einzugestehen, den es in einer „modernen“ Gesellschaft eigentlich verdient hätte.

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